Mängelexemplar

Im Sommer 2013 lief „Feuchtgebiete“ nach dem Erfolgsroman von Charlotte Roche im Kino, nun folgt mit „Mängelexemplar“ eine weitere Bestsellerverfilmung aus der Feder einer Fernsehmoderatorin. Der Debütroman der früheren Viva und MTV-Moderatorin Sarah Kuttner stellt wie „Feuchtgebiete“ eine Heldin ins Zentrum, die mit sich, dem Leben, der Liebe – vor allem aber mit ihren Depressionen hadert. Die mit popkulturellen Anspielungen durchzogene Tragikomödie pflegt einen verspielten Tonfall, der immer wieder das komplizierte Gefühlsleben der Beteiligten ironisch bricht. In der Hauptrolle agiert Claudia Eisinger ("Wir sind die Neuen"), die mit ihrer natürlichen Leinwandpräsenz den Film trägt.

Webseite: www.maengelexemplar.x-verleih.de

OT: Mängelexemplar
Deutschland 2016
Regie: Laura Lackmann
Darsteller: Katja Riemann, Laura Tonke, Maren Kroymann, Claudia Eisinger, Barbara Schöne, Christoph Letkowski
Länge: 111 Min.
Verleih: X Verleih, Warner Bros.
Kinostart: 12.05.2016
 

Pressestimmen:

„Witzig, lebendig, direkt: Ein starkes Regiedebüt“
Der Tagesspiegel

FILMKRITIK:

Die 27-jährige Karo Herrmann (Claudia Eisinger) schliddert in eine waschechte Sinnkrise, als sie ihren Job in einer hippen Berliner Eventagentur verliert und kurz darauf ihre langjährige Beziehung mit Philipp (Christoph Letkowski) zerbricht. Ihre beste Freundin Anna (Laura Tonke) zeigt sich von Karos Ichbezogenheit genervt und auch ihre Mutter Luzy (Katja Riemann) ist keine große Hilfe. Kein Wunder, dass Karos Gefühlsleben Achterbahn fährt und sich Depressionen und Panikattacken einstellen. Bald sieht die junge Frau keinen Sinn mehr in ihrem bisherigen Leben, das eher aus einer Abfolge von Zufällen als handfesten Zielen besteht, und beschließt, endlich in die Normalität zu finden. Eine Therapie bei Doktor Annette (Maren Kroymann) soll Abhilfe schaffen. Doch auch hier dreht sich Karo zunächst im Kreis, als sie ein Kindheitstrauma erfindet, um sich als Patientin interessant zu machen. Über kurz oder lang findet Karo aber zu sich selbst, wobei sich die (ärgerlich naiv dargestellte) Einnahme von Psychopharmaka und ihr vormaliger Arbeitskollege Max (Maximilian Meyer-Bretschneider) als wichtige Stützen erweisen.
 
Die Krux an der Bestsellerverfilmung ist, dass die Regisseurin und Drehbuchautorin Laura Lackmann die Sorgen der Hauptfigur einerseits ernsthaft darstellen will, die Probleme andererseits aber irgendwo zwischen Anglizismen, Popmusik und Bionade in Wohlgefallen auflöst. Die Balance zwischen den komischen und tragischen Anteilen der Geschichte passt nicht und am Ende ist „Mängelexemplar“ weder Fisch noch Fleisch. Die inneren Monologe aus der Buchvorlage kehrt Lackmann mit Hilfe von Selbstgesprächen und visuellen Extravaganzen nach außen. So trägt Karo bisweilen ein imaginäres Kind auf ihrem Rücken herum oder die Größe eines Tintenflecks auf ihrem Oberteil variiert je nach ihrem aktuellen Gemütszustand. Der audiovisuelle Bildwitz ist zwar schön anzuschauen, hat mit dem Kern der Geschichte an sich aber nichts zu tun.
 
Claudia Eisinger spielt die so labile wie quirlige, oft nervige Hauptfigur mit viel Verve und füllt die narrative Unentschiedenheit mit ihrer natürlichen Leinwandpräsenz. Eine klare Linie kann sie dem Geschehen allerdings auch nicht verleihen. Im Verlauf der Therapie lernt Karo, zu ihren Fehlern und Mängeln zu stehen. Niemand ist perfekt und bei keinem ist immer Ponyhof angesagt lautet die so versöhnliche wie banale Botschaft. Das ist zwar oberflächlich, doch immerhin holt der Blockbuster Themen wie Depression und Panikattacken aus der Schmuddelecke, in der sie aller Aufklärung und weiten Verbreitung zum Trotz mitunter immer noch stecken.
 
Christian Horn