Liebe auf Sibirisch – Ohne Ehemann bist du keine Frau!

Onon Borzya heiß das winzige Dorf in Sibirien, in dem die seit Jahren in Deutschland lebende Russin Olga Delane ihren Film „Liebe auf Sibirisch – Ohne Ehemann bist du keine Frau!“ gedreht hat. Der Titel verrät schon einiges über den Inhalt, um Lebensmodelle und Konventionen geht es in der gut beobachteten Dokumentation, die in keinem Moment die eine Welt gegen die andere ausspielt.

Webseite: liebe-auf-sibirisch.de

Dokumentation
Deutschland 2016
Regie: Olga Delane
Buch: Olga Delane, Frank Müller
Länge: 79 Minuten
Verleih: Drop-Out Cinema e.G.
Kinostart: 16. November 2017

FILMKRITIK:

Mit 17 zog Olga Delane mit ihrer Familie aus Krasnokamensk nach Deutschland, aus einer Kleinstadt, die nur wenige Kilometer von China und der Mongolei entfernt liegt, in die deutsche Millionenstadt Berlin. Wie sie es selbst beschreibt wurde Delane in Berlin zu der Person, die sie in ihrer Heimat nie hätte werden können. Ein freies Leben führt sie in Berlin, hat und nutzt die Möglichkeit, sich vor allem auf ihre eigene Karriere zu konzentrieren, sich selbst zu verwirklichen.
 
Doch was in westlichen Metropolen normal ist, stößt bei ihren Verwandten in Onon Borzya auf Unverständnis: „Was läuft in Berlin bloß falsch?“ heißt es da einmal, wobei richtig und falsch natürlich stets eine Frage der Perspektive ist. In Sibirien wäre es jedenfalls unvorstellbar, dass eine Frau mit 30 noch unverheiratet und kinderlos ist. Auch andere Strukturen muten archaisch an, die Dominanz der Männer in allen Belangen, die Gewalt, die fast alltäglich ist, doch Delane ist nicht in ihrer Heimat, um zu werten.
 
Diverse Paare beobachtet sie, manche, die schon seit Jahrzehnten verheiratet sind, nicht aus Liebe ursprünglich, aber im Lauf der Zeit hat man sich aneinander gewöhnt, sich miteinander arrangiert, sich sogar schätzen gelernt, andere, die erst seit kurzem verheiratet sind und wohl nur deswegen zusammenbleiben, weil die Frau schwanger ist. Gelegentlich hört man auch in den Aussagen der sibirischen Frauen eine gewisse Unzufriedenheit mit ihrer Situation heraus, eine Andeutung vom Wissen, dass auch ein anderes Leben möglich sein sollte. Doch die Möglichkeiten, in diesem abgelegenen Stück Erde wirklich etwas am eigenen Schicksal zu ändern, sind in der Regel nicht gegeben, was bleibt also anderes übrig, als sich zu arrangieren.
 
Andererseits scheint auch Olga Delane darüber nachzudenken, über das Leben im Westen, die völlige Freiheit, die aber auch ein erhebliches Maß an Ungewissheit mit sich bringt, auch eine gewisse Wahllosigkeit und Unbeständigkeit. Nicht das sie am Ende ihres Films ernsthaft in Erwägung ziehen würde, dauerhaft nach Sibirien zurückzukehren, das harte Leben einer Bauersfrau zu wählen (auch wenn das Leben einer Regisseurin ebenfalls oft mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden ist), auch wenn ihre russischen Verwandten von ihrer eigenen Freiheit schwärmen: Dem weiten Land, dem Leben in und mit der Natur, das von den wechselnden Jahreszeiten geprägt ist, den Bedürfnissen der Tiere, der Notwendigkeit zu säen und zu ernten.
 
Voller Interesse und Sympathie zeigt Delane diese Welt, die so anders ist, als das Leben in ihrer Berliner Wahlheimat. Schlichte Urteile sucht man hier vergeblich, nicht um das gegeneinander ausspielen von unterschiedlichen Lebensmodellen und Wertvorstellungen geht es in „Liebe auf Sibirisch“, sondern um das Aufzeigen kultureller Unterschiede, die nicht besser oder schlechter sein müssen, sondern einfach anders.
 
Michael Meyns