Leviathan

Der Glanz russischer Filmkunst ist reichlich vergilbt. Umso erfreulicher, wenn sie sich mit solch einem bildgewaltigen Paukenschlag zurückmeldet. Ein hochkarätiges, um nicht zu sagen: lupenreines Arthaus-Opus, das in Cannes gefeiert wurde und im internationalen Kritikerspiegel „Megacritic.com“ derzeit eine Bewertung von superlativen 98 Prozent verbuchen kann. Die Story fällt klassisch schlicht aus: Ein aufrechter Familienvater wehrt sich gegen einen korrupten Bürgermeister, der ihm das hübsche Eigenheim und die Existenz wegnehmen will. Der Kampf des Helden ist aussichtslos. Eine Hiobsbotschaft jagt die nächste. Wie zum Hohn erzählt der feiste Kirchenmann dem Verzweifelten als bitteren Trost zum Schluss die biblische Geschichte des Hiob. Ein wuchtiges Meisterwerk: From Kafka with Love.

Webseite: http://leviathan-film.de

Russland 2014
Regie:  Andrey Zvyagintsev
Darsteller: Alexey Serebryakov, Elena Lyadova, Vladimir Vdovitchenkov, Roman Madyanov, Anna Ukolova, Alexey Rozin, Sergey Pokhodaev.
Filmlänge: 140 Minuten
Verleih: Wild Bunch Germany
Kinostart: 12.3.2015
 

FILMKRITIK:

Wie ein Maschinengewehr knattert die Stimme der Richterin, ohne Pause spult sie wie ein Bürokratie-Roboter den Paragrafen-Kauderwelsch herunter. Das abgekartete Urteil: Der Widerspruch von Kolia gegen die Enteignung seines Häuschens samt der kleinen Autowerkstatt wird abgeschmettert. Damit darf sich der machtgierige Bürgermeister Vadim das lukrative Grundstück mit Meeresblick unter den Nagel reißen. Ganz kampflos will Kolia sich seine Existenz nicht zerstören lassen. Er ruft seinen alten Freund aus der Militärzeit zu Hilfe, der mittlerweile als Anwalt in Moskau erfolgreich ist. Dmitri weiß, wie schmutzige Wäsche gewaschen wird. Nach der Niederlage vor Gericht zieht er als Joker einen Bericht aus Ärmel, der die verbrecherische Vergangenheit des Bürgermeisters dokumentiert. So leicht lässt der skrupellose Lokalpolitiker sich indes nicht erpressen, schlagkräftigen Argumenten begegnet er mit noch schlagkräftigeren Gorillas. Hiebe setzt es für den Anwalt allerdings zunächst vom gehörnten Kolia als der vom heftigen Techtelmechtel zwischen seiner jungen Gattin und dem alten Kumpel erfährt. Sein Sohn aus erster Ehe reagiert verstört auf die Beziehungskrise, noch mehr leidet er unter dem zunehmenden Wodka-Konsum des verzweifelten Vaters. Das Schicksal zieht die Schraube gnadenlos immer weiter an. Alsbald wird Kolia alles verlieren, was ihm je etwas bedeutet hat. Selbst die Freiheit raubt man ihm: „20 Jahre Straflager, das wird ihn Bescheidenheit lehren!“, jubiliert der Bürgermeister. Des tragischen Helden letzte Hoffnung liegt in der Revision vor Gericht. Und wieder wird die Richterin ihr Urteil wie ein Maschinengewehr herunterrattern.             
 
Eine erste Ahnung davon, wie bildgewaltig dieses Opus über Machtmissbrauch, Korruption und Demütigung ausfällt, bekommt man von dem famosen Filmplakat: Das monströse Skelett eines Walfisches liegt wie eine surreale Skulptur am Strand. Davor hockt einsam ein kleiner Junge im Anorak. Das Motiv ist zugleich Schlussbild einer visuell furiosen Parabel, die in anamorphotischem Breitbildformat imposante Tableaus von verblüffender Schönheit zaubert. Umso hässlicher wirken in diesen erlesenen Panoramabildern all jene Schicksalsschläge, die dem gebeutelten Helden in seiner Leidensgeschichte bevorstehen. Als dramaturgischen Trick setzt Autor und Regisseur Zvyagintsev bei einigen der Schlüsselszenen gekonnt auf den Mut zur Lücke: Was da tatsächlich passierte, erfährt der Zuschauer erst später, wenn überhaupt – durchaus trefflich bei einem Film über Geheimniskrämerei. Nur beim kollektiven, chronischen Besäufnis hält die Kamera immer feste drauf: Mehr Wodka wurde wohl in keinem anderen Film je konsumiert. Das gelingt dem erstklassigen Ensemble so glaubhaft wie alle anderen Gefühlsregungen zwischen Ohnmacht, Arroganz und Verzweiflung, die beängstigend gut gelingen.
 
So bitter diese Bestandsaufnahme über den moralischen Zustand des korrupten Landes im Allgemeinen und die persönliche Tragödie im Besonderen ausfällt, bietet der Film überraschend Platz für Pointen. Beim geselligen Zielschießen während eines Picknicks etwa dienen die gerahmten Fotos bisheriger Sowjet-Präsidenten als Vorlage. Auf aktuelle Bilder verzichten die geselligen Suffköpfe, „weil die historische Distanz noch fehlt“. Dafür hängt das Putin-Porträt hübsch sichtbar in der Amtstube des feinen Herrn Bürgermeister. Einen gewissen Sinn für Komik hielt das Schicksal auch für diesen Film selbst bereit: Das systemkritische Werk wurde von der staatlichen Kulturförderung nicht nur unterstützt, sondern von Russland sogar offiziell ins Oscar-Rennen geschickt.   

Dieter Oßwald