Magic Mike XXL

In einem der berühmtesten Texte über das Kino geht es um den männlichen Blick, der mit seinem kaum verhohlenen Voyeurismus das Kino prägt. „Magic Mike XXL“, die Fortsetzung des Überraschungserfolgs von Steven Soderbergh ist nun ein Film, der mit brillanten Bildern, makellosem Schnitt und atemberaubender Ästhetik dem weiblichen Blick huldigt und unverhohlen männliche Körper ins Zentrum stellt. Aus weiblicher Sicht essentiell, aus männlicher sehr lehrreich.

Webseite: MagicMikeXXL.de

USA 2015
Regie: Gregory Jacobs
Buch: Reid Carolin
Kamera & Schnitt: Steven Soderbergh
Darsteller: Channing Tatum, Andie MacDowell, Jada Pinkett Smith, Juan Pierrahita, Joe Manganiello, Kevin Nash, Gabriel Iglesias
Länge: 115 Minuten
Verleih: Warner
Kinostart: 23. Juli 2015

FILMKRITIK:

Vor drei Jahren kam „Magic Mike“ ins Kino, ein semi-autobiographischer Film, in dem Channing Tatum quasi sich selbst spielte: Bevor er zum Filmstar wurde, schlug er sich als männlicher Stripper, bzw. male entertainer, als männlicher Unterhalter durch. Eine Dekonstruktion des amerikanischen Traums war „Magic Mike“, in der die Stripper die klassischen männlichen Rollen Amerikas einnahmen, von Polizisten über Feuerwehrmänner bis hin zu Soldaten, aber letztlich doch am Traum vom selbstbestimmten, unabhängigen Leben scheiterten.
 
Die Fortsetzung „Magic Mike XXL“, bei der Steven Soderberghs langjähriger Regieassistent Gregory Jacobs Regie führte, Soderbergh selbst aber für Kamera und Schnitt verantwortlich war, verändert nun ihren Fokus.
 
Zu Beginn ist Mike (Channing Tatum) als selbstständiger Zimmermann aktiv, doch sein Leben läuft nicht so, wie er sich das erträumt hatte. Ein Anruf seiner ehemaligen Stripperkollegen kommt da ganz recht, die Lust am Tanz, am Nomadenleben, an sexuellen Begegnungen treibt Mike wieder in die Armee seiner Kumpels. Ein Stripfestival in Myrtle Beach, einer Art amerikanischem Mallorca, ist das Ziel, die Struktur des Films ein loses Road Movie, geprägt von Dialogszenen, in denen die Stripper ihren letzten, großen Auftritt planen, vor allem aber von Szenen des schieren visuellen Vergnügen. Zumindest wenn man eine Frau ist oder sich auch als Mann an ästhetischen männlichen Körpern erfreuen kann.
 
So wie das Actionkino alle zehn, fünfzehn Minuten seine lose Handlung für Autoverfolgungen, Prügeleien oder Schießereien unterbricht, so unterbricht auch „Magic Mike XXL“ seine lose Handlung alle paar Minuten für mehr oder weniger motivierte Tanzszenen, die vor allem eins im Sinn haben: Der Lust am männlichen Körper huldigen, der hier in einer Weise objektiviert wird, wie man es im Mainstream-Kino vielleicht noch nie gesehen hat.
 
Ganz bewusst wird dabei die weibliche Lust thematisiert, die in der Gesellschaft meist zu kurz kommt und hinter der männlichen Triebbefriedigung, die die Popkultur prägt, zurückstehen muss. Hier wird der Spieß umgedreht, gibt es eine Art Freudenhaus, in dem nur Frauen verkehren, die von männlichen Entertainern unabhängig von ihrem nicht den klassischen Schönheitsnormen entsprechendem Äußeren umgarnt und wie Königinnen behandelt werden. Dass diese Huldigung der weiblichen Lust in Amerika am Startwochenende ein zu über 80% weibliches Publikum anzog, überrascht nicht. Doch jeder Mann, der sich diesen Film entgehen lässt, verpasst viel. Zum einen die brillante Bildgestaltung, die Steven Soderbergh unter seinem langjährigen Pseudonym Peter Andrews selbst übernommen hat und dabei Bilder von berauschender Klarheit, Präzision und Schönheit zeigt. Nicht zuletzt aber einen Film, der trotz männlicher Macher von einem durch und durch weiblichen Blick geprägt ist, sich um die Befriedigung weiblicher Lust bemüht und dadurch in einem Maße feministisch ist, wie es auch nur wenige Filme weiblicher Regisseure sind.
 
Michael Meyns