Leergut

Vor elf Jahren begeisterte der tschechische Regisseur Jan Sverák die Filmwelt mit „Kolya“. Jetzt erzählt er die Geschichte eines Mannes, der sich trotz seines fortgeschrittenen Alters noch nicht mit dem Rentnerdasein anfreunden will und eine Reihe von Gelegenheitsjobs annimmt. Eine wunderbar herzerwärmende Komödie, die mit einer Million Zuschauern in der Heimat der erfolgreichste Film seit Bestehen der Tschechischen Republik war.

Webseite: www.leergut-der-film.de

OT: Vratne Lahve
Tschechische Republik 2007
Regie: Jan Sverák
Buch: Zdenek Sverák
Darsteller: Zdenek Sverák, Daniela Kolárova, Tatiana Vilhelmová, Robin Soudek, Jiri Machácek
103 Minuten
Verleih: Koolfilm
Kinostart: 24.1.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Regisseur Jan Sverák und sein Vater Zdenek Sverák sind ein eingespieltes Team: Mit „Leergut“ beschließen die beiden den dritten Teil ihrer gemeinsamen Filmtrilogie, die von den drei Altersstufen des Lebens erzählt. In „Elementary School“ (1992) widmeten sie sich dem sorglosen Stadium der Kindheit, in „Kolya“ (1996) den Verantwortungen des Erwachsenendaseins und jetzt in „Leergut“ den kleineren und größeren Problemen eines Mannes, der in die Jahre gekommen ist. Zdenek Sverák schrieb dabei für alle Filme das Drehbuch und übernahm die Hauptrolle.

Hier spielt er den Lehrer Josef Weberknecht, der genervt von seinen aufmüpfigen Schülern das Handtuch schmeißt und sich vorzeitig in den Ruhestand verabschiedet. Doch die Tatsache, dass er fortan die meiste Zeit des Tages mit seiner launischen Ehefrau verbringen muss, bereitet ihm eher Kopfzerbrechen als Rentnerfreuden. Seine Vitalität und sein frischer Geist verbieten ihm es eigentlich, den Lebensabend zu genießen – man könnte es auch chronische Rastlosigkeit nennen. Daher heuert Josef als Fahrradkurier an und saust fortan in Höchstgeschwindigkeit durch ein verschneites Prag. Doch Josef muss schon bald einsehen, dass er für den Job zu alt ist: Bei einem Sturz bricht er sich den Fuß. Abhilfe scheint schließlich der Supermarkt um die Ecke zu leisten, als eine Personalkraft gesucht wird, die das Leergut entgegennimmt.

Die kleinen und kurzen Begegnungen im Supermarkt, wo Josef genau die Abwechslung und Gespräche voller Wahrheit und Humor findet, sind es, die Jan Sveráks Film so liebenswert machen. Die neuen Kollegen sind liebenswerte und tragische Helden des Alltags, die dem Publikum schnell ans Herz wachsen. Gemeinsam schwärmen sie für attraktive Kundinnen, die Jan auch bis nachts in seine erotischen Träumereien verfolgen. Der Humor funktioniert hier nach dem bewährten Muster der Gegensätze: Während sich Jan sexuelle Abenteuer wünscht (und sich sogar ärztlich checken lässt, ob sein Herz fit für „die Pille“ ist), leidet seine Frau unpassenderweise unter Zwangsneurosen, Minderwertigkeitskomplexen und chronischer Eifersucht. „Leergut“ sinniert insofern über die Tücken des Älterwerdens, zeigt aber auch, dass man auch ab 60 noch bereit sein kann, sich neuen Dingen zu öffnen, ja sogar muss, um seinen Lebensabend nicht als verbitterter Mensch zu verleben.

Zdenek Sverák, der in „Kolya“ als liebenswerter und ungewollter Neuvater das Publikum begeisterte, spielt nun einen reizenden Großvater, der in ständigem Tatendrang die Tatsache des Älterwerdens verklärt und sich so einige herrlich-tragische Momente leistet, die an Vicco von Bülows Rolle als unterforderter Pensionär in „Pappa ante Portas“ erinnern. Kurzweilig, schön und gut – „Leergut“ ist eine tschechische Alltagsgeschichte voller herzerwärmender Figuren, die gelegentlich – genau aufpassen! – mit inhaltlichen Querverweisen zu „Kolya“ auch genaue Filmhingucker begeistert.

David Siems 

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Man kann sehr gut verstehen, warum dies der erfolgreichste tschechische Film aller Zeiten wurde. Denn Autor und Regisseur Jan Sverak schuf schon vor Jahren „Kolya“, ebenfalls ein heller Stern am Kinohimmel. Wie man aus wenig viel machen kann, aus Kleinem Großes, beweist Sverak aufs neue.

Josef Weberknecht, „Beppo“ genannt, und seine Frau Eliska sind seit Jahrzehnten verheiratet. Die Ehe ist ein wenig eintönig und routiniert geworden. Kleine Aufmerksamkeiten, vor allem die Gesundheit betreffend, kleine Unachtsamkeiten, kleine Liebesversuche, kleine Bosheiten prägen den Alltag.

Beppo war Lehrer, ist jetzt in Rente. Doch es hält ihn nicht zu Hause. Weil er es mit ihr nicht mehr aushalte, weil er eine alte Frau nicht anschauen könne, meint Eliska.

Der Rentner sucht Arbeit. Als Fahrradkurier landet er im Graben. Besser läuft es im Supermarkt. Dort ist Beppo zusammen mit einem jungen Verliebten und einem alten Major für das Leergut zuständig. Der Schalter für die Flaschenrückgabe wird zur wahren Nachrichtenbörse.

Beppos Sorge gehört der von ihrem Arztehemann verlassenen frommen Tochter, die er an einen ehemaligen Kollegen von der Schule verkuppelt. Aber, und das ist wichtig, auch seinem vernachlässigten Sexualleben, das er mit Hilfe seines Schwiegersohnes aufpäppeln will. Doch ein Rendez-vous mit einer früheren Kollegin geht daneben, und auch seine übrigen „scharfen“ Partnerinnen sind lediglich Traumgestalten. Da ist der alte Weberknecht bei seiner eleganten, hellwachen, mitunter argwöhnischen und doch überaus liebevollen Frau noch am besten aufgehoben – vor allem am Vorabend des 40. Hochzeitstages.

Kleine Alltagsszenen, kleine Schwätzchen, kleine Gesten, kleine Versuche, kleine Sticheleien, kleine Wiedergutmachungen – hier geschehen keine sensationellen, großartigen, auf Show ausgerichteten Dinge. Aber alles ist so nah am Menschen, so natürlich und echt, so überzeugend – das gilt übrigens auch für das, was Beppo und seinen Kumpanen zunächst misslingt -, dass man erstens mit Vergnügen dabei bleibt und sich unterhält und dass man zweitens sich wiedererkennt oder davon sogar etwas abschauen kann.

Dazu kommt, dass Zdenek Sverak als Beppo und Daniela Kolarova als seine Ehefrau Eliska perfekt spielen. Ein filmischer Leckerbissen.

Thomas Engel