Männerfreundschaften

Was wie ein verspielter, leicht abgedrehter Workshopfilm zum Thema „Wie schwul war die deutsche Klassik?“ beginnt, entwickelt sich zum unterhaltsamen Genremix. Dazu gehören seriöse journalistische Interviews sowie ernsthaft recherchierte historische und literaturwissenschaftliche Hintergründe, aber auch immer wieder gestellte Szenen, die in typisch lustvoller Rosa von Praunheim-Manier Goethe, Schiller & Co. aus moderner Sicht betrachten. Die Reise in die erotische Vergangenheit der deutschen Dichtung ist auf jeden Fall sehr vergnüglich, nicht nur für Germanisten aller Geschlechter, und bietet jede Menge interessanten Gesprächsstoff.

Webseite: www.missingfilms.de

Dokumentarfilm mit Spielszenen
Deutschland 2018
Buch, Regie: Rosa von Praunheim
85 Minuten
Verleih: missing films
Kinostart: 13. Dezember 2018

FILMKRITIK:

Rosa von Praunheim in Kniehosen und Brokat-Gehrock und mit Zopfperücke – da wird möglicherweise ein Traum wahr. Tatsächlich putzt ihn das ungemein, um einmal Thomas Mann, einen anderen großen deutschen Dichter, zu zitieren, der allerdings für den vorliegenden Film deutlich zu spät geboren wurde. Zu Beginn stellen sich einzelne Darstellerinnen und Darsteller vor, die offenbar zu einem Schauspielworkshop nach Weimar eingeladen wurden, wo sie in Spielszenen und Improvisationen vor der Kamera das Thema „Deutsche Klassik“ aus sexuellem Blickwinkel mit dem Fokus auf Homosexualität betrachten und darstellen. Es wird nicht direkt erklärt, worum es geht, aber es erschließt sich doch, dass hier viele Profischauspielerinnen und -schauspieler zusammengekommen sind, um gemeinsam mit Rosa von Praunheim in einem experimentierfreudigen Rahmen ihre künstlerische Beziehung zu Goethe, Schiller und anderen Zeitgenossen zu vertiefen oder zu erneuern. Sie alle tragen in den Spielsequenzen zeitgenössische Kostüme, die mal mehr, mal weniger modern aufgepeppt werden. Vor allem die Herren legen zwischendurch auch mal die Kleider ab, doch alles bleibt züchtig und (beinahe) jugendfrei. Texte werden dazu zitiert, mal zurückhaltend und mal ganz offensiv, mitten auf dem Marktplatz von Weimar. Zum Erstaunen und gelegentlich auch zur Freude der Passanten geht es dabei manchmal deftiger zu – den Darstellern ist der Spaß daran deutlich anzusehen.
 
Doch überraschenderweise findet Rosa von Praunheim recht schnell zu dokumentarischer Seriosität. In Interviews mit Fachleuten und anhand einer riesigen Menge an zusätzlichem Material befasst er sich mit dem Thema Sexualität in der Deutschen Klassik, deren bekanntlich wichtigste literarische Vertreter Goethe und Schiller waren. Internationale männliche und weibliche Historiker, Germanisten und Literaturwissenschaftler äußern sich zunächst über Goethe und Schiller, deren Freundschaft relativ eng war, aber wegen des frühen Todes von Schiller nicht lange währte. Immer intensiver geht es dabei um das gesamte Menschenbild in der deutschen Klassik sowie um den Zusammenhang zwischen intellektueller und erotischer Freiheit. Da spielen neben den biographischen Einzelheiten zu Schiller und Goethe auch Fragen der heutigen und damaligen Rezeption und das künstlerische Image eine Rolle. Wie sexuell erfahren war der angebliche Frauenheld Goethe? Gab es wirklich homoerotische Tendenzen, und wie lassen sie sich nachweisen? Und welche Rolle spielt das alles für das Gesamtwerk? Langsam entwickeln sich anhand von Briefen und Ausschnitten aus literarischen Werken Bilder einer Zeit, in der weder Homosexualität noch Heterosexualität ein Thema waren, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil die Begriffe (noch) nicht existierten. Erst um das Jahr 1860 herum folgte die medizinische Definition und damit die Pathologisierung der Homosexualität.
 
Zu Goethes und Schillers Zeiten war Sexualität einfach vorhanden, zeigt Rosa von Praunheim. Der Umgang damit war selbstverständlich, in sämtlichen Kombinationen, im Guten wie im Schlechten. Missbrauch, auch unter Männern, war an der Tagesordnung. Wer das Glück hatte, zum Adel zu gehören, stand über den Gesetzen und durfte sich prinzipiell alles erlauben, und wer – wie Goethe – aufstieg und in diesen Kreisen verkehrte, konnte davon profitieren. In einem kleinen Exkurs beschäftigt sich Rosa von Praunheim auch mit Frauen am Rande der Weimarer Klassik, weniger mit Goethes zahlreichen Verehrerinnen, sondern eher mit Kunstfreundinnen, deren lesbische Tendenzen bekannt sind. Ein paar Exoten werden vorgestellt, darunter der Herzog von Sachsen-Gotha-Altenburg, der sich gern als Frau verkleidete und offenbar ein Freund glamouröser Auftritte war. Heute würde man ihn als Transvestiten bezeichnen. Der Ton in zwischenmenschlichen Beziehungen war generell oft überschwänglich, besonders deutlich in den Briefen – auch unter Männern wurde gekost, geküsst, geherzt. Ob die erotische Liberalität in einer toleranten Atmosphäre dem Adel bzw. der Oberschicht vorbehalten war, wird nicht groß besprochen, ist aber anzunehmen.
 
Rosa von Praunheim gelingt hier etwas sehr Schönes: Statt zum x-ten Mal die Klassiker vom Podest zu schubsen, was heutzutage ohnehin nur noch extrem verknöcherte, mindestens 90-jährige Ex-Deutschlehrerinnen und -lehrer schockieren würde, wagt er einen im wahrsten Sinne des Wortes lustvollen Umgang mit Goethe und seinen Zeitgenossen. Manchmal scheint es, als ob er selbst über den Film versucht, die Menschen in ihrer Zeit zu verstehen. Das macht ihn und seinen Film sehr sympathisch. Die abwechslungsreiche Mischung aus Interviews, Quellenzitaten und Spielszenen schafft eine leichte, oft durchaus vergnügliche und sinnliche Atmosphäre. Besonders auffällig ist, mit welcher Liebe und Sorgfalt Rosa von Praunheim vorgeht. Das gilt sowohl für die kunstvolle formale und inhaltliche Struktur als auch für den Umgang mit den teilnehmenden Schauspielerinnen und Schauspielern, denen er viel Raum gibt. Man kann nur vermuten, dass der Workshop, der den Rahmen des Films bildet, am Ende für alle ein Gewinn war, so wie der Film für ein kunstinteressiertes Publikum.
 
Gaby Sikorski