Lauf Junge Lauf

Gut und gerne hätte Pepe Danquart seinen ersten Spielfilm seit 2005 so nennen können wie seine zuletzt beeindruckenden Dokumentarfilme, „Am Limit“ oder „Höllentour“ nämlich. Erzählt wird in „Lauf Junge lauf“ die wahre Geschichte eines jüdischen Polenbuben, dem 1942 die Flucht aus dem Warschauer Ghetto gelang und der sich bis zum Ende des Krieges alleine durchs Leben schlug. Seinen entbehrungsreichen und stets voller Gefahren steckenden Weg in die Freiheit zeichnet der Freiburger Regisseur in diesem berührenden Überlebensdrama nach.

Webseite: www.laufjungelauf-derfilm.de

Deutschland 2013
Regie: Pepe Danquart
Darsteller: Andrzej und Kamil Tkacz, Elisabeth Duda, Itay Tiran, Zbigniew Zamachowski, Jeanette Hain, Lukasz Gajdzis, Rainer Bock
125 Minuten
Verleih: NFP Marketing & Distribution
Kinostart: 17.4.2014
Verleih-Infos hier..

PRESSESTIMMEN:

"Eine fesselnde und bewegende Erzählung. Keine einzige Minute ist überflüssig."
Süddeutsche Zeitung

"Eine Ode an das Leben."
ARD Tagesthemen

FILMKRITIK:

Adrenalinausschüttungen beim Kinobesuch – Pepe Danquart hat sie in seinen beiden hochleistungssportlich motivierten Dokumentarfilmen über die Huber-Buam („Am Limit“) und die Tour de France-Strapazen („Höllentour“) durch seinen packenden Inszenierungsstil hervorgerufen. Dokumentarisch am Ball bleibt der Ende 50-jährige Regisseur nun mit der Verfilmung einer wahren Geschichte aus der Zeit des Dritten Reiches, die der Romanautor Uri Orlev 2002 unter dem Titel „Lauf Junge lauf“ veröffentlicht hat und die in 15 Sprachen übersetzt worden ist. „Eine solche Geschichte muss erzählt werden“, hat sich der auch als Produzent hinter dem Projekt stehende Pepe Danquart gesagt und den Worten nun eben diesen Spielfilm folgen lassen als Verbeugung vor jenen Menschen, die den Verfolgten jener grausamen Jahre geholfen haben.
 
Die Geschichte des zu Beginn seiner Flucht im Sommer 1942 achtjährigen Srulik ist schnell zusammengefasst. Versteckt unter einem Pferdekarren entkommt er dem Warschauer Ghetto, versteckt sich in den nahe gelegenen Wäldern und schließt sich anderen Kindern an. Sie bringen ihm bei, wie es sich in diesen schwierigen Zeiten überleben lässt und wie leicht es ist, sich beim Streifzug durch Gärten Essen bis hin zum Hühnchen zu organisieren. Im ersten Winter nimmt sich eine katholische Polin, deren Mann und Söhne mit den Partisanen untergetaucht sind, seiner an. Bei ihr bekommt er eine neue Identität, aus Srulik wird Jurek, dem eine Kreuzkette um den Hals hängt und der nun stets darauf achten wird, weder als Judenjunge entlarvt zu werden noch zu lange an einem Ort zu bleiben. Schnell nämlich merkt der Bub: als braver Katholik gibt’s gerne einen Schöpfer mehr Suppe und einen weiteren Kanten Brot auf den Teller.
 
Pepe Danquart hat eine gute Balance gefunden zwischen spannenden und bedrohlichen Szenen und Momenten, in denen man sich keine Sorgen um den Jungen machen muss und dieser einfach auch mal unbeschwert ein Kind sein kann. Ab und an sorgen Rückblenden dafür, seine Erinnerung an die Zeit mit seiner Familie wachzuhalten. Raffiniert an der Besetzung des Films ist, dass sich die beiden Zwillingsbrüder Andrzej und Kamil Tkacz die Hauptrolle geteilt haben. Danquart hat sie jeweils so eingesetzt, wie es für die glaubhafte Darstellung der je nach Szene notwendigen Stimmungen und Anforderungen sowohl physischer wie auch seelischer Natur sowie für den schleichenden Prozess des Identitätsverlustes des Jungen erforderlich war. Trotz der dramatischen Ereignisse, zu denen auch der Verlust eines tierischen Freundes, rücksichtlose Zerstörung und Gewalt durch Soldaten, Gefahr durch Verrat und ein folgenschwerer Unfall gehören, wirkt der trotz seines traurigen Tons stets auch von Hoffnung getragene Film nicht überdramatisiert. Schade lediglich, dass die begleitende Orchestermusik auf der Tonspur die im Prinzip für sich stehende Authentizität von Kriegserleben und Kriegsalltag mit einem zu viel an Pathos doch wieder überhöht. Ohne dass es in jedem Bild großartig ausbuchstabiert werden muss, schwingt bei Danquart immer auch die gesamte Holocaust-Geschichte mit.
 
Drei Jahre dauert die Flucht des Jungen. Was ihm am Ende das Überleben sichert, ist immer wieder die große Hilfsbereitschaft von Menschen, die im Fall des von Rainer Bock gespielten deutschen Nazi-Offiziers auch mal auf Seiten der Bösen stehen können, schlussendlich aber doch auch menschliche Seiten zeigen. Für den Jungen ist es eine Höllentour, die ihn wiederholt ans Limit bringt, ihn aufgrund der einst von seiner Mutter eingeimpften Worte „Du musst überleben, darfst niemals aufgeben. Du musst Deinen Namen vergessen, aber niemals, dass du ein Jude bist“ tatsächlich alle Gefahren überstehen lässt. Der wahre Gehalt dieser Worte wird dem Jungen erst gewahr, als der Krieg vorüber ist und ein Mitarbeiter eines jüdischen Waisenhauses ihn bei seiner Ersatzfamilie aufspürt. Die historische Wahrhaftigkeit dieses eindrucksvollen Jugendabenteuers bezeugt am Ende dann ein kurzer Besuch von Pepe Danquart am Strand von Tel Aviv, wo mit Yoram Fridman jener Mann vor die Kamera tritt, dem dieses zutiefst berührende und fesselnde Schicksal wiederfahren ist.
 
Thomas Volkmann