Little Joe

Nach Jahren in den Nebensektionen nahm Jessica Hausner mit ihrem fünften Spielfilm „Little Joe“ erstmals am Cannes Wettbewerb teil. Und wurde gleich ausgezeichnet: Hauptdarstellerin Emily Beecham bekam für ihre Rolle einer Wissenschaftlerin, die eine Glück versprechende Pflanze entwickelt und bald an ihrer Wahrnehmung zweifelt den Preis für die Beste Darstellerin.

Webseite: www.x-verleih.de

Österreich/ GB/ Deutschland 2019
Regie: Jessica Hausner
Buch: Jessica Hausner & Géraldine Bajard
Darsteller: Emily Beecham, Ben Wishaw, Kerry Fox, Kit Connor, David Wilmot, Phénix Brossard
Länge: 105 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: Winter 2019
 

FILMKRITIK:

Little Joe nennt Alice (Emily Beecham) die Pflanze, die sie zusammen mit ihrem Kollegen Chris (Ben Wishaw) entwickelt hat. Mit ihren sattroten Blüten ist Little Joe nicht nur außerordentlich ästhetisch – wenn auch sehr künstlich wirkend – sondern hat vor allem therapeutischen Nutzen: Behandelt man sie gut, verströmt sie denselben Duft, den Babys verströmen und der zur Mutter-Kind-Bindung beiträgt.

Erste Erfolge scheinen das Experiment zum Erfolg zu machen, doch bald bemerkt Alice Kollegin Bella (Kerry Fox), dass sich ihr Hund, der an der Pflanze geschnuppert hat, seltsam verhält. Und als sich immer mehr von Alice Kollegen plötzlich besonders freundlich verhalten, beginnt die alleinerziehende Mutter, an Sinn und Wesen ihrer Erfindung zu zweifeln. Das sich zudem ihr Sohn Joe (Kit Connor), Namensgeber der Pflanze, immer mehr von seiner Mutter löst, stellt deren Selbstverständnis auf eine zusätzliche Probe.

Der Austausch des Wesens, meist durch außerirdische Kräfte, ist ein beliebtes Sujet des Science-Fiction-Kinos. Vor allem an die zahlreichen Versionen der „Invasion der Körpertäuscher“ mag man bei Jessica Hausners Film denken, doch „Little Joe“ hat mehr mit einem psychologischen, soziologischen Film wie „Get Out“ gemein, als einem wirklichen Genrefilm.

Wie so viele Auteurs, die sich den Mustern des Genrekinos bedienen, geht es auch Hausner nicht um bloße Irritation und Spannungsmomente, sondern um ein Ausloten der zahlreichen metaphorischen Möglichkeiten ihrer Ausgangsidee. Da ist zunächst die Frage der Glückshormone, die die Pflanze versprüht. Alle Menschen (und Tiere), die an ihr riechen beginnen plötzlich, besonders freundlich miteinander umzugehen – allerdings auch besonders künstlich, Verhaltensweisen, die durch Jessica Hausners ohnehin bewusst künstlichen, manierierten filmischen Stil zusätzlich betont werden. Man mag hier an die zeitgenössische Tendenz der Medizin denken, mehr oder weniger depressive Patienten mit starken Antidepressiva zu behandeln, deren Folgen oft Betäubung und Apathie sind.

Ob dies tatsächlich der Effekt von Little Joe ist bleibt dabei offen, denn Hausner erzählt konsequent aus Alice Perspektive, die bald an ihrer eigenen Wahrnehmung zweifelt. Was zu einem weiteren, noch interessanten Thema des Films führt: Den Zwängen, denen sich eine alleinerziehende Frau in einem anspruchsvollen Beruf ausgesetzt sieht, wenn sie versucht Privatleben und Beruf gleichberechtigt nebeneinander auszufüllen. Auch hier lässt Hausner offen, ob dieser Druck tatsächlich von Außen an Alice herangetragen wird, oder vor allem durch sie selbst aufgebaut wird.

Schon in „Lourdes“ und auch in „Amour Fou“ thematisierte Hausner Erwartungen, gesellschaftliche Konventionen, ihre tatsächliche oder eingebildete zerstörerische Kraft und vor allem die Frage, ob das am Ende einen Unterschied macht. Auch in „Little Joe“ gibt es konsequenterweise keine klaren Antworten: Ob eine moderne Frau wie Alice in erster Linie mit tatsächlichen gesellschaftlichen Erwartungen zu kämpfen hat oder mit der eigenen Vorstellung dessen, was die Gesellschaft erwartet ist kaum auseinanderzuhalten – und am Ende vielleicht auch egal, denn das Ergebnis, so beschreibt es zumindest Hausner, ist dasselbe.

Michael Meyns