Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin

Wie äußert sich das kollektiv vererbte Trauma des Holocaust im Alltag von Berliner Juden? In welchen Situationen und an welchen Orten in Berlin werden sie ganz besonders daran erinnert? Einige der wichtigsten Fragen, denen Alexa Karolinski in ihrer essayistischen Dokumentation „Lebenszeichen“ mit viel Feingefühl und erzählerischer Ruhe auf den Grund geht. Die nachdrücklichen Äußerungen der Interviewten, die über ihr Leben, den Alltag und die Traumata der Vergangenheit erzählen, zeigen: Die Erinnerung verschwindet nie ganz.

Webseite: www.salzgeber.de

Deutschland 2018
Regie & Drehbuch: Alexa Karolinski
Länge: 83 Minuten
Kinostart: 23. August 2018
Verleih: Salzgeber

FILMKRITIK:

Alexa Karolinski untersucht in ihrem neuesten Film, wie präsent die Schrecken des Zweiten Weltkriegs und des Nazi-Terrors im Leben der jüdischen Einwohner Berlins heute noch sind. Dafür sprach sie mit Freunden, Wissenschaftlern, Familienmitgliedern und zufälligen Bekannten. Zwei Generationen liegt der Holocaust mittlerweile für die meisten jüdischen Familien zurück. Doch verblassen die Erinnerungen daran wirklich? Und: Heilt die Zeit tatsächlich alle Wunden?

Mit ihrer sehr persönlichen Doku „Oma und Bella“, in der zwei Holocaust-Überlende im Mittelpunkt stehen, gelang Karolinski 2012 der Durchbruch. Mit dem Film startete sie zugleich eine Trilogie, in der sie sich mit jüdischer Identität und jüdischem Leben in Deutschland befasst. „Lebenszeichen“ ist der zweite Teil. Die in Berlin geborene Filmemacherin und Kunsthistorikerin lebt und arbeitete heute in Los Angeles.

Eine große Stärke von „Lebenszeichen“ ist die Vielfalt der  ausgewählten Interviewten, die alle Altersschichten (drei Generationen) abdecken und jederzeit offen über ihre Erfahrungen und Erinnerungen berichten. Und über die Last der Gewissheit. Der Gewissheit darüber, dass die komplette oder zumindest ein Großteil der eigenen Familie dem industriell betriebenen Massenmord zum Opfer fiel. Schnell wird klar, dass in ganz alltäglichen, scheinbar unbedeutenden Momenten und Situationen, die Gedanken daran doch immer wieder aufflammen – bei den Zeitzeugen selbst aber auch bei ihren Kindern, Enkeln und Ur-Enkeln.

Eine Freundin der Regisseurin, ca. Mitte 30, erzählt z.B. davon, dass sie die Inschrift eines Torbogens in Berlin an die „Arbeit macht frei“- Toraufschrift an den nationalsozialistischen Konzentrationslagern denken lässt. Und dass sie nicht mehr dort vorbeigehen kann, ohne dass ihr die Gedanken an die Shoa in den Kopf schießen. Die Mutter von Karolinski erzählt von einem Vorfall aus der Schulzeit ihrer Tochter. Ein Lehrer stellte der Klasse einst die Frage, ob diese den Schulausflug lieber mit Schlittschuhlaufen oder einem Besuch der KZ-Gedenkstätte in Sachsenhausen verbringen wolle. Welch Unverständnis und Wut diese eine, für die meisten anderen Menschen eher harmlos wirkende Frage bei Karolinskis Mutter auslöste, fängt der Film auf intensive Weise ein. Hier offenbart sich eine weitere Stärke von „Lebenszeichen“: die Fähigkeit der Filmemacherin, sich mit Geduld und Einfühlungsvermögen jenen sensiblen Themen, Erlebnissen und Emotionen der Befragten zu widmen und sie für den Zuschauer unmittelbar einzufangen.

Doch „Lebenszeichen“ wagt den Blick über den Tellerrand und hinterfragt zudem, was „Jüdischsein“ überhaupt bedeutet – und wie ein Leben im „Land der Täter“ das Verhältnis zur Heimat beeinflusst. Eine Antwort auf diese und ähnliche Fragen versucht Karolinski Bruder zu geben. Er, ein großer Fußballfan, schildert eindrücklich wie es sich für ihn als Juden anfühlt, wenn bei Länderspielen im Berliner Fußballstadion 70 000 Menschen die deutsche Nationalhymne singen.

Und nicht zuletzt bringt einem der Film auch noch die jüdische Kultur näher, wenn eine ältere Dame am Klavier jüdische und hebräische Lieder anstimmt. Zurückgenommen lässt Karolinski ihre Interviewpartner vor der Kamera agieren und sie das tun, was ihnen gerade in den Sinn kommt. So macht es auch die stilvolle Dame, deren vorgetragene Lieder einst auch von Juden in Auschwitz gesungen wurden. In solchen Momente schließt sich der Kreis und „Lebenszeichen“ spannt gekonnt den Bogen zu seinem Hauptthema. 

Björn Schneider