M.C. Escher – Reise in die Unendlichkeit

„Ich fürchte, es gibt nur eine Person, die einen guten Film über meine Drucke machen kann: ich selbst“, schrieb Escher an einen amerikanischen Sammler im Jahr 1969. Die Warnung des genialen Künstlers macht der preisgekrönte Doku-Filmer Robin Lutz zum Konzept und lässt in seinem Biopic das Leben der Kunst-Ikone mit dessen eigenen Worten erzählen: Briefe und Notizen schildern aus erster Hand, wie der Maestro tickte. Woher er die Ideen nahm. Wie er scheiterte und triumphierte. Bisweilen werden die berühmten Bilder kongenial mit Animation zum Leben erweckt und steigern das Staunen. Als gelungener Spezialeffekt erweist sich die prägnante Erzählerstimme von Matthias Brandt. Ein sensibles, verspieltes Porträt-Kaleidoskop, an dem Escher sein visuelles Vergnügen gehabt haben dürfte: Sogar seine Krempeltierchen lernen hier das Laufen! Für die Zuschauer allemal ein spannender Trip in faszinierend geheimnisvolle Bilderwelten.

Webseite: www.mfa-film.de

NL 2018
Regie: Robin Lutz
Darsteller: Matthias Brandt (Stimme/Erzähler), Graham Nash, George Escher, Jan Escher
Filmlänge: 80 Minuten
Verleih: MFA+ FilmDistribution, Vertrieb: Die Filmagentinnen
Kinostart: 10.10.2019
 

FILMKRITIK:

„Ich bin kein Künstler. Ich bin Mathematiker!“, stellt Maurits Cornelis Escher klar, als ihm Musiker Graham Nash seine Bewunderung ausdrücken will. Für Anerkennung hat der geniale Grafiker und Zeichner keine Antennen. Er staunt über anonyme Fanpost („Ich danke der Quelle Ihres Wahnsinns. Ein Mathematiklehrer.“). Klagt über seinen Kultstatus („Die Hippies in San Francisco hören nicht auf, heimlich meine Werke zu drucken.“). Als „Time Life“ eine große Story bringt, interessiert ihn allenfalls, ob es ein Honorar für die Auskünfte über seine Arbeit gäbe. Die briefliche Bitte von Mick Jagger, ein Bild als Platten-Cover verwenden zu dürfen, beantwortet er mit dem Hinweis, von ihm bitte nicht mit Maurits angesprochen zu werden, sondern als M.C. Escher.

Ein bisschen sonderlich mag er schon gewesen sein, der 1898 im niederländischen Leeuwarden geborene Künstler – aber welchem Genie wollte man solchen Status nicht zugestehen. Im Alltag zeigte der visionär Grafiker auch ganz normale Seiten. Schwer verliebt reagiert er 1923 auf die Urlaubsbegegnung mit der Russin Jetta Umiker, die er wenig später heiratet. Die gemeinsame Schiffsreise übers Mittelmeer organisiert er clever, in dem er der Reederei ein paar Zeichnungen verspricht. Über die tägliche Flasche Wein beim Gratis-Trip freut sich der Künstler ungemein.   

„Ich wünschte, ich könnte besser zeichnen“, hadert Escher mit seinem Talent. Natürlich ist er gut. Aber gut reicht einem wie ihm natürlich nicht. Er sucht nach Perfektion im Visuellen. Und nach neuen Perspektiven bei Zeichnungen – die neue Perspektiven auf das Leben erlauben. Seien es endlose Treppen, paradoxe Gebäude, sich gegenseitig zeichnende Hände oder Vögel, die zu Fischen werden und umgekehrt. „Ich weiß, dass ich es nicht kann. Aber ich will es trotzdem“, beschreibt er seine Philosophie einmal.

Assoziative Gedankenspiele, die er als Kind schon mochte, nutze er nun für seine Konstruktionen in der Kunst, beschreibt Escher seine Methode. Begeistert berichtet er, wie Orgelmusik in der Kirche seine Fantasie beim Zeichnen beflügle. Oder wie die maurischen Mosaik-Fliesen der Alhambra seine Vorstellungen der Geometrie inspirierten. Was zum beflissenen Kunstvortrag mit Gähnfaktor geraten könnte, klingt mit den eigenen Worten des Künstlers ausgesprochen spannend. Erst recht, wenn dessen Notizen, Briefe oder Tagebuchaufzeichnungen von Matthias Brandt gelesen werden, dessen prägnanter Stimme man so gerne zuhört wie einst seinem Vater Willy. Ergänzt werden diese O-Töne durch Erinnerung von Eschers Kindern. Die italienischen Faschisten hätten ihn als Knirps völlig begeistert, erzählt ein Sohn. Für die Eltern ein Grund, das Domizil in Italien zu verlassen, um in die Schweiz zu ziehen. Die Tochter berichtet, welche Auswirkungen die psychische Erkrankung der Mutter auf die Familie gehabt habe.

Neben solchen kleinen, gut gelungenen Skizzen des Menschen Escher, überzeugt die Darstellung seiner Arbeiten. Immer wieder sieht man die Original-Schauplätze der Vorlagen, die sich zu den Zeichnungen verwandeln. Als Coup werden einige der bekannten Bilder mit Computer-Animation lebendig und plötzlich krabbeln die knuffigen „Krempeltierchen“ munter drauflos im scheinbar endlosen Raum. Eschers Traum wird damit wahr, glaubte er doch immer an die Möglichkeiten des Animationsfilms: „Ich bewundere Disneys Talent!“ schreibt er einmal.

Zum guten Schluss gibt es beim Abspann einen bunten Bilderreigen dessen, was Eschers wundersames Illusionenkabinett an Imitationen auslöste. Von Tattoos über Theaterkulissen und Straßenmalereien bis zu Holzmodellen, grellen Hippie-Postern oder jenem Porträt von Brad Pitt mit Angelina Jolie im Stil seines Selbstporträts mit Gattin.

Das vergnüglich verspielte Biopic wird dem Objekt seiner Begierde als cleveres Kaleidoskop meisterhaft gerecht und erfüllt Eschers größten Wunsch: „Vielleicht möchte ich die Menschen einfach nur staunen machen!“

Dieter Oßwald