Love Hotel

Viele Mythen und Klischees ranken sich um die Eigenheiten der japanischen Gesellschaft, die im Westen gern als besonders exotisch und merkwürdig beschrieben wird. Mit einem dieser Vorurteile räumen Philip Cox und Hikaru Toda in ihrer Dokumentation „Love Hotel“ auf, in der es um die gleichnamigen Hotels geht, die weniger mit Prostitution als mit Liebe zu tun haben.

Webseite: www.dejavu-film.de

GB/ Frankreich 2014 – Dokumentation
Regie, Buch: Philip Cox & Hikaru Toda
Länge: 75 Minuten
Verleih: déjà-vu Film
Kinostart: 11. Juni 2015
 

FILMKRITIK:

Wenn man durch japanische Großstädte streift, auf der Suche nach einem Hotel, stößt man manchmal auf Orte, die auf den ersten Blick wie ganz normale Hotels aussehen, aber irgendwie anders sind. Eine Rezeption gibt es nicht, die Zimmerpreise werden zum Teil in Stunden berechnet und in der Lobby finden sich Bilder der Zimmer, die offensichtlich nicht nur zum Schlafen eingerichtet sind. Dass kann man in den so genannten Love Hotels zwar auch, doch in erster Linie dienen sie als Orte, an dem Paare Sex haben. Doch auch wenn die Zimmer oft nur ein, zwei Stunden gebucht werden, sind diese Hotels nicht mit typischen Stundenhotels im Westen zu vergleichen. Das Konzept der japanischen Liebeshotels ist ein anderes, vielschichtigeres, wie das britisch-japanische Regieduo Philip Cox und Hikaru Toda in seiner Dokumentation „Love Hotel“ aufzeigt.
 
Zwar benutzen auch Prostituierte und ihre Freier diese Hotels für ihre Dienste, in aller erster Linie treffen sich hier aber Paare, um in der von akuter Platznot geprägten japanischen Gesellschaft für ein paar Stunden ungestört zu sein. Im Laufe ihrer Recherchen und Dreharbeiten haben Cox und Toda diverse Paare kennen gelernt und zum erstaunlich unverblümten Auftritt vor der Kamera überreden können. So gelingt es ihnen, die ganze Vielfalt der Kunden der Liebeshotels zu zeigen: Manche nutzen diesen Ort für Affären und Seitensprünge, doch man sieht auch Paare unterschiedlichen Alters, die in den unterschiedlich ausgestatteten Räumen ein wenig Abwechslung in ihr Liebesleben bringen wollen. Manche Räume ähneln dabei einer Disco, andere einem Büro, wieder andere einem U-Bahnabteil.
 
Besonders wichtig ist die Diskretion, die schon an der Rezeption beginnt, wo die Schlüssel bzw. die Chipkarte entweder direkt aus einem Automaten kommt oder durch einen schmalen Schlitz gereicht wird, die Augenkontakt zwischen Kunde und Hotel-Angestellten verhindert. Und auch die Bestellung von Essen, Getränken oder Anderem erfolgt möglichst anonym, per Luke oder gar als Lieferung per Rohrpost.
 
Was für westliche Augen etwas befremdlich wirken mag, ist in der japanischen Gesellschaft, in der besonders auf Diskretion und Zurückhaltung geachtet wird, ein ganz normaler Vorgang. Die Gründe für diese Eigenheiten sind vielfältiger Natur und werden in „Love Hotel“ oft in etwas schlichter soziologischer Analyse vorgetragen. Viel interessanter als die kurzen Interviews mit den Hotel-Besuchern sind die mit unauffälliger Kamera eingefangenen Aufnahmen von der Funktionsweise der Liebeshotels. Monatelang konnten Cox und Toda in einem Hotel in Osaka drehen, in Zimmern, aber auch hinter den Kulissen, lernten Besucher und Mitarbeiter kennen. Das Ergebnis ist ein mit 75 Minuten kurzer, aber sehr interessanter Blick in eine Sphäre der japanischen Gesellschaft, der mit manchen Klischees aufräumt.
 
Michael Meyns