Madame Aurora und der Duft von Frühling

Die Tochter ist unerwartet schwanger, der Job ist weg und die Wechseljahre bringen heftige körperliche Veränderungen:  Aurora hat es im Moment alles andere als leicht. Doch als sie ihre erste große Liebe wieder trifft, beschließt die Mittfünfzigerin, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. „Madame Aurora und der Duft von Frühling“ erzählt auf charmante, leichtfüßige Weise von den Tücken des Älterwerdens. Die Wohlfühl-Komödie ist durchzogen von raffiniertem Witz, geschickt eingestreuter Sozialkritik und vermittelt ihre zentralen Botschaften jederzeit glaubhaft.

Webseite: www.madameaurora-film.de

Aurore
Frankeich 2017
Regie: Blandine Lenoir
Drehbuch:  Jean-Luc Gaget, Blandine Lenoir
Darsteller: Agnès Jaoui, Pascale Arbillot, Thibault de Montalembert,
Sarah Suco, Lou Roy-Lecollinet
Länge: 90 Minuten
Verleih: Tiberius Film, Vertrieb: Central
Kinostart: 26. April 2018

FILMKRITIK:

Innerhalb kürzester Zeit wird das Leben von Aurora (Agnès Jaoui) auf den Kopf gestellt: sie verliert ihren Job als Kellnerin, das Arbeitsamt ist keine große Hilfe und zu allem Überfluss setzen bei ihr auch noch die Wechseljahre ein. Mitten in dieses Chaos platzt eine Zufallsbegegnung mit ihrer alten Jugendliebe Christophe (Thibault den Montalembert), mit dem Aurora eine kurze, aber stürmische Zeit erlebte. Sie entschließt sich, nicht mehr länger den Zufall über ihr (Lebens-) Glück entscheiden zu lassen und beginnt, sich regelmäßig mit dem Christophe zu treffen. Währenddessen versucht sie ihr berufliches Glück abseits von den Vorgaben und Maßnahmen des Jobcenters. Unterstützt wird sie dabei von ihrer besten Freundin Mano (Pascale Arbillot) und ihren beiden Töchtern.

Hauptdarstellerin Agnès Jaoui ist ein echtes Multitalent. Sie ist Sängerin, mehrfach prämierte Schauspielerin und erhielt als Drehbuchautorin bereits den Europäischen Filmpreis („Schau mich an!“, 2004). Ihre größten Erfolge aber feierte sie als Filmemacherin. So wurde sie z.B. für ihre Regie-Arbeit „Lust auf anderes“ (2000) mit vier Césars ausgezeichnet, darunter dem Preis für den besten Film des Jahres. „Madame Aurora und der Duft von Frühling“ wurde von Blandine Lenoir inszeniert, die – wie Jaoui – ebenfalls als Schauspielerin aktiv ist.

Lässig und scheinbar mühelos spielt Blandine Lenoir auf der Klaviatur der Feelgood-Komödie und beherrscht problemlos das Ein-mal-Eins dieses (Sub-) Genres. Das beginnt bereits damit, dass dem Film von Anfang bis Ende eine Leichtigkeit und lebensbejahende, beschwingte Grundstimmung innewohnt, der man sich nicht entziehen kann – obwohl er auch unangenehme Themen anspricht und sich den Problemen des Älterwerdens annimmt. Genauer: dem Älterwerden von Frauen. So leidet Aurora z.B. sehr unter ihren heftigen, Menopause-bedingten Hitzewallungen und den zunehmend schlechten Job-Perspektiven für Personen ihres Alters. Und dass die Klamotten vor 20 Jahren auch noch wesentlich besser gepasst haben macht die Sache nicht gerade einfacher.

Das alles und noch mehr verschweigt „Madame Aurora“ nicht. Doch ist es dem sicheren, ungezwungen-entspannten Inszenierungsstil Lenoirs und dem pfiffigen, unwiderstehlichen (französischen) Humor zu verdanken, dass diesen ernsten Inhalten viel von ihrem Schrecken genommen wird. Auch dank eines Humors, der nicht mit ironischen Seitenhieben und satirischen Spitzen u.a. auf die Überforderung von Jobcenter-Mitarbeitern spart. Oder auf die Bewertung von Frauen nach ihrem Äußeren, unabhängig von ihrem Alter. Ein Umstand, den Aurora nicht nur einmal am eigenen Leib erfahren muss. Doch in den entsprechenden Momenten, z.B. wenn Männer sie nur auf ihre Optik reduzieren, reagiert die Titelfigur cool, selbstsicher und schlagfertig. Eben genau so, wie man mit dem Thema „Altern“ umgehen sollte. Eine der Kernbotschaften von „Madame Aurora“.

Darüber hinaus erweist sich Lenoir als sehr begabt und fähig darin, Stimmungen und Emotionen in bestimmten Augenblicken ganz ohne Worte greif- bzw. erfahrbar zu machen. Allein über die musikalische Untermalung, das Minenspiel oder das Nonverbale. Oder wenn, wie in einer der schönsten Szenen des Films, alle drei Dinge zusammenkommen: im Rahmen eines Restaurant-Besuchs von Aurora und Christophe, bei dem sich die Beiden nicht unterhalten können, da sie von singenden Kellnern ständig unterbrochen werden. Miteinander sprechen müssen sie aber auch gar nicht, denn die verstohlenen Blicke der Zwei verraten mehr als tausend Worte.

Björn Schneider