Let me in

Gut zwei Jahre nach dem Festival-Erfolg der schwedischen Vampir-Geschichte „So finster die Nacht“ hat nun endlich auch das amerikanische Remake den Weg zu uns gefunden. Nah am Original erzählt „Cloverfield“-Regisseur Matt Reeves von einer ungewöhnlichen Freundschaft zweier jugendlicher Außenseiter. Glücklicherweise blieben die Stärken des Originals bei dieser Transformation unangetastet. Die Frage, warum man einen nahezu perfekten Film erneut verfilmen soll, kann aber auch „Let Me In“ nicht beantworten.

Webseite: www.centralfilm.de

USA 2010
Regie: Matt Reeves
Drehbuch: Matt Reeves nach der Vorlage „So finster die Nacht“ von John Ajvide Lindqvist
Darsteller: Kodi Smit-McPhee, Chloë Grace Moretz, Elias Koteas, Richard Jenkins, Cara Buono
Laufzeit: 116 Minuten
Kinostart: 15.12.2011
Verleih: Wild Bunch, Vertrieb: Central

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Nur selten kann ein Remake dem Original Paroli bieten. „Let Me In“, die amerikanisierte Fassung der schwedischen Vampir-Geschichte „So finster die Nacht“, ist einer dieser Glücksfälle. „Cloverfield“-Regisseur Matt Reeves erzählt dicht am Original, dabei jedoch noch eine Spur düsterer und erwachsener. So sucht man den skurrilen nordischen Humor hier weitgehend vergebens. Auch die Figurenzeichnung ist weniger comichaft und damit letztlich realistischer gehalten. Was Original wie Neuverfilmung im Gegenzug verbindet, sind die großartigen Nachwuchsdarsteller, die in beiden Filmen die melancholische Coming-of-Age-Geschichte jederzeit glaubwürdig mit Leben erfüllen.

„Kick Ass“-Star Chloë Grace Moretz ist Abby, ein Vampire-Mädchen, das mit ihrem väterlichen Betreuer (Richard Jenkins) soeben in die Nachbarschaft des zwölfjährigen Owen (Kodi Smit-McPhee) gezogen ist. Abends treffen sich beide erst zufällig, dann regelmäßig auf dem Hof der Wohnanlage. Sie entwickeln Interesse an dem jeweils Anderen, fühlen sich auf besondere Weise mit ihm verbunden. Bei Owen ist da zunächst das Gefühl, dass ihn endlich jemand versteht und ihn so nimmt, wie er ist. In der Schule wird er von Klassenkameraden regelmäßig gemobbt und drangsaliert, zu Hause ist seine alleinerziehende Mutter nur selten wirklich für ihn da. Abby wiederum sucht einen ehrlichen Freund, der um ihr dunkles Geheimnis weiß und der sie dennoch deswegen nicht ablehnt oder verurteilt.

Bereits die ruhige Erzählweise von „Let Me In“ bricht mit den Konventionen des Horror- und Vampir-Genres, dem sich der Film auch ansonsten ganz bewusst zu entziehen versucht. Nur selten wie in der von Spannungsmusik unterlegten Einleitung wandelt Reeves’ Remake auf klassischen Genre-Pfaden, wobei der sparsame Einsatz der Mittel auch hier auffällt. Ansonsten vertraut Reeves wie schon sein schwedischer Kollege Tomas Alfredson vor allem den Fertigkeiten seiner Darsteller. Kodi Smit-McPhee zeigt nach seinem Auftritt im Endzeit-Drama „The Road“ einmal mehr sein schauspielerisches Talent, welches auch der ein Jahr jüngeren Chloë Grace Moretz gegeben ist. Ohne Anstrengung oder kindliche Aufgedrehtheit verkörpern sie ihre vielschichtigen Figuren. In Nebenrollen komplettieren der großartige Richard Jenkins und Elias Koteas als ermittelnder Polizeibeamter diesen kleinen, aber feinen Cast.

Mag der Film zwecks einer besseren Vermarktung auch den Stempel der Vampir-Geschichte aufgedrückt bekommen – richtig ist, dass die Handlung einzelne Genre-Elemente aufgreift –, in Wahrheit verbirgt „Let Me In“ wie seinerzeit bereits das schwedische Original eine anrührende Studie zweier Außenseiter. Mit viel Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl schildert Reeves ihre Welt, in der die Angst, sich dem anderen zu offenbaren und sein Herz zu öffnen, allgegenwärtig scheint. Das tief verschneite New Mexico bietet dafür eine würdige Kulisse. Wie gut einige Tropfen Blut auf frischem Schnee aussehen können, wissen wir spätestens seit „Lady Snowblood“ und „Kill Bill“.

Marcus Wessel

Los Alamos, New Mexico, 1983. Owen ist 12 Jahre alt und lebt bei seiner Mutter. Der Vater ist noch zweitweise erreichbar, aber die Eltern leben in Scheidung. Dass Owen ein schönes Leben hätte, kann man nicht sagen. Die Mutter schläft meistens, Owen ist allein, und in der Schule wird er von ein paar Rüpeln als „Mädchen“ angesehen – und mehr als einmal belästigt und geschlagen.

Wenn er Langeweile hat, beobachtet er durch ein Fernrohr, was in der Nachbarschaft so vor sich geht.

In eben diese Nachbarschaft zieht mit ihrem Vater (Richard Jenkins) Abby ein, anscheinend ebenfalls um die 12 Jahre. Doch das Mädchen verhält sich merkwürdig. Es geht im Schnee immer barfüßig, lässt sich nur bei Dunkelheit blicken, und außerdem dringen aus ihrer Wohnung seltsame Laute. Auch Abby scheint einsam zu sein.

Nicht zuletzt aus diesem Grund freunden die beiden sich an. Eine zarte Romeo-und-Julia-Geschichte ist im Entstehen begriffen.

Und doch lässt es sich nicht sehr lange verheimlichen: Abby ist ein altersloser Vampir. Sie kann klettern wie eine Katze, ja sie kann sogar fliegen. Das Wichtigste: Sie braucht Blut. Und so verwundet und tötet sie auch Menschen – genauso wie ihr Vater.

Ihren Liebsten Owen verschont sie natürlich. Aber die beiden werden nicht zusammen bleiben können. Tragisch wie das genannte Shakespeare-Drama.

Immerhin hat Abby, als die Schulrüpel wieder angreifen, noch einmal Gelegenheit, Owen in letzter Sekunde vor dem Ertrinken zu retten.

Remake des den gleichen Kasus behandelnden Tomas-Alfredson-Films von 2008. Die Handlung ist nicht gerade überinteressant, und Vampir-Streifen, die derzeit ein Inflation durchmachen, kann man ohnehin mögen – oder auch nicht.

Aber die Inszenierung dieses Remakes ist sehr beachtlich. Das gut gewählte Licht, die düstere Stimmung, der getragene Rhythmus, die klamme Spannung, die mächtige Musik, sie stimmen. Bilder und Situationen bleiben sogar im Gedächtnis haften.

Dazu kommt, dass die beiden Jungstars Kodi Smit-McPhee als Owen und Chloe Moretz als Abby den Charakter ihrer Rollen und die Stimmung des Films beide wunderbar getroffen haben.

Thomas Engel