Lebanon

www.centralfilm.de „Lebanon“, Gewinner des Goldenen Löwen von Venedig 2009, ist ein formal ambitioniertes Kammerspiel. Praktisch komplett aus dem Inneren eines Panzers erzählt Regisseur Samuel Maoz vom ersten Tag des Lebanon-Krieg 1982, den er selbst erlebte. Die reduzierte Perspektive führt zu teilweise verstörenden Einblicken in das Leben der Soldaten, aber auch zu fragwürdiger Stilisierung und Reduktion.

Webseite: www.centralfilm.de

Israel 2009, 92 Minuten
Regie, Drehbuch: Samuel Maoz
Kamera: Giora Bejach
Schnitt: Arik Lahav-Leibovich
Musik: Nicolas Becker
Darsteller: Yoav Donat, Itay Tiran, Oshri Cohen, Michael Moshonov, Zohar Strauss, Dudu Tassa, Ashraf Barhom
Verleih: Senator/Central
Kinostart neu: 14.10.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Als Israel 1982 den Libanon angriff, saß Samuel Maoz als Schütze in einem Panzer. Jetzt hat der israelische Regisseur seine Erlebnisse zu einem grandiosen Spielfilm verarbeitet.  – Ein Meisterwerk gegen den Krieg. – Ein Film, den man wohl nie vergisst…
Der Spiegel

Vier israelische Soldaten erleben in ihrem Panzer den ersten Tag der Libanon-Invasion 1982 – grausames, packendes Kriegsdrama im Kammerspielgewand -, das 2009 verdient den Goldenen Löwen des Festivals in Venedig gewann.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Ein Feld, eher matt- als sattgrün, Sonnenblumen hängen ihre Köpfe nieder, dann fegt die Druckwelle einer Explosion über die scheinbare Idylle. Für 90 Minuten wird dies die einzige Einstellung sein, in der Natur, der Himmel zu sehen ist, ein entferntes Gefühl von Frieden spürbar ist. Fortan begibt sich „Lebanon“, der mit dem Goldenen Löwen von Venedig ausgezeichnete Debütfilm des israelischen Regisseurs Samuel Maoz, in den Bauch eines Panzers und verlässt ihn zumindest physisch nie. Verbindung zur Außenwelt hat die vierköpfige Besatzung nur per Funkgerät sowie den Sichtgeräten von Fahrer und Bordschütze. Das große Ganze des Krieges, ja selbst des Einsatzes, den die Panzerbesatzung durchführen soll, bleibt somit von Anfang an dezidiert unsichtbar.

Lose erfährt die Besatzung ihre Mission: Sich durch eine schon von feindlichen Einheiten „gesäuberte“ Stadt durchschlagen und ein sinnigerweise St. Tropez genanntes Hotel erreichen. Ganz einfach sei dies, aber natürlich kommt alles anders. Mitten im Feindesland wird der Panzer attackiert und muss in Deckung gehen. Während per Sprechfunk versucht wird, einen Ausweg aus der misslichen Lage zu erreichen, spitzen sich im Inneren des Panzers die persönlichen Konflikte der Mannschaft zu. Mitglieder der von Israel unterstützten christlichen Phalangisten sollen dem Panzer schließlich einen Weg aus der Gefahrenzone weisen, doch dafür ist es fast zu spät.

„Lebanon“ erinnert in vielerlei Hinsicht an Ari Folman „Waltz with Bashir.“ Beide Filme sind formal ambitioniert und reflektieren die Erlebnisse der jeweiligen Regisseure, während sie als junge Männer im Lebanon-Krieg kämpften. Mit der jeweils gewählten eingeschränkten Perspektive, die sich fast ausschließlich auf Los und Leid der israelischen Soldaten konzentriert, verzichten die Filme dezidiert auf eine Analyse der Umstände des Krieges. Über ein „Krieg ist die Hölle“ gehen sie nicht hinaus, ihre Stärken liegen weniger in inhaltlicher als visueller Originalität – die bei Folman um einiges konsequenter eingesetzt wird als bei Maoz. Der war zwar selbst Mitglied einer Panzerbesatzung und erlebte zumindest ähnliche Dinge, wie die Figuren in seinem Film, die Art und Weise wie er den Kriegseinsatz schildert, ist dennoch alles andere als realistisch. Im Zweifelsfall entscheidet sich Maoz gegen eine authentische Darstellung des begrenzten Raumes (wie es etwa das offensichtlich Vorbild „Das Boot“ machte) und für dramatische Bilder: Im Panzer bilden sich etwa riesige Wasserlachen, die vor allem für dramatische Spiegelungen und das zischende Eintauchen von Zigaretten taugen. Die Sichtgeräte wiederum, mit denen die Umgebung des Panzers, die Schrecken des Krieges eingefangen werden, lassen sich beliebig in jede Richtung drehen, man kann effektvoll auf Leichen zoomen oder die Träne einfangen, die aus dem Auge eines sterbenden Esels fließt. Das ist alles ein wenig überdeterminiert, stilisiert das Kriegsgeschehen in altbekannter Manier, die der eigentlich originellen Form des Films drastisch widerspricht. Der faszinierende Ansatz von „Lebanon“, die Isolation des einzelnen Soldaten vom allgemeinen Kriegsgeschehen auch in räumliche Isolation zu übersetzen, führt gerade angesichts der gewählten Stilisierung auf Dauer in eine erzählerische Sackgasse, aus der sich Samuel Maoz allzu oft nur mit abgestandenen Kriegsfilmklischees befreien kann.

Michael Meyns

Einer der Kriege zwischen Israel und der PLO. Dieses Mal 1982 im Libanon.

Selten wurde im Film auf so drastische Weise gezeigt, wie grausam, wie unsinnig, wie unmenschlich Krieg ist.

Ein Trupp Fallschirmjäger und eine Panzerbesatzung müssen eine Ortschaft von PLO-Kämpfern „säubern“. Der Film spielt sich in wenigen Gelände- und Häuserkampfszenen, dafür im Wesentlichen im Innern des Panzers ab. Es sind vier, fünf junge Kerle, kaum älter als 20. Einer hat das Kommando.

Sie haben unterschiedliche Charaktere, Ängste, Befürchtungen, Schmerzen, Auffassungen, Wünsche. Die Stimmung im Panzer ist deshalb so explosiv wie draußen beim Kämpfen.

Die Israeli verlieren einen Soldaten. Jetzt wird nur noch aus allen Rohren gefeuert – egal ob auf Zivilisten oder auf PLO-Kämpfer.

Der Panzer hat sich auf syrisch beherrschtes Gebiet verirrt. Die Rettung stellt sich als äußerst schwierig heraus. Niemand weiß, wie der Einsatz enden wird.

Im Innern des Panzers ist es stickig, dunkel, heiß, schmutzig und vor allem laut, laut, laut. Dazu die Gegensätze, die Unschlüssigkeit, die Nervosität der Besatzung. Das Ganze ergibt eine Stimmung, die metaphorisch zum Ausdruck bringt, welche schlimmen Auswirkungen ein Krieg zeitigt – psychologisch und materiell.

Regisseur Samuel Maoz, selbst Libanon-Kämpfer, der einen Menschen tötete und seither nach eigener Aussage seine Traumata schlecht bewältigen konnte, hat sein Erlebnis mit einer Härte und Konsequenz dramatisiert und inszeniert, die eigentlich nicht mehr übertroffen werden können.

Insofern ein Antikriegsfilm, wie er eindringlicher nicht sein könnte. Auch wenn man manchmal viel Geduld haben und warten muss.

Die Darsteller sind hierzulande weniger bekannt, was der Qualität ihres Spiels keineswegs Abbruch tut. Sie geben in „Lebanon“ ihr Bestes.

Thomas Engel