Little Paris

Ein Fabrikbesitzer hat sich mit einer Miniatur des Eiffelturms eine Illusion von weltmännischer Großstadt mitten in die nord-baden-württembergische Provinz geholt. Dort träumen drei junge Frauen von einem besseren Leben. Doch nur eine von ihnen, Luna, ergreift die Initiative, wirklich etwas daraus zu machen. Sie erlebt dabei zwar auch Enttäuschungen, ihre Eigeninitiative aber wird am Ende doch belohnt. Schade jedoch, dass dieser eine rosarote Welt abbildende Film von Miriam Dehne nur oberflächliche Figuren bietet und sich allzu sehr auf Posen verlässt.

Webseite: www.kinostar.com

Deutschland 2007
Regie: Miriam Dehne
Mit: Sylta Fee Wegmann, Patrick Pinheiro, Nina Gnädig, Jasmin Schwiers, Volker Bruch, Ralph Kretschmar, Stipe Erceg, Inga Busch und Julia Dietze
90 Minuten
Verleih: Kinostar
Kinostart: 18.12.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die Provinz und das Leben fernab pulsierender Städte hat Regisseurin Miriam Dehne in „Little Paris“ auf eine sonderbare Welt zweifelhafter Vergnügungen wie Swingerclub und Dorfdisco mit Gogo-Girls reduziert. Schon kleine Mädchen unternehmen im Jazztanzunterricht erste Schritte in diese Richtung, natürlich weit davon entfernt, sich des Zusammenhangs bewusst zu sein. Sollten sie es auf welchen Wegen auch immer aus ihrem Provinznest nicht herausschaffen, könnte es ihnen ergehen wie jenen drei jungen Frauen, die in einer nach bonbonbunter Traumwelt aussehenden Eisdiele auf ihr großes Glück warten. Da wäre Barbie (Nina Gnädig), die aussieht wie die gleichnamige Puppe und in ihrem Nebenjob als Kellnerin im Bunnykostüm in einem Swingerclub von der Rückkehr ihrer großen Liebe (Stipe Erceg) träumt. Da wäre Eve (Jasmin Schwiers), die bald heiraten wird und mit ihrem Mann (Volker Bruch) gerade ein Einfamilienhäuschen baut. Und da wäre Luna (Sylta Fee Wegmann), die immerhin den Mut hat und etwas gegen ihr eintöniges Provinzleben unternimmt.

 

Miriam Dehne – bekannt als Regisseurin der ersten MySpace Internet-Soap „They call us Candy Girls" – lässt dazu den HipHop-Tänzer G (Patrick Pinheiro) in der beschaulichen baden-württembergischen Kleinstadt mit der Eiffelturm-Miniatur auf dem Dach einer Fabrik aufkreuzen und den großen Maxe mimen. Dass manche hier für ihr Auskommen zwei Jobs haben – bei Luna zum Beispiel die Arbeit in der bald Insolvenz anmeldenden Fabrik plus Instruktorin in der Jazztanzschule -, kommentiert er verächtlich mit dem Vergleich an Zustände „fast schon wie in den Staaten“. Er ermuntert Luna, die ihn durchaus attraktiv findet, mit ihm Choreografien einzustudieren und bei Wettbewerben die Chance auf eine Karriere als Tänzerin zu nutzen. Doch G ist nur ein Blender und Großkotz, dem das eigene Vergnügen näher ist als das Schicksal von Menschen, die sich ihm anvertrauen. Es dauert, bis Luna merkt, dass sich hinter seinem Gerede von Erfolg und Chancen ergreifen nur leere Worte verbergen.

Einher mit dem Traum von Glanz und Glamour geht auch die Präsenz von Erotik und Körperlichkeit. Ausgangspunkt für Dehnes Film war denn auch eine Fernseh-Doku über Alltagsdramen von Gogo-Girls – und so liegen nun auch in ihrem in einer artifiziellen Glitzerwelt spielenden Film Engelsflug und Absturz liegen nah beieinander. So wichtig die Tanzszenen im Film sind, leider erfolgen die Schnitte meist so schnell, dass man der Choreografie selten folgen kann. Schade, denn Wegmann und Pinheiro scheinen die Moves durchaus im Blut zu haben. Ihrer beide wie auch all die anderen Figuren bleiben jedoch auf Klischees reduziert, sind uninteressant und ergehen sich schlimmstenfalls auch noch in unnötigem Overacting. So schön ausstaffiert und von poetischen Ansätzen (Rehe auf Lichtungen, rosa Hasen) durchzogen der tragikomische Film auch wirkt – letztendlich bedient er doch nur die Illusion von Liebesfantasien und dem Traum von der Flucht aus einer biederen Wirklichkeit. Sprüche von Coco Chanel unterstreichen dieses Bild einer oberflächlichen Weltsicht. Wenn am Ende dann auch noch Kunstblutlachen zu synthetischer Filmmusik bemüht werden, ist der letzte Beweis erbracht: ein Fall fürs Kino ist „Little Paris“ wirklich nicht.

Thomas Volkmann

„Luna“ heißt die Hauptdarstellerin dieses Films. Sie ist in einem baden-württembergischen Städtchen zuhause. Auf einem der Fabrikdächer ist ein kleiner Eiffelturm aufgebaut, daher der Filmtitel.

Viel ist nicht los in dem Kaff. Luna, Eve, Barbie, Ron, Wassily und „G“ heißen die jungen Leute, um die es hier geht. Ein wenig herumhängen, manchmal jobben, sich langweilen, in der Disco tanzen, sich ab und zu eine Droge reinziehen, „Quickies“ absolvieren, der Liebe nachhängen, aufs Heiraten warten, durcheinander schlafen, kaputten Beziehungen nachtrauern, wenig arbeiten, Zukunftspläne aufgeben, das ist fast alles, was so geht.

Luna gibt Kindern Tanzunterricht. Sie selbst träumt von einer Tanzkarriere, vielleicht könnte dabei eines Tages ein Musikvideo herausspringen. „G“, der aus dem Nichts aufgetaucht ist, gibt sich als Tanztrainer aus und bietet an, Luna nach vorne zu bringen. Derzeit ist tatsächlich ein Dance-Casting ausgeschrieben. Das könnte etwas werden.

Luna übt „G“’s Choreographie ein. Doch nicht nur das. Sie, die eher in sich Zurückgezogene, von Selbstzweifeln Geplagte, verliebt sich natürlich auch in den gut aussehenden Kerl.

Dann ist es so weit. In Berlin wird das Casting abgehalten. „G“ und Luna trampen dorthin.

Aber das Hochgefühl währt nicht lange. „G“ erweist sich als Großmaul, als einer, der mit allen Mädchen rummacht, als halb übergeschnappt, als unseriöser Kantonist, der meint, er sei etwas.

Luna fällt tief. Rafft sich aber auf, tanzt allein – einen Supertanz. Sie wird ihren Weg machen.

Zweifellos hat Miriam Dehne mit diesem Film das Lebensgefühl eines Teils der jüngeren Generation und speziell der hier handelnden Personen getroffen. Das beweisen deren Verhalten, die noch mangelnde Orientierung, ihre Sprache, ihre kurzen Liebesverhältnisse, ihre Sexspiele, ihre Erwartungen und Träume, ihre Enttäuschungen, die bis zum Selbstmord reichen.

Ein kleines, brauchbares, in einem absichtlich improvisierten, quasi vorbeihuschenden Stil geschaffenes Zeitbild, von Sylta Fee Wegmann (Luna), Nina Gnädig (Barbie), Jasmin Schwiers (Eve), Patrick Pinheiro („G“), Ralph Kretschmar (Ron), Stipe Erceg (Wassily) und anderen typisch dargestellt.

Thomas Engel