Lowlife Love

Der 39-jährige Regisseur Tetsuo ist ein übel gelaunter, ungepflegter Loser, der immer noch bei Mutti wohnt. Vor Jahren gelang ihm mit einem Film ein Überraschungs-Hit. Doch das ist lange her. Als er eine begabte Darstellerin und einen talentierten Drehbuchautor trifft, sieht er seine Chance auf ein Comeback. Die japanische Satire „Lowlife Love“ ist eine bissige Abrechnung mit dem Filmbusiness und will aufzeigen, dass sich nicht nur unter den mächtigen Studiobossen Hollywoods selbstverliebte, dreiste Egoisten tummeln. Sie ist immer wieder bewusst und übertrieben überspitzt, doch sorgt gerade das – in Verbindung mit einem famosen Hauptdarsteller – für kurzweilige Unterhaltung auf hohem Niveau.

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Japan 2015
Regie: Eiji Uchida
Drehbuch: Eiji Uchida
Darsteller: Kiyohiko Shibukawa, Maya Okano, Shûgo Oshinari,
Matsumoto Club, Kanji Tsuda
Länge: 102 Minuten
Verleih: Rapid Eye Movies
Kinostart: 28. Juli 2016

FILMKRITIK:

Tetsuo (Kiyohiko Shibukawa) ist ein abgehalfterter Indie-Regisseur, der noch bei Mutti lebt und kein geregeltes Einkommen hat – mit 39 Jahren. Das war nicht immer so: vor Jahren landete er einen Film-Hit und galt als Zukunft des japanischen Films. Mittlerweile aber dreht er nur noch billige Pornos für dubiose Auftraggeber, um an Kleingeld zu kommen. Eines Tages lernt er die talentierte Schauspielerin Minami (Maya Okano) und den begabten Jung-Drehbuchautor Ken (Shûgo Oshinari) kennen. Mit den beiden Talenten sieht Tetsuo seine Chance auf ein Comeback gekommen: er macht sich an die Arbeit, das interessante Drehbuch von Ken zu verfilmen und hofft, nach vielen Jahren endlich wieder einen Erfolg zu landen.

„Lowlife Love“-Regisseur Eiji Uchida kennt die japanische Indie-Film-Szene sehr gut, dreht er doch selbst seit fast zehn Jahren unkonventionelle und unabhängige Filme, die nicht selten die Grenze zum B-Movie überschreiten. „Lowlife Love“ ist sein erster Film seit dem Acion-Horrorfilm „Dead Banging“ von 2013, in dem sich eine wenig erfolgreiche Sängerin mit einem langhaarigen Zombie anfreundet. Wenig erfolgreich und beruflich glücklos ist auch die Hauptfigur in „Lowlife Love“, gespielt von dem bekannten japanischen Model und Schauspieler Kiyohiko Shibukawa. Der Film wurde mit einem Mini-Budget von umgerechnet 40 000 Euro produziert, eine selbst für den Low-Budget-Sektor extrem geringe Summe gilt.

„Lowlife Love“ ist ein bissiger, schwarzhumoriger Film, der mit seiner Überspitzung und den satirischen Einlagen die Grenzen des Erträglichen auslotet. Er überschreitet diese dabei aber nie, sondern zielt darauf ab, dem Zuschauer – natürlich bisweilen stark zugespitzt – zu verdeutlichen, wie es auch hinter den Kulissen der (japanischen) Independent-Filmszene zugehen kann. Der Film provoziert und man kann bereits nach wenigen Minuten nachvollziehen, wieso er in Japan teils heftige Kritik heraufbeschwor. Gegner des Werks und von Regisseur Eiji Uchida unterstellten dem Filmemacher, er würde mit „Lowlife Love“ seinen eigenen Stand – die unabhängige Film-Industrie Japans und deren Mitwirkende – in den Dreck ziehen und schlecht aussehen lassen.

Diese Ansicht ist überzogen, wenn man Uchidas Film mit einem Augenzwinkern sieht und ihn als das annimmt, was er ist: ein persiflierender, satirischer sowie extrem unterhaltsamer und kurzweiliger Blick hinter die Kulissen der Film-Welt, den man auch nicht zu ernst nehmen sollte. Ernster als Regisseur Tetsuo sein  Leben nimmt,  aber vielleicht schon: er lässt sich von Mama durchfüttern, leiht sich ständig bei seiner Schwester Geld und onaniert schon mal in seinem Zimmer, während die Tür offen steht. Er betreibt eine Pseudo-Schauspielschule für (untalentierte) Jungschauspielerinnen, die alles dafür tun würden, um Film-Luft zu schnuppern. Dies nutzt Tetsuo natürlich eiskalt aus und steigt mit fast jeder seiner „Schülerinnen“ ins Bett.

Hauptdarsteller  Shibukawa gibt eine köstliche Vorstellung als unfreundlicher, ungepflegter Taugenichts und es sind zumeist sein einschläfernder, gelangweilter Blick sowie seine reduzierte Mimik die klar machen: er ist nicht an seinen Mitmenschen sowie am Leben um ihn herum, sondern nur am eigenen Vorteil interessiert. Das wird in einer frühen Szene deutlich, als er dem talentierten, idealistischen Drehbuchautor Ken, gleich mal eine horrende Summe als Vorschuss und für das „Lehrmaterial“ abluchst. Schließlich gewährt Tetsuo ihm und der Darstellerin Minami – die der dreiste Regisseur natürlich auch ins Bett kriegen will – die Möglichkeit, mit einem großen Filmemacher zu arbeiten. Denn genau als solchen sieht Tetsuo sich selbst.
Obwohl die Hauptfigur alles andere als liebenswürdig ist und hier nahezu alle männlichen Filmschaffenden als notgeile, sexbesessene und von ihren Emotionen geleitete Unsympathen erscheinen (so z.B. ein Produzenten-Kotzbrocken, der mehr an den zierlichen Körpern der seiner Darstellerinnen als an seinem nächste Projekt interessiert ist), vermittelt der Film doch auch eine positive Botschaft: verfügt jemand über echtes Talent (wie Minami und Ken), besteht durchaus die Chance auf die Verwirklichung der eigenen Träume – auch wenn zunächst einige Hindernisse und Probleme zu überwinden sind. Zumindest einer der Beiden hat am Ende den verdienten Erfolg.

Uchida will mit seinem Film klarmachen: auch wenn die Mächtigen der Independent-Filmszene hinter den Kulissen bei Weitem nicht so verkommen und auf finanziellen Erfolg getrimmt sein mögen, wie das Studiosystem Hollywoods und dessen Macher. Unangenehme, egoistische und selbstverliebte Zeitgenossen wie Tetsuo oder den Produzenten, gibt es leider überall.

Björn Schneider