Limbo

Was Sam Mendes im Großen mit „1917“ gemacht – und dabei auch getrickst hat – haben Tim Dünschede und sein Team mit ihrem Hochschul-Abschlussfilm „Limbo“ im Kleinen gemeistert. Hier wird eine Geschichte in einem Take erzählt. Das ist nicht nur Echtzeit, man ist mit der fluiden Kamera immer mitten drin im Geschehen, geradeso, als wäre man eine weitere Figur in diesem interessanten Film, der damit beginnt, dass eine Compliance-Managerin herausfindet, dass in ihrer Firma im großen Stil Geld gewaschen wird.

Webseite: www.limbo-film.de

Deutschland 2019
Regie: Tim Dünschede
Darsteller: Matthias Herrmann, Elisa Schlott, Martin Semmelrogge, Christian Strasser
Länge: 90 Minuten
Verleih: Nordpolaris
Kinostart: 20. Februar 2020

FILMKRITIK:

Ana (Elisa Schlott) ist Compliance Managerin und stößt in ihrer Firma bei den Abrechnungen auf Ungereimtheiten, die den Verdacht nahelegen, dass hier seit Jahren Millionenbeträge im dreistelligen Bereich veruntreut wurden. Darüber will sie mit ihrem Chef sprechen, ihr Weg führt sie aber in einen illegalen Bare-Knuckle-Fight-Club und lässt sie nicht nur auf den alternden Ganoven Ossi (Martin Semmelrogge), sondern auch auf einen verdeckten Ermittler treffen. Das ist eine explosive Mischung, aus der nicht jeder unbeschadet hervorgehen wird.
 
Es ist ein kühnes Unterfangen, einen Film in einem Take abzudrehen, weil dafür ein immenses Maß an Vorarbeit, Planung und Proben vonnöten ist. Später kann man sich nicht mit dem Schnitt retten und jeder Fehler, der während des Drehs stattfindet, muss auch direkt kompensiert werden. „Limbo“ erzählt dabei recht fließend. Indem die Kamera nicht nur an einer Figur hängen bleibt, sondern im Grunde drei Geschichten erzählt, schafft man sich Freiräume. So verschwindet die Hauptfigur Ana nach einem Besuch in einer Tankstelle, während die Kamera sich auf eine andere Figur konzentriert und dieser folgt. Erst später führen die Wege der verschiedenen Protagonisten wieder zueinander.
 
Das Skript von Anil Kizilbuga ist hier gefragt, eine Dramaturgie zu erschaffen, die den Zuschauer ins Geschehen zieht, aber auch in Echtzeit und ohne jeden Schnitt funktioniert. Das ist dem jungen Autor gelungen, Schwächen stellen sich nur bei den Dialogen ein, die teilweise nicht besonders natürlich klingen. Das fällt gerade bei den Texten von Ana immer wieder auf, die bisweilen eher an Vorträge denn an echtes gesprochenes Deutsch erinnern. Über diese Schwächen bügelt „Limbo“ jedoch hinweg, weil er mit seiner Erzählweise begeistert. Es ist die Direktheit, die in den Bann zieht, aber auch der Umstand, dass das One-Take-Verfahren trotz sehr unterschiedlicher Locations, zahlreicher Schauspieler und an die 100 Komparsen so gut funktioniert.
 
Das macht „Limbo“ zu einem interessanteren und besseren Film als viele andere deutsche Produktionen, die auf ungleich höhere Produktionskosten setzen können und sich nicht mit dem Budget eines Abschlussfilms herumschlagen müssen. Was Tim Dünschede und sein Team hier abgeliefert haben, ist nicht nur sehenswert, sondern auch ein Beweis dafür, dass deutsche Genre-Produktionen einen Platz im Kino verdient haben – sie müssen nur originell und mit hoher Kreativität umgesetzt sein.
 
Peter Osteried