Liebe Halal

Leben und Lieben im Libanon hin- und hergerissen zwischen orientalischer Tradition und westlicher Moderne – von den Produzenten des vielfach ausgezeichneten Arthouse-Erfolgs "Das Mädchen Wadjda" . Regisseur Assad Fouladkar wirft einen charmant lebensklugen Blick auf die Suche nach Liebe und Glück in einem friedlichen Beirut. Mit Originalität, Warmherzigkeit und leisem Humor bringt sein bunter Episodenfilm dem Zuschauer eine brisant gemischte Gesellschaft näher, die noch immer wenig im Kino zu sehen war. Seinem arabischen Feel-Good-Movie aus dem Land der Zedern gelingt der Balanceakt zwischen Engagement und Unterhaltung mühelos. Ein erfrischendes, beinah lässiges Filmvergnügen.

Webseite: www.liebe-halal.de

Libanon/Deutschland 2015
Regie: Assad Fouladkar
Drehbuch: Assad Fouladkar
Kamera: Lutz Reitemeier
Darsteller: Mirna Moukarzel, Ali Sammoury, Fadia Abi Chahine, Darine Hamze, Rodrigue Sleiman, Zeinab Khadra, Hussein Mokkadem, Christy Bared, Berlin Bader.
Länge: 90 Minuten
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Kinostart:  7. Juli 2016

FILMKRITIK:

Gestresst wehrt sich Awatef (Mirna Moukarzel) gegen ihren Mann Salim (Ali Sammoury). Wortreich versucht  ihm die patente Frau klar zu machen, dass sie von dem „bißchen Haushalt“ und der Kindererziehung müde ist und einfach nur schlafen will. Aber ihr liebeshungriger Gatte hat kein Einsehen. Mit seinen Scherzen und zärtlichen Geplänkel überzeugt er sie am Ende sogar. Doch die findige Mutter zweier quirliger Töchter sucht nach einer Lösung. Am liebsten würde sie ihre ehelichen Pflichten gerne outsourcen. Schließlich versucht sie ihn zu einer Zweitfrau zu überreden. Die junge, frischverliebte Batoul (Zeinab Khadra) in der Nachbarwohnung gegenüber plagen dagegen ganz andere Sorgen. Sie lebt in einer klassischen On-Off-Beziehung.
 
Grund: Ihr heißblütiger Mann Mokthar (Hussein Mokkadem) ist gnadenlos eifersüchtig. Der smarte aufstrebende Geschäftsmann bekommt sich einfach nicht in den Griff. Bereits beim geringsten Anlass rastet er aus. Schon dreimal hat er sich nach islamischem Recht von ihr getrennt. Reumütig kehrt der impulsive Hitzkopf danach jedoch immer wieder zu ihr zurück. Doch diesmal hat er den Bogen überspannt. Um sie erneut zurück zu gewinnen, muss er nach islamischem Gesetz zuerst einen anderen Mann für sie finden. Einen Neuanfang erträumt sich auch die aparte Loubna (Darine Hamze). Frisch geschieden nach einer Zwangsehe, trifft sie ihre Jugendliebe Ahmad (Rodrigue Sleiman) wieder.
 
Der Obsthändler ist freilich inzwischen Familienvater und mehr an einer heimlichen Affäre interessiert. Mit einer geschiedenen Frau kann er sich nicht in der Öffentlichkeit sehen lassen. Nach und nach ereilt Loubna die Erkenntnis, dass ihr ehemaliger Traumprinz vielleicht doch nicht wunschlos glücklich macht und ihre Sehnsucht nach einer romantischen Zweierbeziehung nicht erfüllen kann. Ihre schwärmerische Fernliebe scheint der Realität nicht standzuhalten. Außerdem steht immer noch das verlockende Angebot ihres Bruders im Raum zu ihm nach Australien zu kommen. 'Happiness' und Selbstverwirklichung inbegriffen. Dafür fehlt jedoch noch das Visa. Aber Loubna schmiedet bereits Pläne dort als orientalische Designerin a la Elie Saab eine schicke Modeboutique zu eröffnen.
 
Klug eingefädelt und beinahe dokumentarisch inszeniert der oscarnominierte Regisseur Assad Fouladkar seine Gesellschaftskomödie mit leichter Hand, unterhaltsam und immer wieder überraschend. Für den westlichen Zuschauer ist sein charmanter Episodenfilm eine humorvolle Annäherung an die Probleme einer brisant gemischten Gesellschaft zwischen Aufbruch und Unterdrückung. Trotz aller kulturellen und gesellschaftlichen Unterschiede zwischen dem Libanon und der westlichen Welt entsteht so der Eindruck, die Differenzen seien niemals so fundamental, wie vermutet wird. Mit Liebe zum Detail und erfrischender Heiterkeit erzählt der 54jährige universelle Geschichten über Liebe, Freundschaft und Verantwortung. Dabei findet er Szenen von Sinnlichkeit und Lebensfreude, beredte Tableaus, die keines Dialogs bedürfen und doch mehr sagen als viele Worte.
 
Zudem verwandelt eine elegante Kameraführung und Montage ein friedliches Beirut in eine vibrierende Stadt von der Sonne des Mittelmeers in ewig goldenes Licht getaucht. Obwohl die Apartmentblocks, die aus dem früheren „Paris des Nahen Ostens“ beinahe einen Betondschungel gemacht haben, nicht völlig ausgeblendet werden. Nicht nur damit öffnet der Episodenfilm  das Tor zu einer neuen Welt. Schließlich ist für einen Großteil der Kinobesucher der Libanon filmisch gesehen selbst heute noch weitgehendes Niemandsland. Und wer kennt schon den heutigen Libanon wirklich, wer weiß, wie dort das Leben der Menschen und ihr Alltag aussehen, jenseits des ewigen kalten Bürgerkriegs sowie der Rivalität der Großmächte.
 
Luitgard Koch