Loving

Wie sehr der Wunsch zu heiraten auch politisch sein kann als Symbol der Gleichberechtigung, zeigt Jeff Nichols engagiertes Südstaatendrama "Loving". Heute kämpfen dafür homosexuelle Paare, Ende der 50er Jahre kämpfte das gemischtrassige Paar Mildred und Richard Loving, das im Mittelpunkt von Jeff Nichols Film steht. Ein berührender Film, der ganz unspektakulär die Welt der 60er Jahre im Süden der USA auferstehen läßt, aber ganz konkret zeigt, was es heißt, wenn ein intoleranter Staat das Leben einzelner Menschen bestimmen will. Für ihre Darstellung einer einfachen, aber starken schwarzen Frau war Ruth Negga für den Oscar nominiert als beste Hauptdarstellerin.

Webseite: www.loving-film.de

USA 2016
Regie & Buch: Jeff Nichols
Darsteller: Joel Edgerton, Ruth Negga, Marton Csokas, Nick Kroll, Terri Abnex, Alano Miller, Michael Shannon
Länge: 124 Minuten, FSK: ab 6 J.
Verleih: Universal
Kinostart: 15.6.2017
 

FILMKRITIK:

Virginia, 1958. Richard (Joel Edgerton) und Mildred (Ruth Negga) Loving, sind jung und verliebt, haben Arbeit, Freunde, und planen zu heiraten und ein Haus zu bauen. Nichts anderes also, als tausende andere junge Paare auch. Mit einem Unterschied: Richard ist weiß und Mildred schwarz. Ende der 50er Jahre hat die Bürgerrechtsbewegung zwar erste Früchte getragen, doch das Paar lebt im amerikanischen Bundesstaat Virginia, der geographisch zwar weit im Norden liegt, politisch aber ein Südstaat ist. Im benachbarten Washington D.C. kann das Paar zwar legal heiraten, in Virginia ist die Ehe jedoch nicht nur nicht anerkannt, sondern gar verboten. Juristische Mittel gibt es keine und so wird das Paar vertrieben, verlässt seine Heimat und hofft.

Jahre vergehen, Kinder werden geboren, mit den Kennedys nimmt eine liberale Haltung Gestalt ein. Mildred schreibt einen Brief an den Justizminister Bobby Kennedy, ein Akt der Hoffnung und Verzweiflung, der die Dinge aber tatsächlich ins Rollen bringt: Bis vor das höchste Gericht der Nation, den Supreme Court, geht der Fall, bis endlich festgestellt ist, dass das Verbot gemischtrassiger Ehen gegen die Verfassung verstößt. Doch was als bahnbrechender Präzedenzfall in die Geschichte eingeht, ist für das Ehepaar Loving nur die Bestätigung eines ganz selbstverständlichen Rechts.

Es ist eine dieser kaum glaublichen Ironien der Geschichte, dass das Ehepaar in diesem spektakulären Fall tatsächlich Loving hieß. Kein Drehbuchautor hätte es gewagt, diesen Namen zu wählen, der so sehr auf den Punkt bringt, um was es dem Paar geht: Zusammenleben leben, sich lieben, heiraten zu dürfen. "It ain't right – Es ist falsch!" sagt Richard Loving immer wieder, wenn er und seine Frau daran gehindert werden, etwas zu tun, was ihnen als ganz selbstverständlich erscheint. Und genau aus dieser Perspektive erzählt Jeff Nichols seinen Film, wählt dezidiert nicht den Blick von oben, von Juristen und Richtern, sondern bleibt immer bei den Lovings, die unermüdlich für ihr individuelles Recht kämpfen und dabei zum Spielball in etwas Größerem werden.

Die juristischen Feinheiten des Falls, die Argumente der Anwälte und Richter reduziert Nichols auf das Nötigste, inszeniert keine flammenden Reden vor Gericht, verzichtet auf jegliches moralisch aufgeladene Pathos. Was in diesem Fall richtig ist, ist ohnehin von Anfang an klar, dass es skandalös ist, einem Paar die Ehe verbieten zu wollen, steht nie zur Debatte. Von dieser Selbstverständlichkeit ist Nichols Inszenierung geprägt, von der Normalität einer gemischtrassigen Ehe, die er bewusst nicht zum Symbol für den Kampf um Gleichberechtigung stilisiert.

Dieser Verzicht auf offensichtliche Emotion und Pathos, verstärkt noch durch das zurückhaltende Spiel von Ruth Negga und besonders Joel Edgerton, der ohnehin das Paradebeispiel eines introvertierten Schauspielers ist, zahlt sich im Verlauf des Films zunehmend aus. Ohne es zu wollen, werden die Lovings zu Symbolen im Kampf um Gleichberechtigung, sind heute als "Loving v. Virginia" in der amerikanischen Rechtsgeschichte verewigt, doch die persönlichen Opfer die sie  – und andere ganz normale Menschen, die Anlass für bahnbrechende Verfahren waren – erlitten, werden im Glanz des großen Ganzen gern vergessen.

Dementsprechend inszeniert Nichols auch keine pathetischen Bilder, als das Verfassungsgericht ihnen Recht gibt, zeigt keine jubelnde Menschenmenge, ist noch nicht mal im Gerichtssaal dabei. Statt dessen ist er in diesem Moment bei Mildred Loving, die die Nachricht, für die sie Jahrelang gekämpft hat, in der Küche am Telefon entgegennimmt. Ein kurzer, banaler Anruf, der alles ändert, der vor allem aber das bestätigt, was eigentlich ganz selbstverständlich ist: das auch gemischtrassige Paare heiraten und ein Haus bauen dürfen.
 
Michael Meyns