Liebmann

Ein filmisches Experiment ist „Liebmann“, der Debütfilm der Produzentin und Cutterin Jules Hermann, dessen Konzept in sechs Tagen entstand und auf 27 Zettel passte. Was man dem Film auch anmerkt, der einem assoziativen Reigen ähnelt, bei dem allerlei Gedanken und Ideen zusammengewürfelt werden, voller Bezüge und meist loser Enden. Durch und durch befriedigend ist das zwar nicht, in seiner freien Form aber grundsympathisch.

Webseite: www.missingfilms.de

Deutschland/ Frankreich 2016
Regie & Buch: Jules Herrmann
Darsteller: Godehard Giese, Adeline Moreau, Fabien Ara, Bettina Grahs, Alain Denizart, Denise Lecocq
Länge: 82 Minuten
Verleih: missingfilms
Kinostart: 26. Janaur 2017

FILMKRITIK:

Ein unverhoffter Geldsegen ermöglichte es Jules Herrmann, endlich ihren Debütfilm zu realisieren. Ihren Hauptdarsteller Godehard Giese kannte sie schon von der gemeinsamen Arbeit an dessen Debütfilm „Die Geschichte vom Astronauten“, ein paar Tage wurde gebrainstormt, dann ging es nach Nordfrankreich wo mit winzigem Team – drei Teammitglieder und sieben Schauspieler – in 15 Tagen ein höchst ungewöhnlicher Film entstand.
 
Der bei allen wunderlichen Abzweigungen und visuellen Experimenten dann doch einer recht klaren Geschichte folgt: Der Lehrer Antek Liebmann (Godehard Giese) versucht in einem winzigen Dorf ein traumatisches Erlebnis zu verarbeiten, das lange im Dunkeln bleibt. Im das Dorf umgebenden Wald macht er lange Spaziergänge, bei denen er vor einem wild gewordenen Jäger auf der Hut sein muss. Geneviève (Adeline Moreau), seine Nachbarin in der Ferienwohnung, flirtet ihn unmissverständlich an, doch Anteks Interesse gilt den Männern. Bald beginnt er eine Affäre mit Sébastien (Fabien Ara), den er bei einem lokalen Trödelhändler kennen lernt, bei dem Antek bald selbst jobbt.
 
Auch die Ausstattung des Films stammt größtenteils hierher und so kann man sich gut vorstellen, dass manche Idee, die sich in den oft kurzweiligen, manchmal auch mühsamen 82 Minuten von „Liebmann“ finden, sich weniger organisch aus Figuren und Geschichte entwickelt hat, sondern einfach dadurch entstand, dass ein hübsches Objekt gefunden wurde, das unbedingt noch in den Film eingebaut werden sollte. Ein T-Shirt mit der Jahreszahl 1871 etwa, die einen Bezug zur komplizierten deutsch-französischen Geschichte andeutet, der allerdings nicht weiter ausgebaut wird.
 
In der ersten Einstellung ist ein Pfau zu sehen, über den eine Voice Over-Stimme sagt, dass er ein wunderschönes Tier sei, dessen Federn jedoch nicht zueinander passen. Wenn man mag könnte man das auch als Beschreibung eines Films verwenden, der sich gerade in visueller Hinsicht allerlei Freiheiten nimmt: Häufig tauchen Farbfilter das Bild in die Primärfarben, graphisch hübsche Titelbilder trennen einzelne Kapitel ab, mal wird in weiten Totalen gefilmt, mal in kammerspielartiger Enge.
 
Ob man diesen bunten Reigen an Momenten und Ideen willkürlich oder auf interessante, anregende Weise assoziativ finden mag, bleibt dem Zuschauer selbst überlassen. In Szenen, in denen sie sich für längere Zeit, also zumindest ein paar Minuten, mit einer Sache beschäftigt, deutet Jules Hermann allerdings an, wie genau sie Zwischenmenschliches zu beobachten versteht. Gerade die zarte deutsch-französische Romanze, die bald zwischen Antek und Sébastien entsteht verleiht „Liebmann“ ein emotionales Zentrum, um das herum sich lose ein Geflecht aus Bildern und Ideen ranken. Etwas mehr Kino und weniger Kunstgalerie hätten zwar gut getan, ein fraglos ungewöhnliches Experiment ist „Liebmann“ aber dennoch.
 
Michael Meyns