Los Versos del Olvido – Im Labyrinth der Erinnerung

Nicht nur den Lebenden, sondern auch den Toten sollte man mit Wertschätzung und Ehrfurcht begegnen. Dies ist eine der zentralen Botschaften des mit märchenhaften Elementen ausgestatteten Dramas „Los Versos del Olvido“. Darin versucht ein Friedhofs-Hausmeister, einer getöteten unbekannten Frau eine würdige Beerdigung zukommen zu lassen. Der Film nähert sich seinen düsteren Themen nicht nur enorm unkonventionell und variantenreich, sondern  auch mit poetischem Gestus und gelungenen metaphorischen Entsprechungen.

Webseite: sabcat.media

Chile, Frankreich, Deutschland, Niederlande 2017
Regie & Drehbuch: Alireza Khatami
Darsteller: Juan Margallo, Tomas del Estal, Manuel Moron, Itziar Aizpuru
Länge: 92 Minuten
Kinostart: 12. Juli 2018
Verleih:: Sabcat Media

FILMKRITIK:

Ein alter Mann (Juan Margallo) arbeitet auf einem abgelegenen Friedhof in Chile als Hausmeister und kümmert sich liebevoll um seine Pflanzen. Oder er zeigt denjenigen, die auf der Suche nach Vermissten sind, die Körper der Gestorbenen im Leichenschauhaus. Eines Tages bekommt der Alte mitgeteilt, dass ihn die Stadt in Rente schicken will. Eine letzte Mission will er aber noch erfüllen. Er möchte einer Unbekannten, deren leblosen Körper er fand, eine würdige Bestattung angedeihen lassen. Auf seiner Suche nach einem passenden Ort wird er von einem blinden Bestatter, einer alten Frau dem kauzigen Fahrer eines Leichenwagens begleitet.

Mit „Los Versos del Olvido“ (Deutsch: Verse des Vergessens) feiert der aus dem Iran stammende Regisseur Alireza Khatami sein Spielfilm-Debüt. Er griff bei der Besetzung vor allem auf spanische Darsteller zurück, darunter auch der 78-jährige Hauptdarsteller Juan Margallo. Seine Premiere erlebte der Film bei den Internationalen Filmfestspielen von Venedig (Sektion: „Orizzonti“) im vergangenen Jahr. „Los Versos del Ovido“ ist eine Co-Produktion aus Chile, Frankreich, Deutschland und den Niederlanden.

Alireza Khatami fühlt sich ganz dem „magischen Realismus“ verpflichtet. Also der Verquickung von surrealen Elementen und Bildern mit einem natürlich-realistischen Setting. Dass sich märchenhafte, fantastische Einsprengsel und eine glaubwürdige Geschichte mit wahrhaftigen Figuren nicht ausschließen müssen, beweist Khatami mit seinem Erstling eindrucksvoll. Alle im Film auftretenden Figuren sind realistisch gezeichnet und aus dem wahren Leben gegriffen. Es handelt sich um Menschen, die meist sehr einsam sind und in ihrem Leben schon oft mit Verlust, Krankheit und Tod konfrontiert wurden.

So z.B. die ältere Dame, die den Wärter häufiger auf dem Friedhof besucht. Seit langem schon befindet sie sich auf der verzweifelten Suche nach ihrer verschollenen Tochter. Oder eben der im gesamten Film namenlos bleibende, melancholische aber herzensgute Friedhofs-Hausmeister selbst. Schließlich wird er tagtäglich bei seiner Arbeit mit der Vergänglichkeit des Lebens konfrontiert. Juan Margallos feinsinnige und rührende Performance bleibt dabei nachhaltig in Erinnerung, da er seiner Filmfigur vor allem mit zwei Dingen begegnet: Würde und Respekt. Dies lässt er ebenso den in den Kühlkammern lagernden Toten zukommen. Denn keiner weiß so gut wie er, dass hinter jedem leblosen Körper eine Geschichte steckt. 

Khatami setzt die surrealen Momente  reduziert und gezielt ein, was dem Film gut tut. Dadurch werden Dramaturgie sowie Handlung nicht vom Fantastischen überlagert und das Geschehen auf der Leinwand bleibt glaubhaft. Nur hier und zeigt er traumwandlerische und poetische Bilder. Diese jedoch besitzen ein hohes emotionales Gewicht und gewaltige Ausdruckskraft. In einer der schönsten Szenen des Films schaut der alte Mann aus einem Fenster und erblickt einen sich schwerelos und anmutig fortbewegenden Wal.

Damit spielt Khatami – diesmal metaphorisch – erneut auf die Themen „Tod“ und „Sterben“ an. Denn schon lange wird spekuliert, wieso sich kerngesunde (Blau-) Wale immer wieder absichtlich in lebensgefährliche Situationen begeben und damit, scheinbar, Massenselbstmord begehen. Inhaltlich zieht sich, wie es der Filmtitel bereits andeutet, auch das Thema des „Vergessens“ bzw. „nicht Vergessens“ wie ein roter Faden durch das Werk. Einmal versucht z.B. die Miliz, die Leichen von getöteten Protestlern bei dem alten Mann zu verstecken. Die Toten sollen damit in Vergessenheit geraten, sie sollen verschwinden. Und letztlich will der alte Mann der toten Frau auch deshalb ein Grab mit Sarg und Stein verschaffen, damit man sich ewig an sie erinnert.

Björn Schneider