Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste

Mit satirischem Humor und viel Menschlichkeit lässt Alexandra Leclère in ihrer turbulenten Komödie Arm und Reich aufeinanderprallen: Wegen des harten Winters beschließt die französische Regierung, dass Wohnungslose von denen aufgenommen werden müssen, die genug Platz zur Verfügung haben. Ein luxuriöses Wohnhaus in Paris wird zum Ausgangspunkt einer Story, in der niemand von Spott und Häme verschont bleibt. Das Ergebnis ist eine Sozialkomödie, die sich in Sachen Anspruch und Komik mit den Kinoerfolgen der letzten Jahre – siehe „Ziemlich beste Freunde“ oder „Monsieur Claude und seine Töchter“ – durchaus vergleichen lässt. Beste Unterhaltung!

Webseite: www.madame-christine-film.de

Originaltitel: Le Grand Partage
Frankreich 2015
Buch und Regie: Alexandra Leclère
Darsteller: Karin Viard, Josiane Balasko, Didier Bourdon, Valérie Bonneton, Patrick Chesnais, Michel Vuillermoz, Anémone, Jackie Berroyer, Sandra Zidani
102 Minuten
Verleih: SquareOne Entertainment/Universum Film
Kinostart: 9. Februar 2017

FILMKRITIK:

Wie man aus sozialem Zündstoff eine leichte Komödie macht, haben die Franzosen in den letzten Jahren mit teilweise grandiosen Filmerfolgen, vor allem aber mit viel Humor und noch mehr Mut zu Kritik und Selbstkritik bewiesen. Der neue Film von Alexandra Leclère („Zwei ungleiche Schwestern“) reiht sich hier nahtlos ein. Im Mittelpunkt der turbulenten Handlung steht das Ehepaar Christine und Pierre, die allein auf ca. 300 Quadratmetern teuersten Pariser Wohnraums leben. Die beiden sind ein typisches älteres Oberschichtpaar: Sie haben eigentlich alles, sind aber aus unterschiedlichen Gründen unzufrieden. Christine nähert sich in Riesenschritten einer höhergradigen postklimakterischen Verbitterung, die durch ihren Mann noch verstärkt wird, falls er nicht sogar dafür verantwortlich ist. Denn Pierre beachtet sie kaum und suhlt sich stattdessen in Vorurteilen und Hasspolemiken, eigentlich gegenüber allen, die anders sind als er, also im Grunde gegenüber der gesamten Welt. Besonders die junge Nachbarsfamilie Bretzel ist ihm ein Dorn im Auge – ein ziemlich hippes Elternpaar, das sich für alles begeistert, was links oder alternativ oder beides ist. Doch die mehr oder weniger unsichtbare Macht im Hintergrund, die große Strippenzieherin, ist die Concièrge – eine Hauswartsfrau der ganz alten Schule, die sich um alles und jedes kümmert, überall ihre Nase rein steckt und ihre miese Laune wie den Duft von Kohlsuppe im ganzen Haus verteilt.
 
In dieses nicht vorhandene Idyll platzt ein Edikt der Regierung: Der harte Winter macht allen stark zu schaffen, am meisten aber den Armen, die sich keine Heizung leisten können bzw. überhaupt keine Behausung haben. Also wird „Le Grand Partage“ beschlossen, was übersetzt so in etwa „Das große Teilen“ heißt: Jeder mit mehr Wohnraum als notwendig, wird verpflichtet, andere mit aufzunehmen. Und es kommt, wie es kommen muss. Das erste, was sich viele Reiche einfallen lassen, ist eine Ausrede, wie man sich vor der Verpflichtung drücken kann. Da werden plötzlich die schon ins Heim verbannten Eltern oder Verwandten aufgenommen, nur damit keine fremden Leute einziehen können. Doch so leicht lässt sich die Obrigkeit nicht austricksen, und bald hält tatsächlich die ungeliebte und mit großem Misstrauen betrachtete Unterschicht in Gestalt von Immigranten, Obdach- und Arbeitslosen Einzug in das schicke Pariser Wohnhaus. Verlierer und Gewinner prallen aufeinander, und schon geht’s rund.
 
Alexandra Leclère spielt geschickt mit Erwartungen und Klischees. Dabei gehört ihre Sympathie eindeutig denen, die am Rande der Gesellschaft stehen. Nebenbei geht es auch um die Wohnungsknappheit, die bekanntlich nicht nur in Paris dazu führt, dass sich Menschen, die einen Job haben, trotzdem keine Wohnung leisten können. Bissig und mit einem herrlich fiesen Beigeschmack macht sie aus der Oberschicht eine Bagage von Drückebergern, Angebern und Dünnbrettbohrern, die vor allem mit einer großen Klappe und wenig Substanz glänzen. Da hagelt es Kommentare, die auch in Deutschland bekannt und verbreitet sind. Doch hier und da macht sich auch ein Hauch von Vernunft und Menschlichkeit bemerkbar, der sich – immerhin handelt es sich um eine französischen Komödie – im Verlauf der Handlung stärker entwickelt. Auch an Pierre und Christine gehen die Veränderungen nicht spurlos vorbei. Als Christine zeigt Karin Viard eine großartige Leistung. Sie spielt die Frau an der Schwelle zur Altersdepression, die plötzlich ihr ganzes Leben umkrempeln muss, mit viel Schwung und Sinn für schwarzhumorige Gags. Didier Bourdon ist als Pierre die boshafteste mögliche Karikatur eines Wutbürgers. Béatrice und Grégory Bretzel (Valerie Bonneton und Michel Vuillermoz) werden als progressives Pärchen dargestellt, das ziemlich schnell an die Grenzen der Toleranz gerät. Doch Josiane Balasko übertrifft sie alle: Als Concièrge verkörpert sie den Urtyp einer anspruchsvollen Pariser Proletarierin. Sie ist einfach umwerfend komisch, ebenso energisch wie intrigant, ein Fels in der Brandung, stets auf ihr eigenes Wohl bedacht, französischer als ein Baguette, konservativer als de Gaulle, rassistisch bis ins Mark, aber möglicherweise lässt sich ihr steinernes Herz doch irgendwie erweichen.
 
Hier wird in alle Richtungen ausgeteilt – niemand bleibt verschont, denn auch die neuen Bewohner sind keinesfalls bessere Menschen als die Reichen, in deren Wohnungen sie nun mit Sack und Pack einziehen, um dort zu campieren. Nicht jeder neue Mitbewohner erweist sich dabei als moralisch einwandfrei, und das Zusammenleben, sofern man das so nennen kann, gestaltet sich bisweilen als schwierig bis unmöglich. Wie Alexandra Leclère die zahllosen Personen und Geschichten zu einer großen Handlung zusammenfügt und dabei mit Witz und Charme ihre sehr offensichtliche Gesellschaftskritik im Blick behält, ist erstaunlich und macht viel Spaß, auch wenn die Story vielleicht nicht ganz so stark ist wie in den großen Vorbildern. Hin und wieder lässt das Tempo leicht nach, und das bietet eine schöne Gelegenheit zum Atemholen und zum Nachdenken: Was würde wohl hierzulande passieren, wenn alle mit großen Wohnungen per Gesetz verpflichtet würden, Obdachlose bei sich aufzunehmen? Und eines wird dann schnell offensichtlich: Mit ganz großer Wahrscheinlichkeit wäre das nicht einmal annähernd so amüsant wie dieser Film.
 
Gaby Sikorski

Christine Dubreuil führt mit ihrem konservativen Mann Pierre in der Pariser 300-m²-Wohnung ein privilegiertes Leben. Das ändert sich, als die Regierung beschließt, Arme in zu große Wohnungen einzuquartieren. In der Folge prallen die unterschiedlichsten Lebenswelten aufeinander – auch in den anderen Wohnungen des Hauses. Die bissige, mit scharfzüngigen Dialogen gespickte Sozialkomödie „Madame Christine…“ nimmt gängige Klischees gegenüber Migranten und sozial Schwachen genüsslich aufs Korn und fordert eine tolerantere Gesellschaft. Die schrulligen Nebenfiguren und die starken Darsteller runden den Film ab.

Christine Dubreuil (Karin Viard) lebt mit ihrem verbitterten Mann Pierre (Didier Bourdon) und der gemeinsamen Tochter in einer Luxuswohnung in der Rue du Cherche Midi. Das Schicksal sorgt dafür, dass die Drei die längste Zeit allein in ihrer viel zu großen Wohnung waren: Aufgrund von Dauerfrost in ganz Frankreich, entscheidet die Regierung: Bürger, die keine finanziellen Mittel haben, sollen in großen Wohnungen untergebracht werden, um sie vor der Eiseskälte zu retten.  Es kommt wie es kommen muss: Bald müssen die reichen  Dubreuils mittellose Menschen sowie Migranten bei sich aufnehmen. Und auch in den anderen Wohnungen im Haus kommt es zum „Clash der Kulturen“.

Der Titel des Films ist angelehnt an die Erfolgsproduktion „Monsieur Claude und seine Töchter“. Ebenso wie dieser Film, befasst sich auch „Madame Christine und ihre unerwarteten Gäste“ mit steinzeitlichen, konservativen Weltanschauungen und Vorurteilen gegenüber sozial Schwachen. Es ist das neue Werk der französischen Regisseurin Alexandra Leclère. Sie kennt man vor allem durch ihre Komödie  „Zwei ungleiche Schwestern“ von 2004. Die Hauptrollen in „Madame Christine…“ wurden mit zwei der beliebtesten französischen Schauspieler besetzt: Didier Bourdon („Ein gutes Jahr“) sowie die mehrfach mit dem französischen Filmpreis César ausgezeichnete Karin Viard  („Hoch die Herzen“).

Bissig und extrem sarkastisch sind in „Madame Christine…“ die Seitenhiebe auf Ausländerfeindlichkeit und gängige Klischees ausgefallen. Regisseurin Leclère stattet ihre Figuren mit gepfefferten, teils sehr derben Dialogen und Äußerungen aus, die es in sich haben. Das neigt ab und an vielleicht ein wenig zu Überzeichnung und Übertreibung, jedoch sorgt gerade dieser Umstand dafür, dass ein Hauptziel des Films mehr als deutlich wird:  mit Nachdruck auf die gegenwärtige schwierige wirtschaftliche Situation inklusive gestiegener sozialer Ungerechtigkeit, zu verweisen.

Die Arbeitslosenquote erreichte in Frankreich im vergangenen Jahr ein neues Rekordhoch. Die Schere zwischen Arm und Reich klaffte noch weiter auseinander. Leclère verweist auf die damit einhergehenden Ungerechtigkeiten sowie die immer drastischeren Auflagen durch die Behörden, mit beißendem Humor und jenen spritzigen Dialogen. Und eben nicht mit dem moralischen, erhobenen Zeigefinger. Und: sie will klarmachen, dass mehr Offenheit und Mitgefühl gegenüber dem „Anderen“ (in diesem Fall: den Armen und Mittellosen), dringend erforderlich sind.

Stellvertretend für die konservativen Spießbürger im Film steht die Familie Dubreuil, die die gewohnte Ordnung mit Gewalt aufrechterhalten will. Und hier vor allem Christine (großartig großspurig und arrogant gespielt von Karin Viard). Die gewohnte Ordnung für sie: das Leben im Luxus, in verschwenderischer Dekadenz und ohne Arbeit. Ihre täglichen Hauptbeschäftigungen: der Schönheitsschlaf und Bogenschießen. Auf die Art und Weise, wie Leclère ihre Figuren (bewusst) überzeichnet aber im Kern damit eben auch treffend anlegt, karikiert sie den Typus des auf Konformität und gesellschaftliche Normen gepolten Spießbürgers. Dahinter steckt oft Unsicherheit. Oder, wie es die Tochter in einer Szene treffend formuliert: Spießbürger seien vor allem ängstliche Bürger. Bestimmt von der Angst vor Veränderung.

Und diese Veränderung kommt spätestens mit dem Einzug der „Anderen“: Obdachlose, Flüchtlinge, Arbeitslose. Hier kommt es zu allerlei skurrilen, witzigen Situationen, wenn diese so unterschiedlichen Lebenswelten und -realitäten aufeinander treffen. „Madame Christine…“ konzentriert sich aber nicht nur auf den Mikrokosmos der Dubreuils. Auch die anderen, schrulligen und gänzlich unterschiedlichen Charaktere bzw. Personen im Haus, müssen Fremde bei sich aufnehmen: so z.B. das linke, tolerante Ehepaar – wobei sich die Frau später als gar nicht so tolerant erweist – von oben oder auch die ältere Dame im Erdgeschoss. Diese entwickelt sich im Verlauf des Films zu einer durchtriebenen „Geschäftsfrau“, die mit menschlichen Tauschgeschäften zu einem kleinen Nebenverdienst kommen möchte.

Björn Schneider