Madame Sidonie in Japan

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Eine Frau in Japan, allein in einer fremden Kultur, auch Jahre später den Tod ihres Mannes verarbeitend. Auf den ersten Blick mag „Sidonie in Japan“ zwar an Culture-Clash-Filme wie „Lost in Translation“ oder „Kirschblüten“ erinnern, doch Élise Girard versucht sich an Größeren: Als Pastiche von „Hiroshima, mon Amour“ kann man den Film verstehen, der sich großzügig bei der japanischen Kultur bedient, aber immerhin Isabelle Huppert hat.

Sidonie au Japan
F/ D 2023
Regie: Élise Girard
Buch: Élise Girard, Maud Ameline und Sophie Fillieres
Darsteller: Isabelle Huppert, Tsuyoshi Ihara, August Diehl, Yuko Hitomi, Aurore Catala, Yusuke Kitaguchi

Länge: 95 Minuten
Verleih: Majestic/ Paramount
Kinostart: 11. Juli 2024

FILMKRITIK:

Die Schriftstellerin Sidonie (Isabelle Huppert) reist nach Osaka, wo ihr japanischer Verleger Kenzo Mizoguchi (Tsuyoshi Ihara) ihren Debütroman neu veröffentlicht. Schon am Flughafen zeigt sich Sidonie irritiert von der japanischen Kultur, Erfahrungen, die sich während der Reise fortsetzen. Sei es das häufige Verbeugen, Hotelfenster, die sich nicht öffnen lassen oder besondere Formen der Höflichkeit: Wenig spricht Sidonie in dem scheinbar so fremden Land an.

Mit Interviews und Besichtigungen hat Kenzo den Tag seiner Autorin durchgeplant, doch mit einer Sache hatte er nicht gerechnet: Dass Sidonie plötzlich der Geist ihres verstorbenen Mannes Antoine (August Diehl) sieht. Erst auf Gepäck in der Hotellobby sitzend, später auf Tatami-Matten Karten spielend und schließlich in ihrem Bett.

Langsam nähert sich das lange getrennte Paar wieder an, auch wenn Sidonie den Körperlosen Geist nicht berühren kann. Physischer wird bald die Nähe zu Kenzo, der sich im Trennungsprozess von seiner Frau befindet und zur physischen Manifestation dessen wird, was Sidonie mit Antoine nicht haben kann.

Culture-Clash-Filme leben von Kontrasten, von der Konfrontation einer Person mit einer fremden, exotischen, scheinbar unnahbaren Kultur. Als besonders beliebtes Reiseziel hat sich in den letzten Jahren oft Japan erwiesen, was verwundert, schließlich ist das fernöstliche Land im Kern eine westlich geprägte, kapitalistische Gesellschaft, die eigentlich nicht anders funktioniert als Deutschland oder Spanien.

Was die französische Regisseurin Élise Girard in ihrem dritten Spielfilm „Madame Sidonie in Japan“ als Seltsamkeiten herausstellt, von denen sie offenbar ebenso irritiert ist wie ihre Hauptfigur, wirkt dann auch eher wie eine Aneinanderreihung von Klischees und Vorurteilen: Japaner seien doch eigentlich klein, merkt Madame Sidonie angesichts von Kenzos Größe an, das wechselseitige Verbeugen wird zu einem Kalauermoment a là Louis de Funes und dann verwechselt Sidonie auch noch ihre Übersetzerin mit einer fremden Frau: Alle Japanerinnen sehen dank ihrer schwarzen Haare ja schließlich gleich aus...

Es wirkt, als wäre Élise Girrad Blick auf Japan weniger durch die Realität des Landes geprägt, als durch Filme, solche aus Japan selbst, wie vor allem die Geistergeschichten eines Kenji Mizoguchi, aber auch ein europäischer Klassiker wie Alain Resnais „Hiroshima, mon Amour“ auf den sich „Madame Sidonie in Japan“ deutlich bezieht. Die Subtilität, mit der Resnais vor mehr als 60 Jahren eine interkulturelle Liebesgeschichte erzählte, erreicht Girard allerdings nur in wenigen Momenten, allzu disparat wirken die Elemente ihres Films, aber auch der Stil der Schauspieler: Die Französin Huppert agiert mit leichter Irritation und Blasiertheit, der Japaner Ihara mit unterdrückter Emotionalität, die nur dank viel Whisky aufbricht, der deutsche Diehl wirkt als verstorbener französischer Ehemann erst recht wie ein Fremdkörper in einem Film, der in Momenten als Pastiche von filmischen Japanbildern funktioniert, auch als Reisefilm einen oft interessanten Blick auf das Land wirft, als Ganzes aber nur bedingt überzeugt.

 

Michael Meyns