LOMO – The Language Of Many Others

Julia Langhof entwirft in ihrem Kinodebüt ein kritisches Bild der Generation Web 2.0 und der deutschen Wohlstandsgesellschaft. Karl lebt fast nur für seinen Blog LOMO. Aus enttäuschter Liebe wird er zum Online-Zombie, der sich von seinen Followern steuern lässt. Dieser Film polarisiert: Die spannende Geschichte lädt zur Auseinandersetzung mit sozialen Medien ein, arbeitet aber auch stark mit Stereotypen. Wer bereit ist, den Film vor allem als Thriller zu betrachten und weniger als Sozialdrama, wird die ambitionierte Gestaltung mit zahlreichen sehens- und hörenswerten Effekten schätzen, die auch das junge Publikum ansprechen könnten.

Webseite: www.farbfilm-verleih.de

Deutschland 2017
Regie: Julia Langhof
Drehbuch: Thomas Gerhold, Julia Langhof
Darsteller: Jonas Dassler, Lucie Hollmann, Eva Nürnberg, Karl Alexander Seidel, Marie-Lou Sellem, Peter Jordan, Julika Jenkins und Barbara Philipp
Kamera: Michał Grabowski
Länge: 101 Minuten
Verleih: farbfilm
Kinostart: 12. Juli 2018

Festivals/Preise:
2017 Filmfest München, Förderpreis Neues Deutsches Kino: Bestes Drehbuch
2018 achtung berlin – new berlin film award, Wettbewerb „Made in Berlin-Brandenburg“: Bester Schauspieler für Jonas Dassler, Beste Produktion: flare film
2018 Bayerischer Filmpreis für Jonas Dassler: Bester Nachwuchsdarsteller (für LOMO und DAS SCHWEIGENDE KLASSENZIMMER)
2018 Filmkunstfest Mecklenburg-Vorpommern: Leo – Kinder- und Jugendpreis
 

FILMKRITIK:

Wenn Karl mit den Followern seines Blogs LOMO kommuniziert, geht es ihm gut. Dann fühlt er sich unter Gleichgesinnten verstanden und akzeptiert, ansonsten ist er unglücklich, denn Karl leidet an sich und der Welt. „Es gibt nur zwei Zustände im Leben: Bewusstlosigkeit oder Panik“, sagt er zu Beginn und verhält sich entsprechend. Karls Probleme bleiben seiner Zwillingsschwester und den gutbetuchten Eltern nicht verborgen, die sich allesamt um ihn Sorgen machen. Dabei dringt Anna noch am ehesten zu ihm durch. Obwohl das Abitur bevorsteht, macht Karl keine Anstalten, seine miesen Schulnoten zu verbessern. Nur die Beziehung zu Doro, die neu in die Klasse kommt, verschafft ihm vorübergehend etwas Auftrieb. Doch als Doro mit ihm Schluss macht, weil sie sich nicht binden möchte, gerät er in eine existenzielle Krise, die ihn endgültig zum Online-Junkie werden lässt: Er stellt ein Video, auf dem er Sex mit Doro hat, ins Netz, ohne die möglichen Konsequenzen zu bedenken. Schließlich liefert er sich sogar seinen Followern aus und lässt sich von ihnen wie eine Marionette steuern.

Spätestens seit Goethes jungem Werther ist das Phänomen des vom Leben und von der Liebe enttäuschten jungen Mannes medienkompatibel. Ähnlich wie Werther ist auch Karl ein Narzisst, der versucht, seine innere Leere mit Sinn zu füllen. Dass er noch kindlicher ist als Werther, erklärt sich schon dadurch, dass Karl jünger ist und noch zur Schule geht. Er lebt in einem großbürgerlichen Haus am grünen Rand Berlins – sein Vater Michael (Peter Jordan) ist Architekt, Mutter Krista (Marie Lou Sellem) vertreibt sich die Zeit mit Selbstfindung oder gibt hin und wieder Klavierunterricht. Karls Zwillingsschwester Anna (Eva Nürnberg) ist komplett anders als er: fleißig, zielstrebig und gutgelaunt. Für Anna ist das Abitur der Beginn eines neuen Lebens, das sie bereits geplant hat. Für Karl ist alles nichts. Oder nichts alles. Jonas Dasslers Charakterkopf zeigt diesen stark verwirrten Jungen in seiner ganzen Unsicherheit. Die Traurigkeit, die Einsamkeit, die Verzweiflung. Wenn zwischendurch dank Doro (Lucie Hollmann) ein wenig Hoffnung aufkeimt, wird er kaum fröhlicher. Die psychotische Neigung ist offenkundig, wobei der Umgang mit den sozialen Medien nicht der Auslöser sein dürfte. Karl ist einer von vielen jungen Männern in diesem Alter, die sich der Herausforderung des Erwachsenwerdens stellen müssen und dabei versagen, aus welchen Gründen auch immer.

Julia Langhof zeigt die Entwicklung in wechselnden Tempi und in kühlen, klaren Bildern, die wenig Raum lassen für Mitleid mit dem großen Kind. Diesen Jungen zu mögen, ist schwierig. Ist Karl ein wohlstandsverwahrloster Gymnasiast, der eigentlich alles hat, es aber nicht zu schätzen weiß? Ist er ein psychisch Kranker, den man aufhalten sollte? Oder ist er ein Opfer der Social Media? Eines ist er keinesfalls: unschuldig. Wenn er betrunken das Sexvideo mit Doro ins Netz stellt, müsste ihm, Suff hin – Suff her, trotzdem klar sein, dass er eine Schwelle überschreitet, die kein Zurück ermöglicht. Der Junge nur im Internet, der Vater in der Krise, die Mutter in der Selbstfindung, und die Freundin auch noch rothaarig … das gibt Ärger, weiß der erfahrene Fernsehkrimi-Zuschauer, und wenn es dann tatsächlich so kommt, kann er sich wunderbar bestätigt fühlen. Jedoch wäre es verfehlt, den Film über diese Stereotypen zu beurteilen. Weit interessanter ist die visuelle Qualität des Films, der mit zahlreichen Bild- und Toneffekten arbeitet.

Die Identifikation zwischen Publikum und Hauptdarsteller läuft sehr stark über die Bilder, die oft etwas Unwirkliches haben und Traumsequenzen sein könnten, wären sie nicht Bestandteile von Karls Online-Existenz. Er macht sich zum Avatar im eigenen Leben und testet dabei sowohl die technischen als auch die menschlichen Grenzen aus. Die Bewertung von Karls Umgang mit Online-Medien wird beim Publikum, je nach Einstellung, unterschiedlich ausfallen. Junge Leute verstehen Karl sicherlich besser als ältere. Seine coole Art, die letztlich zu den Symptomen seiner psychischen Störung gehört, was aber erst zum Ende hin wirklich deutlich wird, lässt ihn dabei möglicherweise noch interessanter wirken. Wenn er sich selbst zum Opfer macht, indem er sich wie eine Marionette steuern lässt und dabei den eigenen Tod in Kauf nimmt, dann bricht er die letzten Kontakte ab, die ihn mit der menschlichen Gesellschaft verbinden. Das hat dann etwas sehr Beunruhigendes und lässt doch noch so etwas wie Mitleid aufkeimen.

Gaby Sikorski