Leaning into the Wind – Andy Goldsworthy

Nach seinem überwältigenden  Überraschungserfolg „Rivers and Tides“ trifft sich Regisseur Thomas Riedelsheimer erneut mit dem weltbekannten, schottischen LandArt- Künstler Andy Goldsworthy. Dem preisgekrönten Dokumentarfilmer gelingt es auch diesmal das Universum des faszinierenden LandArt-Poeten in eine meditative Bildsprache umzusetzen. Begleitet von den Tönen des Ausnahmemusikers Fred Frith zeigt sein feinfühliges  Portrait welche Spuren die Zeit bei dem weltoffenen Künstler hinterlassen haben. Nachdenklicher, ernster und rauer, macht sich der Brite mittlerweile zur eigenen Skulptur in der Landschaft. Immer öfter begleitet ihn dabei seine begabte Tochter Holly. Ein sinnliches Kinoerlebnis, das wunderbar entschleunigt und zur mehr innerer Ruhe und Gelassenheit beiträgt.

Webseite: www.piffl-medien.de

Deutschland, UK 2016
Regie, Kamera & Schnitt: Thomas Riedelsheimer
Darsteller: Andy Goldsworthy, Tina Fiske, Holly Goldsworthy
Musik: Fred Frith
Länge: 97 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Kinostart: 14. Dezember 2017

FILMKRITIK:

Nicht zuletzt nach seiner großartigen Doku „Im Fluss der Zeit“ hat Regisseur Thomas Riedelsheimer ein starkes Faible für den schottischen Land-Art-Künstler Andy Goldsworthy entwickelt.  Kein Wunder, denn wie den britischen Ausnahmekünstler  reizt den preisgekrönten Kameramann und Cutter immer wieder die Herausforderung Momente des Vergänglichen hin zur Entdeckung des „ästhetischen Augenblicks“ mit der Kamera festzuhalten. Denn zu Beginn waren es eher seine Kunstbücher und weniger seine Ausstellungen, die Goldsworthy zu einem stillen Star der internationalen Kunstszene machten.
 
„Ich glaube die Schönheit von Kunst ist“, sagt Andy Goldsworhty in Riedelsheimer neuen Meisterwerk, „dass sie einem dazu verhilft, die normale Art des Gehens oder Schauens zu durchbrechen“.  Und das demonstriert der Brite mit seinen Inszenierungen und Werken anschaulich. Nach wie vor ist hauptsächlich die Natur bei ihm – wie bei einem klassischen Bildhauer – sein Material. Nachdenklicher, ernster und rauer, macht sich der weltoffene Künstler inzwischen immer öfter selbst zur eigenen, lebendigen Skulptur in der Landschaft. Spektakulär klettert er in seiner schottischen Heimat durch einen dornigen, bizarren Zaun aus Schlehenhecken. Vor dem regengrauen Horizont wirkt seine dunkle Silhouette wie ein übergroßes Insekt. 
 
Seine Werke, wie flüchtig auch immer sie sein mögen, sollen zwar auch eine einfühlende Beziehung zur Natur manifestieren. Doch schlichte Gesten allein genügen dem agilen 61jährigen nicht mehr. Seine Installationen sieht er heute nicht nur als Metaphern für die ökologische Krise. Nach wie vor treibt den kreativen Puristen der unbändige Wille zu verstehen. „Ich möchte hinter die Oberfläche sehen“, betont er. Doch bei einem skulpturalen Eingriff  in der spanischen Extremadura bremst er sich plötzlich. Er schafft es nicht den Fels zwischen der Macchia aus dem Boden zu fräsen.
 
„Ich habe sonst nur mit Fels aus Steinbrüchen gearbeitet“, erklärt er. Und entschuldigt sich beim Kamerateam, dass sie zu früher Stunde antreten mussten. Doch das geduldige, manchmal vergebliche Warten gehörte bereits bei der ersten Doku zum natürlichen Bestandteil der Dreharbeiten. Trotzdem macht ihn diese Geste sympathisch. „Je älter ich werde, desto mehr muss ich mit Verlust umgehen“, verrät er. Offen spricht er dabei in diesem Zusammenhang auch über seine gescheiterte Ehe. Feinfühlig zeigt die Doku so Spuren die die Zeit bei Künstler und Werk hinterlassen haben.  
 
Denn nach wie vor ist die Zeit selbst als die größte Zaubermeisterin in allen Arbeiten Goldsworthys gegenwärtig. Das Evolutionäre – der Wechsel von einem in den anderen Zustand oder Status – verweist letztendlich immer wieder auf das Fragile des Seins. Berührend setzt die Doku auch seine Beziehung zu seiner erwachsenen Tochter Holly in Szene. Sie unterstützt den Vater hingebungsvoll. Gemeinsam stehen sie in einem flammend purpurroten Mohnfeld und sammeln Blütenblätter für seine Blattskulpturen. Dankbar kniet er danach mit ihr an einem kleinen Bachbett und entlässt die Blüten an seinen beiden Händen ins dahin fließende, plätschernde Wasser.
 
Schon zu Beginn seiner künstlerischen Laufbahn widmet sich der faszinierenden LandArt-Poet der Entgrenzung von traditionellen Bildträgern wie Malerei und Zeichnung. „Ich habe nichts auf der Kunstakademie gelernt“, gesteht der verschmitzte Ausnahmekünstler heute, „sondern alles in der Natur.“ Von Anfang an bricht er damit mit dem kommerziellen Kunstbetrieb. Seine avantgardistischen Projekte setzen sich weltweit trotzdem durch. Nicht zuletzt verhelfen ihm exzellente, außergewöhnliche Dokus wie diese, mit ihrer kontemplativen Ästhetik und meditativen Sog, zu einer Fangemeinde. Denn sie machen Kino zu einem sinnlichen Erlebnis, das wunderbar entschleunigt und zu mehr innerer Ruhe und Gelassenheit beiträgt.
 
Luitgard Koch