Like someone in love

Auch wenn er nach Italien nun einen Film in Japan gedreht hat, bleibt das Ergebnis doch unverkennbar: Abbas Kiarostami variiert auch in „Like Someone in Love“ die Inhalte und filmischen Ansätze, die ihn seit Jahren beschäftigen und führt das Spiel mit falschen und missverstandenen Identitäten weiter, dass er in seinem letzten Film „Copie Conforme“ begonnen hatte.

Webseite: www.peripherfilm.de

Frankreich/ Japan 2012
Regie, Buch: Abbas Kiarostami
Darsteller: Rin Takanashi, Tadashi Okuno, Ryo Kase, Denden, Reiko Mori, Kaneko Kubota,
Kuichi Ohori, Tomoaki Tatsumi
Länge: 109 Minuten
Verleih: peripher Filmverleih
Kinostart: 27. Februar 2014

FILMKRITIK:

Wollte man „Like Someone in Love“ auf seinen Plot reduzieren, würde in etwa dies herauskommen: Die junge Akiko finanziert sich ihr Studium in Tokio als Gelegenheitsprostituierte, was sie vor ihrem Freund, dem höchst aufbrausenden Noriaki zu verstecken sucht. Eines Abends wird sie zu dem alternden Soziologieprofessor Takashi geschickt, in dessen Bett sie nach kurzer Unterhaltung einschläft. Am nächsten Morgen fährt Takashi sie zurück in die Stadt, wo er auf Noriaki trifft, dessen Eifersucht groß ist.
Doch diese Beschreibung, die auch zu einer melodramatischen Soap Opera passen könnte, ist noch nicht einmal die halbe Wahrheit. Denn weniger um das, was an der Oberfläche angedeutet wird geht es Kiarostami, als um die Leerstellen, um das, was zwischen den Handlungsfetzen passiert, aus denen jeder Zuschauer sich einen eigenen Film kreieren muss.

Dass beginnt schon mit den Figurenkonstellationen: In der ersten Szene sieht man Akiko in einer Bar sitzen, am Telefon ihr eifersüchtiger Freund, der ihr – offensichtlich durchaus zu Recht – hinterher telefoniert. Ein älterer Mann taucht auf, der offenbar so etwas wie ihr Zuhälter ist oder zumindest ein Vermittler von Verabredungen. Doch Akiko will an diesem Abend nicht, denn ihre Großmutter ist in der Stadt, hat ihr schon zig Mal auf die Mailbox gesprochen und bittet um ein Treffen mit ihrer Enkelin. Vielleicht aus Scham wagt Akiko jedoch nicht, ihre Großmutter zu treffen, sieht sie nur einmal aus dem Taxi am Bahnhof warten, während sie zu ihrem Treffen mit Takashi fährt.

Und so wie Akiko keinen Kontakt mehr zu ihren Verwandten hat, so hat Takashi offenbar seit langem seine Tochter und Enkelin nicht gesehen, aus welchen Gründen bleibt wie so vieles offen. Fotos, die Akiko sieht, deuten eine bemerkenswerte Ähnlichkeit zwischen ihr und der Enkelin an, auch eine Nachbarin bestätigt dies und so entwickelt sich das Verhältnis zwischen Akiko und Takashi bald in andere Richtung als erwartet.
Als Großvater und Enkelin werden sie bezeichnet und korrigieren diesen Irrtum nicht. So werden sie in bestimmte Rollen gezwungen, denen sie gerecht werden müssen, die bestimmte Verhaltensweisen verlangen. Wenn dann der jähzornige Noriaki die Bühne betritt erweitert sich das Duo zu einem Trio, dessen tatsächliche und gespielte Identitäten sich zunehmend vermischen.

All das filmt Kiarostami in seinem typischen Stil: Lange Einstellungen, in denen der Blick der Kamera oft auf das gerichtet ist, was eigentlich nicht so wichtig ist, während das wirklich wichtige einer Szene am Rand des Bildes oder gar außerhalb passiert und nur zu hören ist. Doch was in dieser losen Erzählung wirklich wichtig ist, bleibt letztendlich ganz dem Zuschauer überlassen, bleibt einer subjektiven Perspektive verhaftet, in der manche Anspielung an die Werke des japanischen Regisseurs Yasujiro Ozu zu erkennen sind, aber auch Verweise an frühere Kiarostami-Filme, besonders an seinen letzten, in der Toskana gedrehten. Jener „Copie Conforme“ hatte ähnliche Themen behandelt, hatte auf ähnliche Weise mit Wahrheit und Fiktion gespielt und so wirkt „Like Someone in Love“ wie eine Variation, wozu auch die oft im Hintergrund zu hörende Jazz Musik passt, die den spielerisch Tonfall eines Films andeutet, der ebenso ungewöhnlich wie außerordentlich ist.

Michael Meyns