Lollipop Monster

So unterschiedlich die beiden Elternhäuser von Ari und Oona auch sein mögen, so leiden doch beide Mädchen gleichermaßen unter der Sprachlosigkeit daheim. Nachdem sich Oonas Künstlervater das Leben nimmt, lässt die Mutter dessen Bruder Lukas in ihr Leben. Oona flieht in die Freundschaft mit Ari. Die lebt in einem Zuhause, das die designfreudige Mutter nicht nur äußerlich in ein Wolkenkuckucksheim umgewandelt hat. Die Fünfzehnjährige sucht sich ihre Akzeptanz beim Sex mit erwachsenen Männern. Als auch Lukas ihr Liebhaber wird, gerät die Welt der beiden Teenager gefährlich aus den Fugen. Regisseurin und Comicautorin Ziska Riemann gestaltet gemeinsam mit ihrer Co-Drehbuchautorin Luci Van Org eine grell überzeichnete Welt, in der das „Tier“ Sexualität mit schonungsloser Wucht über die Teenager hereinbricht. Ein freches, furioses Filmerlebnis, bei dem ein wilder Stilmix und die beiden Jungschauspielerinnen die Akzente setzen.

Webseite: www.lollipop-monster.de

Deutschland 2010
Regie und Buch: Ziska Riemann
Darsteller: Sarah Hovarth, Jella Haase, Nicolette Krebitz, Thomas Wodianka
Start: 25.8.
Verleih: Edition Salzgeber

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Die beiden Teennager Ari (Jella Haase) und Oona (Sarah Horváth) haben auf den ersten Blick nicht viel gemeinsam. Oona orientiert sich als Künstlerkind am eleganten Existentialismus-Look von Juliette Gréco. Im Gegensatz zum düsteren Habitus der 15-Jährigen gibt sich die gleichaltrige Ari knallbunt als Lollipop-Lolita. Doch beide eint der Traum vom Ausbruch aus ihren chaotischen Elternhäusern. In Aris Welt hat die Mutter das Zuhause in eine bonbonbunte und oberflächliche Designhölle verwandelt, in der die Realität unter ihrem grotesken Geschmacksdiktat ausgeschlossen bleibt. Die Eltern, beide von der Regie hart an der Karikatur gezeichnet, unterdrücken jeden Versuch der Kontaktaufnahme von Seiten ihrer Tochter mit Ignoranz, die im Gewande von Gleichgültigkeit und Toleranz daher kommt. Während ihr älterer Bruder mit infantiler Aggression um Aufmerksamkeit buhlt, sucht Ari das Heil in der Flucht. Als blonde Kindfrau holt sie sich die fehlende Zuneigung beim Sex mit erwachsenen Männern. In Oonas Familie dominierte die Farbe schwarz, schon bevor sich ihr Vater, eine verkrachte Künstlerexistenz, schwermütig und ausgebrannt das Leben nimmt. Fassungslos muss das Mädchen mit ansehen, wie die Mutter ihr die familiäre Loyalität aufkündigt und Oonas verhassten Onkel Lukas in ihr Leben lässt. Oona, die ihre Mutter und den Bruder des Vaters vor dessen Selbstmord bereits in Flagranti beim Sex erwischt hat, flieht in die Freundschaft mit Ari. Doch als auch Lukas Aris Liebhaber wird, gerät die Welt der beiden Mädchen entgültig aus den Fugen.

Regisseurin und Comicautorin Ziska Riemann gestaltet gemeinsam mit ihrer Co-Drehbuchautorin Luci Van Org, ehemals als Popsängerin Lucilectric in den Charts, eine grell überzeichnete Welt, in der das „Tier“ Sexualität mit schonungsloser Wucht über die Teenager hereinbricht. Das Coming-of-Age-Drama kommt als greller Comic daher, bei dem sich die unterschiedlichsten Stilelemente zu einer überbordenden Collage zusammenfügen. In der schrillen Mixtur aus Clip-Ästhetik und Popzitaten schickt der Film den Zuschauer auf eine Achterbahnfahrt der Gefühle, zwischen saftiger Komik und erschütternder Tragik. Auch wenn nicht jedes Stilmittel den Film nach vorne bringt – so erweisen sich die Musicclips als Sand im Getriebe des Erzählfluss – führt der ekklezistische Experimentierwille am Ende doch zu einem originellen und frischen Ansatz. Während die Darsteller der Erwachsenenrollen ihren Figuren die gewünschte Starrheit verleihen, gilt das Hauptaugenmerk in dieser rauschhaften Mädchengeschichte naturgemäß den beiden Jungdarstellerinnen Sarah Hovarth und Jella Haase. Die sind nicht nur perfekt als sich anziehende Antipoden besetzt, sondern meistern mit jugendlichen Verve und dem richtigen Gespür für die Glaubwürdigkeit ihrer Charaktere die schauspielerische tour de force durch die pubertäre Hölle.

Norbert Raffelsiefen