Letztendlich sind wir dem Universum egal

Im Original trägt der 2014 veröffentlichte Jugendroman „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ von David Levithan den schlichten Titel „Every Day“, was die Prämisse der Fantasy-Romanze pointierter beschreibt. In der Geschichte verliebt sich eine Teenagerin nämlich in eine Seele, die jeden Tag im Körper eines anderen Menschen lebt. Regisseur Michael Sucsy („Für immer Liebe“) und der Drehbuchautor Jesse Andrews („Ich und Earl und das Mädchen“) stricken daraus eine unterhaltsame Fantasy-Romanze, bei der die wahre Liebe auf inneren Werten fußt.

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OT: Every Day
USA 2018
Regie: Michael Sucsy
Drehbuch: Jesse Andrews nach dem Roman von David Levithan
Darsteller/innen: Angourie Rice, Justice Smith, Jeni Ross, Maria Bello, Michael Cram, Debby Ryan, Owen Teague, Colin Ford
Laufzeit: 97 Min.
Verleih: Splendid Film
Kinostart: 31. Mai 2018

FILMKRITIK:

Die 16-jährige Schülerin Rhiannon (Angourie Rice) führt eine eher unerquickliche Beziehung mit dem gleichaltrigen, ziemlich unsensiblen Justin (Justice Smith). Bei einem spontanen Pärchenausflug an den Strand wirkt Justin jedoch wie ausgewechselt und trumpft als romantischer, guter Zuhörer auf, so dass Rhiannon ihm endgültig ihr Herz öffnet. Tags drauf weiß Justin allerdings nichts mehr von dem wundervollen Tag und gibt sich so machohaft unbeholfen wie zuvor…
 
Tatsächlich steckte am fraglichen Tag eine Seele namens A in Justin. A „besucht“ jeden Tag den Körper eines anderen Menschen, der jeweils um die 17 Jahre alt ist und in räumlicher Nähe zum letzten Wirt lebt. In welche Person A nach Mitternacht schlüpft, kann die umherwandernde Seele ebenso wenig bestimmen wie das jeweilige Geschlecht der Menschen. Der stetige Seelenwechsel verdammt A zu Isolation, doch die Begegnung mit Rhiannon hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Also sucht A die Teenagerin im Körper der neuen Mitschülerin Amy erneut auf, und gesteht ihr schließlich die Wahrheit.
 
In erster Linie lebt die Jugendbuchverfilmung von ihrer interessanten Fantasy-Prämisse. Regisseur Michael Sucsy nimmt sich anfangs ausreichend Zeit, die täglichen Seelenwanderungen einzuführen. Wenn A morgens in einem neuen Körper und einem fremden Bett erwacht, wirft er als erstes einen Blick auf seine Hände, um sein Geschlecht herauszufinden, und stellt anschließend den Smartphone-Timer als Erinnerung an den nächsten Seelenwechsel. Nun gilt es noch, den Namen des jeweiligen Menschen zu erfahren, bevor der Tag im neuen Körper beginnen kann. A hat zugleich auch Zugriff auf die Erinnerungen seiner Wirte und ist stets darauf bedacht, möglichst keine Spuren seiner Übernahme zu hinterlassen und verantwortungsvoll mit dem Leben der Menschen umzugehen.
 
Dass A weder Hautfarbe noch Geschlecht der jeweiligen Wirte aussuchen kann, lenkt den Blick der Liebesgeschichte auf die inneren Werte eines Menschen. Egal, in welchem Körper A steckt, seine Liebe zu Rhiannon bleibt davon unberührt. Und auch Rhiannon, auf der insgesamt der Fokus der Geschichte liegt, liebt A nach der ersten Skepsis über die fantastische Seelenwanderung für seine Seele, nicht wegen der körperlichen Hülle.
 
Tatsächlich lernt Rhiannon diese Sichtweise erst im Verlauf der Handlung. Als sie etwa den Grund nennen soll, was sie an ihrem tumben Freund Justin liebt, fallen ihr nur äußerliche Merkmale ein: „Er ist mein Typ – groß, schlank, schöne Schultern.“ Ihre Liebe zu A, der jeden Tag anders aussieht, geht im Vergleich viel tiefer. Als Rhiannon A fragt, ob er/sie sich selbst als Junge oder Mädchen sieht, antwortet A mit einem vieldeutigen „Ja“. Vollständig erfüllt der Film seinen eigenen Anspruch jedoch nicht, denn von einer kleinen Ausnahme abgesehen, knutschen Rhiannon und A immer nur dann, wenn A im Körper eines gutaussehenden Jungen steckt.
 
Abgesehen von einer Szene, in der sich Kindheitserinnerungen von A in einer Fensterscheibe spiegeln, fällt die fantastische Jugendromanze formal nicht sonderlich ambitioniert aus. Jenseits der Prämisse wählen Regisseur Michael Sucsy und der Drehbuchautor Jesse Andrews eine klassische Dramaturgie, die sie in aufgeräumte Bilder fassen. Wie es sich für einen modernen Highschool-Film gehört, spielen Smartphones und ins Bild montierte Textnachrichten dabei eine große Rolle.
 
Gegen Ende rücken der Humor und die Lebensfreude, die der Plot verströmt, zugunsten einer ethischen Fragestellung in den Hintergrund. Tatsächlich könnte A den Körper eines Menschen langfristig übernehmen, würde damit aber ein anderes Leben quasi ausradieren. So könnten A und Rhiannon ihre Liebe leben, aber zu welchem Preis? Die Auflösung des Dilemmas erweist sich als schöner Clou, der die ungewöhnliche Teenager-Romanze gelungen abrundet.
 
Christian Horn