Liebesfilm

„Liebesfilm“, ein Titel, der Programm ist, ein Film, der hält was er verspricht. Doch Robert Bohrers und Emma Rosa Simons erster Spielfilm ist keineswegs ein spröder Film über zwei Menschen in Berlin, die sich verlieben, sondern eine verspielte Melange aus atmosphärischen, surrealen Momenten, der es auf ganz eigene Weise gelingt, den Zeitgeist einzufangen.

Webseite: www.liebesfilm-derfilm.de

Deutschland 2018
Regie & Buch: Robert Bohrer & Emma Rosa Simon
Darsteller: Eric Klotzsch, Lana Cooper, Gerdy Zint, Hartmut Becker, Katharina Sporrer, Roberto Guerra
Länge: 82 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 2. Mai 2019

FILMKRITIK:

Am Ende einer durchfeierten, von der die Empathie und die Lust auf Nähe steigernden Droge MDMA geprägten Nacht sind sie ein Paar: Lenz (Eric Klotzsch) und Ira (Lana Cooper). Beziehungsweise so sehr ein Paar, wie es mehr oder weniger junge Menschen um die 30 in Berlin in der Gegenwart sind oder sein können.
 
Denn was vor allem Lenz so gar nicht kann, ist sich zu entscheiden, sich festzulegen. Er genießt, ganz seinem Namen entsprechend, den Lenz, zieht träumend durch die Straßen der Stadt, lebt mit seinem besten Freund Kenn (Gerdy Zint) in einer WG und gaukelt seinem alternden Vater jeden Montag am Telefon vor, dass er schwer beschäftigt ist und einen festen Job hat.
 
So verbringt das quasi Paar den Frühling, Lenz wohnt praktisch bei Ira, die wiederum immer wieder ihre schusssichere Weste anzieht und nach Afghanistan fliegt, wo sie als Computerexpertin sichere Netzwerke installiert. Langsam kommt man sich näher, irgendwann rutscht Lenz mehr aus Versehen ein „Ich liebe dich“ heraus, doch dann stellt Ira die folgenschwere Frage: „Möchtest du eigentlich Kinder?“ Plötzlich ist fast alles anders, ist die Leichtigkeit aus dem Miteinander gewichen, muss sich vor allem Lenz mit Fragen herumschlagen, die er bislang geflissentlich beiseite geschoben hat: Wer ist er, was will er und vor allem mit wem?
 
Auf wunderbar leichte Weise belegt das berufliche und auch private Paar Robert Bohrer und Emma Rosa Simon eine alte Filmweisheit: Es kommt weniger darauf an, was man erzählt, sondern wie. Denn die eigentliche Geschichte könnte kaum einfacher und auserzählter sein: Zwei Menschen, auch noch in Berlin, auch noch um die 30, die zusammenkommen. Doch gerade die Einfachheit der Geschichte macht ihren Reiz aus, gerade in der hier gewählten Umsetzung.
 
Denn immer wieder bahnt sich auf surreale Weise die Realität einen Weg in den Kosmos der fiktiven Figuren: Mal ist es ein amerikanischer Soldat, der von seinen Einsätzen in Afghanistan berichtet, dann der Kapitän des havarierten Kreuzfahrtschiffs Costa Cordalia, der Lenz sein Leid plagt. Merkwürdig und irritierend wirken diese Momente zunächst, doch bald mag man sie als Varianten von Männlichkeit verstehen. Als erfolgreiche oder ebenso oft gescheiterte Vorbilder und Rollenmuster, denen ein Mann in der Gegenwart nachahmen könnte.
 
Auch Lenz ist auf der Suche nach sich selbst, nach seinem Weg im Leben, hat den Vater ein wenig idealisiert und versucht dessen Vorstellung zumindest in der Fiktion am Telefon zu entsprechen. Doch diese Beschäftigung mit Männlichkeit, mit männlichen Rollenmustern und -vorbildern in der Gegenwart wird nie zu einem schwermütigen Element des Films. Im Gegenteil: „Liebesfilm“ ist leichtfüßig, ungewöhnlich und verspielt und erzählt seine klassische Geschichte auf ebenso eigene wie originelle Weise.
 
Michael Meyns