Lovely Louise

Nach „Tannöd“ kehrt die Schweizer Regisseurin Bettina Oberli mit „Lovely Louise“ wieder zu einer intimeren Erzählart zurück, die an ihren großen Erfolg „Die Herbstzeitlosen“ erinnert. Von einem schwierigen Mutter-Sohn-Verhältnis wird hier erzählt in einer Mischung aus Drama und Humor, vor allem aber mit exzellenten Darstellern.

Webseite: www.camino-film.com

Schweiz 2012
Regie: Bettina Oberli
Buch: Bettina Oberli, Petra Volpe
Darsteller: Stefan Kurt, Annemarie Düringer, Stanley Townsend, Nina Proll,Michael Neuenschwander
Länge: 91 Minuten
Verleih: Camino Filmverleih
Kinostart: 13. Februar 2014

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

André (Stefan Kurt) ist zwar schon Mitte 50, lebt aber noch mit seiner Mutter Louise (Annemarie Düringer) zusammen. Eine kleine Etagenwohnung teilt sich das Muter-Sohn Gespann in einem Vorort von Zürich, in der das Leben längst zur Routine erstarrt ist. Jede Bewegung, jeder Moment des Tages scheinen geplant zu sein, vom Rausstellen der Hausschuhe, über Besuche im Schwimmbad, bis hin zum Kaffeetrinken in einem Cafe in der Innenstadt.

Tagsüber fährt André Taxi, abends bringt er die Mutter zum Boulevardtheater, wo die alte Dame an ihre scheinbar großen Zeiten anknüpft: Denn Louise war einmal auf dem Weg zum Schauspielstar und wäre fast in Hollywood gelandet, verzichtete dann jedoch auf die Karriere, um ihren Sohn aufzuziehen. Das zumindest erzählt sie André, der von Schuldgefühlen geplagt ist und sein eigenes Leben hinten anstellt, um für die Mutter da zu sein. Sein einziges Hobby, seine einzige wirkliche Freude ist das Basteln und Fliegen von Modellflugzeugen. Wenn er die Flugzeuge in die Luft steigen lässt, ist er ganz bei sich und genießt anschließend eine Wurst im Kiosk von Steffi (Nina Proll), die einen Ausweg aus seiner Isolation sein könnte.

Doch der eigentliche Katalysator, der das Mutter-Sohn Verhältnis zur Implosion bringt, ist Bill (Stanley Townsend), ein etwas lauter, aufdringlicher Amerikaner, der eines Tages vor dem Theater auftaucht und sich ebenfalls als Louises Sohn herausstellt und damit Andrés Halbbruder. Auch Bill ist wenig zufrieden mit seinem Leben, ebenso erfolglos wie André, ebenso geprägt und beschädigt von einer Mutter, die viel zu lange ihren Kopf durchsetzen konnte.

Auf dem schmalen Grad zwischen Drama und Humor will sich Bettina Oberli in ihrem neuen Film bewegen, eine in der Grundkonstellation ebenso tragische wie komische Geschichte erzählen. Mit viel Gespür für Nuancen inszeniert sie das Leben des Duos, den täglichen Trott, eine Beziehung, die durch Vorwürfe und Schuldzuweisungen zusammengehalten wird. Wenn dieses Paar vom verlorenen Sohn Bill aufgebrochen wird, wird nicht nur André durch den plötzlichen Konkurrenten um die Zuneigung seiner Mutter aus der Bahn geworfen. Auch der Film selbst verliert für eine ganze Weile seinen Fokus, legt falsche Fährten, scheint sich zu einer Betrugskomödie zu entwickeln und findet erst spät wieder in die Spur zurück.

Zusammengehalten wird „Lovely Louise“ in dieser Phase von den beiden Hauptdarstellern, der schon in Oberlis „Herbstzeitlosen“ zu sehenden Annemarie Düringer und Stefan Kurt, zuletzt mit „Der Verdingbub“ im Kino. Mit der richtigen Mischung aus Ernsthaftigkeit und Humor bewegt sich das Duo durch den Film, weder die tragischen, noch die eher humoristischen Momente zu sehr ausspielend und dadurch das mehr als ungewöhnliche Mutter-Sohn-Verhältnis präzise auslotend. Am Ende ist „Lovely Louise“ zwar nicht so rund wie die „Herbstzeitlosen“, aber dennoch ein schöner, gut gespielter Film über eine sehr späte Abnabelung.

Michael Meyns