Life is a moment

Der Pakistani Ayran steht kurz vor der Hochzeit mit seiner Freundin. Was niemand weiß: Ayran ist schwul, lebt seine Neigungen aber nicht aus. Bis er auf einer Norwegen-Reise den Inder Ashley kennenlernt. Die indisch-norwegische Ko-Produktion „Life is a moment“ beschreitet filmisch ganz neue Wege und verbindet typische Bollywood-Elemente mit einer unkonventionellen Love-Story. Trotz weitgehend bekanntem Storyverlauf und herkömmlicher Dramaturgie überzeugt der schrille Mix dank seiner skurrilen Figuren und der erfrischenden, spielerisch-beschwingten Art, seinen Botschaften Nachdruck zu verleihen. Ein mutiger Aufruf zu mehr Toleranz.

Webseite: www.gmfilms.de

Indien, Norwegen 2015
Regie: Tonje Gjevjon, Sanjay Sharma
Drehbuch: Tonje Gjevjon, Mona Klubben
Darsteller: Zeenat Aman, Edith Roth Gjevjon, Tonje Gjevjon,
Edith Roth Gjevjon, Nasrullah Qureshi, Nary Singh
Länge: 102 Minuten
Verleih: GMfilms
Kinostart: 28. Juli 2016
 

FILMKRITIK:

Der Pakistani Ayran (Kapil Sharma) heiratet demnächst seine langjährige Freundin. Diese hat keine Ahnung davon, dass sich Ayran insgeheim nach Männern sehnt. Seine Neigungen kann er aber nicht ausleben, da Homosexualität sowohl von Ayrans Vater als auch der Gesellschaft seiner Heimat nicht geduldet werden. Da Ayrans Familie gerne Geschäfte mit norwegischen Partnern schließen würde, soll die Verlobungsfeier auch in Skandinavien stattfinden. Einige Zeit vor der Hochzeit reist Ayran dorthin, um – so glauben Freundin und Familie – die Geschäfte in Gang zu bringen. Ayran nutzt die Reise aber, um sich ins Nachtleben zu stürzen. Dort trifft er auf den schönen Inder Ashley (Yuvraj Parashar), der Ayran Avancen macht. Schon bald kommen sich die Beiden näher. Es wäre der Beginn einer neuen Liebe, würde da nicht Ayrans Angetraute eines Tages plötzlich auftauchen, um nach dem Rechten zu sehen.

Die Mischung aus Bollywood-Film und queerer Liebes-Romanze wurde von den Filmemachern Sanjay Sharma und Tonje Gjevjon auf verschiedenen Kontinenten gedreht. Neben der indischen Millionenmetropole Mumbai, filmte das Team die Szenen in Norwegen tatsächlich dort, und zwar in der Hauptstadt Oslo. „Life is a moment“ wurde als indisch-norwegische Ko-Produktion realisiert, eine Kombination, die in dieser Form nicht alltäglich ist. Internationale Premiere erlebte der Film u.a. auf dem letztjährigen „homochrom“ in Köln, dem Filmfestival für ausgewähltes, schwul-lesbisches Kino.

Eine Bollywood-Schnulze, angesiedelt im norwegischem Hinterland über eine schwule Hauptfigur. Coming-out-Drama trifft auf Pathos inklusive romantischer Gefühle. Ein unkonventioneller Mix, den es so in dieser Form auf der großen Leinwand bisher noch nicht zu sehen gab. Den Filmemachern gelingt es dabei gut, eine ausgewogene Mischung der unterschiedlichen Elemente und Genre-Spezifika zusammenzuführen. Im Film gibt es die Bollywood-typischen, schrillen Gesangs- und Tanzeinlagen, die manchmal ebenso unvermittelt über den Zuschauer hereinbrechen wie auch über manche der unbeteiligten Filmfiguren, die verdutzt danebenstehen. So ausladend, farbenprächtig und episch wie in „klassischen“ Bollywood-Werken gestalten sich diese zwar nicht, aber sie sind insgesamt doch an gelungenen, sorgsam ausgewählten Stellen platziert.

Diese treten nämlich oft dann auf, wenn es zu Situationen kommt, die vor allem für Hauptfigur Ayran peinlich bzw. unangenehm sind oder eine bestimmte Botschaft mit Nachdruck vermittelt werden soll. Hier beweisen die Filmemacher Mut: in den Texten der Lieder nehmen die Protagonisten kein Blatt vor den Mund. Sie lassen ihren Gedanken, Wünschen und Ansichten freien Lauf. Hier nutzt „Life is a moment“ die Elemente der Musik und Tanzchoreografien, um seinen Botschaften Nachdruck zu verleihen – eine bemerkenswerte Herangehensweise, auch wenn dies teilweise mit ziemlich saloppen, allzu umgangssprachlichen Texten und Begriffen getan wird.

Obwohl Plot sowie Story-Verlauf nicht gerade neu sind und es unweigerlich bei der Verlobungsfeier zum großen Knall kommt, überwiegen doch die positiven Aspekte. Dafür sorgt nicht zuletzt die wichtigste Aussage des Films, sich auch von gesellschaftlichen Ressentiments oder gar staatlichen Zwängen nicht daran hindern zu lassen, seine (sexuelle) Identität  zu leben. In Indien werden bis heute gleichgeschlechtliche Paare von Staat und Gesetz nicht anerkannt. In Pakistan stehen homosexuelle Handlungen sogar unter Strafe. „Life is a moment“ wirbt hier für mehr Toleranz sowie Gleichberechtigung. Er tut dies auf freche, luftig-leichte Art und mit einer ganzen Schar an bunten, extravaganten Personen und Figuren. 
Ein Faible für Bollywood-Charakteristika und klassische Motive – von Tanz und Bewegung über Gesang bis hin zu Romantik und leidenschaftlichen Emotionen etc. – sollte man bei „Life is a moment“ aber mitbringen. Wenn der Kinobesucher weiß, auf was er sich einlässt bzw. welche Genre-kennzeichnenden Muster ihn erwarten, erlebt er 100 unterhaltsame, außergewöhnliche Minuten.

Björn Schneider