Leanders letzte Reise

Wie aus einer im Kern spannenden Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg ein bemühter, aber nur streckenweise gelungener Film wird, zeigt Nick Baker Monteys „Leanders letzte Reise“, in dem ein von Jürgen Prochnow gespielter Weltkriegsveteran im hohen Alter auf die Schlachtfelder seiner jungen Jahre zurückkehrt. Ein in jeder Hinsicht sehr deutscher Film.

Webseite: www.LeandersLetzteReise.de

Deutschland 2016
Regie: Nick Baker Monteys
Buch: Nick Baker Monteys, Alexander Umminger
Darsteller: Jürgen Prochnow, Petra Schmidt-Schaller, Tambet Tuisk, Suzanne von Borsody, Artjom Gilz
Länge: 107 Minuten
Verleih: Tobis
Kinostart: 21. September 2017

FILMKRITIK:

Mit 92 Jahren stirbt die Frau von Eduard Leander (Jürgen Prochnow) und macht den Weg frei für eine Reise, die der alte Mann seit Jahrzehnten nicht antreten konnte oder wollte: In die Ukraine will der ehemalige Wehrmachtssoldat reisen, der dort als Teil einer Kosakeneinheit diente. Seine Tochter Uli (Suzanne von Borsody) ist wenig begeistert vom Ausflug des Vaters und schickt ihre Tochter Adele (Petra Schmidt-Schaller) zum Bahnhof, um Leander aufzuhalten. Doch der ist fest entschlossen, seinen Plan umzusetzen und so fährt Adele kurzerhand mit in den Osten.
 
Interesse an der Vergangenheit ihres Großvaters hat Adele ebenso wenig wie Wissen um die deutsche Geschichte und so wird die Odyssee durch Polen, in die Ukraine, zunächst nach Kiew, dann weiter nach Osten, in die Nähe der russischen Grenze, auch zu einer Lehrstunde. Begleitet wird das Duo bald von Lew (Tambet Tuisk), einem Ukrainer russischer Herkunft, der sich angesichts des gerade beginnenden Konflikts der Ukraine mit Russland, zwischen den Stühlen wähnt, denn Teile seiner Familie leben im ukrainisch beherrschten Westen des Landes, andere im russisch geprägten Osten.
 
Zu dritt suchen sie vordergründig nach einer Frau, die Leander einst liebte, vielmehr aber nach Antworten auf Fragen, die gerade die beiden jungen Menschen sich bislang noch gar nicht gestellt hatten.
 
Man könnte Nick Baker Monteys zweiten Langfilm, den er seit seinem erfolgreichen Debüt „Der Mann, der über Autos sprang“ entwickelt hat – also seit gut sieben Jahren – heranziehen, um aufzuzeigen, wie deutsche Filmförderstrukturen funktionieren. Auf dem Papier ist die Geschichte einer deutsch-ukrainischen Kosakenkompanie, die während des zweiten Weltkriegs im fernen Osten kämpfte ein fraglos spannendes Thema, anhand dessen viele Fragen von Schuld und Sühne aufgezeigt werden könnten. Doch dabei belässt es Monteys nicht, sondern führt mit dem aktuellen Konflikt in der Ukraine eine zweite Dimension ein, die  die eigentliche Geschichte spiegeln soll, sie aber nur verwässert.
 
Was auch am Hang des Regisseurs und seiner Co-Autorin liegt, Exposition und historische Hintergründe in Dialogszenen einzubauen, die überdeutlich sind: „Waren Sie in der Wehmacht oder der SS?“ fragt da etwa eine Mitreisende Leander. „In der Wehrmacht.“ ist die Antwort, woraufhin es erklärenderweise heißt: „Die Wehrmacht hat in Babyn Jar 33.000 Juden umgebracht.“, was vielleicht eine wichtige Information ist, um die Komplexität der deutschen Schuld auf dem östlichen Kriegsschauplatz anzudeuten, aber ein so hölzerner Dialog, das er den Film zum Stillstand bringt.
 
Erst in der zweiten Hälfte, wenn die ausufernde Exposition abgehakt ist, die viel zu umfangreiche Handlung endlich in die Wege gebracht ist, besinnt sich Monteys auf filmisches Erzählen, findet in den Weiten der ostukrainischen Landschaft eindringliche Bilder, lässt seine Schauspieler nun auch einmal einfach in Ruhe, ohne ihnen allzu sprechende Dialoge in den Mund zu legen und findet nun, spät aber doch noch Wege, auf ansprechende Weise von relevanten Fragen zu erzählen. Schade nur, dass „Leanders letzte Reise“ bis dahin eine solch schwerfällige Kopfgeburt ist.
 
Michael Meyns