Mahana – Eine Maori-Saga

Über 20 Jahre nach seinem weltweit erfolgreichen Debüt "Once Were Warriors" dreht Lee Tamahori mit "Mahana – Eine Maori-Saga" zum ersten Mal wieder in seiner neuseeländischen Heimat. Wenn auch erzählerisch durch die beiläufige Inszenierung manch dramatisches Potential verschenkt erscheint, wird die Geschichte um eine Maori-Großfamilie vor allem visuell ihrem Titel gerecht.

Webseite: mahana-derfilm.de

Neuseeland 2016
Regie: Lee Tamahori
Buch: John Collee, nach dem Roman von Witi Ihimaera
Darsteller: Temuera Morrison, Akuhata Keefe, Nancy Brunning, Jim Moriarty, Regan Taylor, Maria Walker
Länge: 103 Minuten
Verleih: Prokino, Vertrieb: 24 Bilder
Kinostart: 1. September 2016
 

FILMKRITIK:

Neuseeland in den 60er Jahren. Tamihana Mahana (Temuera Morrison) ist ein Patriarch wie er im Buche steht: Seine aus drei Generationen bestehende Großfamilie führt er mit geradezu militärischer Strenge, duldet kein Zuspätkommen und keine Wiederworte, von frivolen Vergnügungen wie ins Kino gehen ganz zu schweigen. Doch so streng und unerbittlich Tamihana auch wirken mag, der Erfolg gibt ihm Recht. Aus dem Nichts hat er seine Familie zu einigem Wohlstand geführt, diverse Häuser bilden das Zentrum ihres Lebens, von dem aus die einzelnen Mitglieder zum Schafscheren auf die Farmen der weißen Besitzer fahren.

Es ist der junge Simeon (Akuhata Keefe), der sich nicht mehr an diese scheinbar unveränderliche Ordnung halten mag. Immer häufiger hinterfragt der 14jährige die Autorität seines Großvaters, stellt dessen Anordnungen in Frage, entwickelt einen eigenen Kopf. In dem spielt auch seine Klassenkameradin Poppy Poata (Yvonne Porter) eine gewichtige Rolle, doch die ist ausgerechnet ein Mitglied einer verfeindeten Maori-Famile. Während die Erwachsenen nicht über die Ursachen der Feindschaft zwischen den Mahanas und den Poatas reden, beginnt Simeon Fragen zu stellen und kommt langsam hinter die Geheimnisse seiner Familie.

Ein wenig nach "Romeo & Julia" hört sich diese Fehde zweier Familien an, doch so dramatisch wie bei Shakespeare wird es in Lee Tamahoris "Mahana" nie. Seltsam beiläufig inszeniert Tamahori auch die eigentlich dramatischsten Ereignisse, handelt Konflikte und tragische Momente oft so schnell ab, dass ihr dramatisches Potential verschenkt wirkt. Dabei hätte gerade die Figur des 14jährigen Simeon als Zentrum der Familien-Saga fungieren können, die zumindest der deutsche Untertitel verspricht.

Als Kind seiner Zeit, der 60er Jahre, der durch gelegentliche Filmvorführungen im Dorf von Hollywood-Helden wie James Stewart und John Wayne begeistert ist, verkörpert Simeon die erste Maori-Generation, die nicht mehr vollständig auf dem Land aufgewachsen, sondern zunehmend in einer städtischen Kultur verhaftet ist. So lauschig diese Welt hier noch dargestellt wird: Ein, zwei Generationen später wird die Armut grassieren, die Tamahori in seinem so eindrucksvollen Debütfilm "Once Were Warriors" beschrieben hat.

Auch dort spielte Temuera Morrison die Hauptrolle eines Patriarchen, der allerdings deutlich mehr zur Gewalt neigte als nun sein Tamihana Mahana. Der hat seine Familie zwar einst mit einer – vorsichtig ausgedrückt – fragwürdigen Tat gegründet, die als extremere Form des Brautraubs beschrieben werden könnte, ist aber dennoch keine durch und durch negative Figur. Immer wieder deutet Tamahori an, wie notwendig die Härte war, mit der Tamihana sich und seine Familie behandelt hat, um in einer von weißen Farmern beherrschten Welt zumindest als Schafscherer Erfolg zu haben. So sympathisch der junge Rebell Simeon auch ist: Der interessanteste, weil ambivalenteste Charakter innerhalb des Ensembles bleibt Tamihana, mit dessen Figur angedeutet wird, welche Schwierigkeiten die Neuseeländischen Ureinwohner hatten und oft noch haben, sich gegen die weiße Mehrheit durchzusetzen. Von diesen Konflikten und unterschwelligen Benachteiligungen hätte man gern mehr gesehen, doch Lee Tamahori hat sich in "Mahana – Eine Maori Saga" statt dessen für eine gefälligere, zwar oft eindrucksvoll gefilmte, bisweilen aber etwas blutleere Familien-Saga entschieden.
 
Michael Meyns