Lucky

Grandios – eine Alterskomödie mit philosophischem Touch: Harry Dean Stanton ist Lucky, ein Cowboy vom alten Schlag, der allein in seinem Häuschen am Rand der Wüste von Arizona lebt. Witzig, lakonisch und erfüllt von bärbeißiger Romantik ist dieser liebenswert coole, alte Kerl. John Carroll Lynch setzt mit seinem Kinodebüt dem großen Menschendarsteller Harry Dean Stanton ein wunderbares Denkmal: ein humorvoller Film über das Altsein und das Glück zu leben.

Webseite: www.lucky-derfilm.de

USA 2017
Regie: John Carroll Lynch
Drehbuch: Logan Sparks, Drago Sumonja
Darsteller: Harry Dean Stanton, David Lynch, Tom Skerritt, Ron Livingston, Ed Begley
88 Minuten
Verleih: Alamode
Kinostart: 8. März 2018

FILMKRITIK:

Lucky ist über 90, aber noch ziemlich gut in Form. Er lebt in einem gottverlassenen Nest in Arizona, dort, wo es am ödesten ist. Der alte Mann wohnt allein in seinem Häuschen und hat einen festen Tagesrhythmus, den er penibel einhält. Der Morgen beginnt mit einer Zigarette, ein paar Yoga-Übungen als Gymnastik, mit Körperpflege, kalter Milch und heißem Kaffee. Als nächstes steht der Gang in den Supermarkt und ins örtliche Diner auf dem Programm, wo Lucky sich mit dem Kellner unterhält und ein Kreuzworträtsel löst. Zuhause angekommen, wird ferngesehen: Lucky kann noch bei jeder Spielshow mithalten. Am Abend sitzt er mit anderen alten Männern in der Bar und gönnt sich eine Bloody Mary. Ein ruhiges Leben, geordnet und ohne große Ereignisse, wie es aussieht.
 
Doch eines Tages ist alles anders, denn Lucky fällt morgens um und ist kurze Zeit bewusstlos. Nur ein Moment der Schwäche, aber Lucky geht sofort zum Arzt, der ihm eine außergewöhnlich gute Konstitution bei allerbesten Werten bescheinigt. Lucky ist nicht krank, sondern alt, und wenn man alt ist, wird man schon mal ohnmächtig. Diese Nachricht verändert etwas in Lucky. Es scheint, als ob er sich erst jetzt bewusst wird, dass auch sein Leben enden wird, nicht einfach irgendwann, sondern tatsächlich in absehbarer Zeit. Der Atheist wird auf seine alten Tage zum Gelegenheitsphilosophen, der entdeckt, dass Realität nicht nur ein Wort, sondern eine Sache ist, real sozusagen. Ganz langsam öffnet sich der alte Eigenbrötler für seine Mitmenschen, ohne sich dabei groß zu verändern.
 
Es passiert nicht viel in diesem Film, der so gelassen und ruhig ist wie sein Held. Die Bilder aus Arizona sind von teils gleißender Schönheit, die Hitze ist förmlich spürbar, niemand mag sich da schnell bewegen. Eine wesentliche Rolle spielt eine Schildkröte, die ihrem “Herrchen” weggelaufen ist. Das ist an sich schon eine wunderbar abstruse Idee, die im Verlauf der Geschichte immer abstruser wird. Denn President Roosevelt, die Schildkröte, hat nach Aussage ihres Besitzers, eines Freundes von Lucky, der von David Lynch gespielt wird, ihre Flucht schon von langer Hand geplant. Die Symbolik erschließt sich nur nach und nach. Aber so langsam und bedächtig wie President Roosevelt, nach außen gepanzert und allein, aber nicht einsam, ist auch Lucky, der bei aller nach außen demonstrierter Lässigkeit doch zerbrechlich wirkt, ein Cowboy-Greis, so adrett wie ein Countrysong. Er ist kein Freund großer Worte, doch wenn er etwas sagt, dann ist es was, das einfach gesagt werden muss. Das hagere Gesicht verrät viel über das Leben, aber wenig über den Menschen, der Geheimnisse mit sich trägt. Die alten Augen strahlen noch, selten gibt es Momente der Irritation, ein paar Alpträume, Ängste, aber der alte Mann lächelt …
 
Harry Dean Stanton wurde die Rolle ganz offenkundig auf den Leib geschrieben. Bei allen Beteiligten ist so viel feiner Humor, so viel Spaß am Spiel zu spüren, aber Harry “Zen” Stanton, wie ihn manche nennen, ist ganz ohne Frage hier der strahlende Held, der alle Fäden in der Hand halt und selbst entscheidet, wo er zieht und wo nicht. Abgesehen von der erstaunlichen Rüstigkeit, die er hier demonstriert, ist es seine abgeklärte, vollkommen natürliche Spielweise, die einen Großteil der Faszination ausmacht, mit der er – von Freunden umgeben – eine Rolle spielt und doch immer er selbst bleibt oder zumindest so wirkt.
 
Zu diesen Freunden zählt der Regisseur John Carroll Lynch, ein etablierter Darsteller kleinerer Rollen, ebenso die Drehbuchautoren Logan Sparks und Drago Sumonja sowie neben David Lynch auch Tom Skerritt und Ed Begley, beide ebenfalls US-amerikanisches Film-Urgestein, bekannt aus unzähligen Kinofilmen und TV-Serien. Und neben allem, was wunderbar ist an diesem Film, zählt die Tatsache, dass sich für diesen Film ein paar Kumpels zusammengetan haben, um ihrem Freund zu Lebzeiten eine große Ehre zu erweisen: Sie haben für ihn und mit ihm ein Stück Kino geschaffen, um ihn unsterblich zu machen.
 
Gaby Sikorski