Lucy

Henner Winckler („Klassenfahrt“) wirft einen authentischen Blick in das Leben einer jungen Mutter. Sehr zurückgenommen erzählt er von ihrer Verantwortung gegenüber dem Kind und den Verführungen unserer Gesellschaft, die hiermit nicht in Einklang zu bringen sind. Eine feinfühlige, wenn auch unspektakuläre Lebensstudie.

Webseite: www.pifflmedien.de

Deutschland 2006
Regie: Henner Winckler
Darsteller: Kim Schnitzer, Gordon Schmidt, Feo Aladag, Ninjo Borth, Ganeshi Becks
82 Minuten
Verleih: Piffl Medien
Start: 29.06.2006

PRESSESTIMMEN:

Ein Film über die nie enden wollende Suche nach dem Glück. Ein Film über Haltlosigkeit, über die Verlorenheit in diesem Leben. Ein unbequemer Film also, der unangenehm berührt. Doch dieser Eindruck des Unbehaglichen ist Intention und inhaltlich-formales Konzept. Henner Winckler und sein Koautor Stefan Krieckhaus, sie wollen hier nicht unterhalten, gefallen und ablenken. So wie das Kino der Berliner Schule – vertreten durch Regisseure wie etwa Christian Petzold, Christoph Hochhäusler oder Angela Schanelec – kein Unterhaltungs-Kino ist, sondern eines der kritischen Blicke auf die bundesrepublikanische Gesellschaft, auf ihre Missstände, auf Randzonen, auf die Outcasts in unserem eigenen Land.
Filmecho

Die präzise und angenehm unspektakulär inszenierte Milieuskizze einer sehr unfertigen 18-jährigen Mutter in Ost-Berlin, die zwischen Kind, Disco und hilflosen Versuchen in Beziehungsglück ihr Leben irgendwie ausrichten und zurechtrücken will.
KulturSPIEGEL

Ein aufmerksamer, genau beobachtender Film als „éducation sentimentale“, der durch die große Präzision gegenüber dem Milieu sowie das nuancierte Spiel der jungen Hauptdarstellerin überzeugt. Dabei stellt die Kamera eine fast dokumentarische Intensität und Nähe zu den Figuren her. – Sehenswert ab 16.
film-dienst

 

 

FILMKRITIK:

Neorealismus aus Deutschland: Nach seinem preisgekrönten Erstling „Klassenfahrt“ erzählt Henner Winckler in seinem zweiten Kinofilm ein authentisches Sozialdrama. Im Mittelpunkt steht die Lebenswirklichkeit einer jungen Mutter, die selbst kaum ihren Kinderschuhen entwachsen ist. In dokumentarisch anmutenden Momentaufnahmen gefällt der Film durch Hauptdarstellerin Kim Schnitzler und seine nüchterne Erzählweise. Ohne Pathos und Ratgeberatmosphäre ist „Lucy“ so facettenreich und offen wie das wahre Leben.

Die deutsche Nachwuchsproblematik ist hinlänglich bekannt: Akademikerinnen wollen keinen bekommen und dort wo er noch gezeugt wird, sind häufig die sozialen Verhältnisse im Argen oder die Mütter fast selbst noch ein Kind. Seit Jahren werden ansteigende Geburtenraten unter minderjährigen Mädchen vermeldet.

In „Lucy“ nimmt sich Regisseur und Drehbuchautor Henner Winckler dieses hochaktuellen Themas an. Im Mittelpunkt steht die junge Berlinerin Maggy (Kim Schnitzer). Sie ist kaum 18 Jahre alt und bereits Mutter einer acht Monate alten Tochter. Den Kontakt zum Kindsvater, einem ebenso blutjungen Burschen, bricht sie gleich zu Beginn vollständig ab. Maggy wohnt mit der kleinen Lucy allein bei der eigenen Mutter. Ohne Schulabschluss und Ausbildung schlägt sie sich durch den Alltagsfrust. Als sie in einer Disco Gordon (Gordon Schmidt) kennen lernt, verlässt sie überstürzt ihr trautes Elternhaus und zieht bei ihm ein. Gemeinsam mit dem 25-Jährigen will sie wie eine echte Familie leben. Doch das ist gar nicht so einfach, schließlich ist Maggy ihren Kinderschuhen selbst kaum entwachsen.

Henner Wincklers „Lucy“ präsentiert sich in Wort und Bild als nüchternes Gesellschaftsdrama. Die Sprache des Films ist lakonisch und mit vielen vernuschelten Halbsätzen durchzogen. Es gibt nur wenige Dialoge, weil es im Grunde wenig zu sagen gibt. Alles was von Bedeutung ist, liegt auf Maggys Wickeltisch. Wie der Filmtitel unmissverständlich zu verstehen gibt, sollte das Kind im Mittelpunkt stehen. Doch die jungen Menschen haben stattdessen viel zu sehr mit ihrer eigenen Entwicklung zu tun. Als Eltern sind sie unreif und sichtbar überfordert. Die leidtragende Lucy, die kaum im Bild zu sehen ist, wirkt wie ein Fremdkörper.
„Es geht nicht. ich habe Lucy!“, sagt Maggy, wenn sie von Freundinnen aus einem zurückliegenden Leben in die Disco eingeladen wird. Ihre Aussage klingt dabei wie eine lästige Krankheit. Und so setzt sich Maggy dann auch immer wieder über die Vernunft hinweg. Ständig ist sie auf der Suche nach einem Babysitter, damit sie ihre persönlichen Freiheiten genießen kann.

Glaubhaft verkörpert Kinodebütantin Kim Schnitzer die junge Mutter bei ihrer Selbstfindung. Durch Lucys Geburt wurde das Leben ihrer Leinwandfigur vollkommen auf den Kopf gestellt. Maggy musste die Schule abbrechen, hat keine Ausbildung und dadurch kaum eine Zukunft. Blass, unausgeschlafen und von tiefen Augenrändern gezeichnet, stakst das im Grunde bildhübsche Mädchen abwesend durchs Leben. Immer auf der Suche nach einem Hoffnungsschimmer, den es partout nicht geben will.

Aber nicht nur sie selbst, auch die anderen Protagonisten überfordert die Situation. Wenn Lucy minutenlang schreit, stülpt sich Gordon lieber den Kopfhörer über und spielt am Computer, als sich um das Kind zu kümmern. Der leibliche Vater begrüßt seinen Hund wiederum wesentlich überschwänglicher als die eigene Tochter. Und wenn er sie doch mal auf dem Arm hält, will er sie am liebsten gleich wieder loswerden.

In dokumentarisch anmutenden Einstellungen und hauptsächlich mit Laiendarstellern gedreht, reflektiert  „Lucy“ nicht mehr und nicht weniger als die nackte Wirklichkeit. Der Film ist dabei weder anklagend noch maßregelnd. Die Geschichte entwickelt sich vielmehr so facettenreich und offen wie das wahre Leben. Der Schluss ist wie der gesamte Filme eine Momentaufnahme, die den Zuschauer bewusst mit einem unbefriedigten Gefühl aus dem Kino entlässt. „Lucy“ projiziert gesellschaftlichen Realismus auf die Leinwand. Das ist seine unumwundene, sehenswerte Stärke.

Oliver Zimmermann

Vor acht Monaten hat sich das Leben der 18-jährigen Maggy einschneidend gewandelt. Mit der Geburt von Lucy wurde aus dem Teenager eine junge Mutter. Doch nicht automatisch wurde aus ihr auch ein erwachsener Mensch. Vielmehr ist es so, als würde Maggy das Erwachsensein nur imitieren. Eben noch ein vollwertiges Mitglied der Spaßgesellschaft, soll sie plötzlich Verantwortung übernehmen. Eine Herausforderung, der sie sich nicht zwangsläufig gewachsen fühlt. Das reale Leben ist und bleibt anders als die vage Vorstellung davon.

 

 

Heute steht Maggy dem Erzeuger ihrer kleinen Tochter gegenüber. Ein anonymes Treffen im Park. Die Übergabe von ein paar persönlichen Dingen, nach der Trennung des jungen Elternpaares. Waren sie mit der acht Monate alten Verantwortung womöglich überfordert? Hat das Kind die Liebe zwischen ihnen zerstört? Oder hat es so etwas wie Liebe nie gegeben? Fragen, die durch keine Vorgeschichte erzählt werden. Fragen, die unbeantwortet bleiben. Jetzt und auch später. Und so wird Mike, der sich einen betont treuen Hund zugelegt hat, gleich in der Anfangsszene des Films von Maggy verlassen. Denn wenngleich die Geschichte zwischen den beiden hier nicht begonnen haben mag, so tut es doch die Erzählung darüber.

Lebensgeschichten wiederholen sich, spiegeln sich zuweilen gar. Und so wohnt Maggy mit ihrer Kleinen bei der ebenso allein stehenden Mutter. Keine allzu glückliche Lösung, denn die Beziehung zwischen ihnen ist latent gespannt. Kein Wunder, dass Maggy die nächstgelegene Möglichkeit am Schopfe packt und Halsüberkopf zu ihrer jüngsten Discobekanntschaft zieht. Ebenso kein Wunder, dass die anfängliche Harmonie zwischen Maggy und Gordon, der der zugetragenen Vaterrolle recht schnell überdrüssig wird, kein Modell für die Ewigkeit bleibt. Doch auch eine Rückkehr zu Mike und seinem äußerlich intakten Familienleben, wird als Gegenmodell schnell wieder verworfen. Letztlich soll aber dann doch nur das Eine zählen: das Wohlergehen von Lucy. Und das ist gut so.

Im zarten Alter von 18 Jahren ein Kind zu bekommen ist in der heutigen Gesellschaft alles andere als normal. Die vorangegangene Schwangerschaft ist in den meisten Fällen nicht gerade geplant oder gar erwünscht. Nur zu häufig gelten junge Mütter dadurch allgemein hin als asozial und werden nicht zuletzt aufgrund dessen, was ihnen durch die aufgebürdete Verantwortung alles entgeht, bedauert. Das war nicht immer so. Es ist ein Phänomen unserer Zeit und spiegelt den allgemeinen Egoismus wieder, der unterdessen vorherrscht. Auch Lucy ist so eine „bedauernswerte“ Person. Hin- und her gerissen zwischen ihrem alten und ihrem neuen Leben, verliert sie sich selbst zunehmend. Sie will möglichst auf nichts verzichten, was das Leben ihr zu bieten hätte, würde es Lucy nicht geben. Doch sie ist sich andererseits durchaus bewusst, dass sie Verzicht üben und stattdessen für ihr Kind da sein muss – morgens, mittags und abends.

Regisseur Henner Winckler hat dieses Dilemma mit der nötigen Zurückhaltung und Präzision inszeniert. Mit stark zurückgenommenen Dialogen und ohne eine eindeutige Festlegung der Charaktere, schafft er eine authentische Form der Erzählweise, die direkt aus dem Leben gegriffen scheint. Die Figuren sind so echt wie unprätentiös und bieten hierdurch reichlich Identifikationsflächen. Durch den Verzicht auf eine Vorgeschichte und ein mehr oder weniger offenes Ende, schafft er außerdem den Raum für eigene Interpretationen. Mögliche Klischees wurden durchweg gekonnt umschifft. Entstanden ist ein ruhiger und feinfühliger Film, der als reale Lebensstudie und Spiegelbild unserer Gesellschaft durchgeht. Ein unspektakulärer Film, der den Rahmen eines Kinos jedoch nicht zwingend erforderlich macht.

Gary Rohweder