Mali Blues

Das intensive musikalische Roadmovie feiert nicht nur die vielfältig pulsierenden Klänge und Rhythmen Malis, sondern avanciert zum eindringlichen Statement für Frieden und Toleranz. Regisseur Lutz Gregor erzählt von engagierten Künstlern, die sich unerschrocken für ihre bedrohte, westafrikanische Heimat einsetzen. Denn seitdem fundamentalistische Islamisten den Norden des Landes unter ihre Kontrolle gebracht haben, ist Musik und Tanz im Wüstenstaat verboten, wurden Instrumente zerstört, Musiker bedroht, das weltberühmte „Festival au Désert“ aus Timbuktu vertrieben. Vor allem die malische Sängerin Fatoumata Diawara, eine der meistbeachteten Stimmen ihrer Generation, wendet sich mutig gegen die Unterdrückung.

Webseite: www.realfictionfilme.de

Deutschland 2016
Regie: Lutz Gregor
Kamera: Axel Schneppat
Darsteller: Fatoumata Diawara, Bassekou Kouyoaté Master Soumy, Ahmed Ag Kaedi
Länge: 93 Minuten
Verleih: Real Fiction Filmverleih
Kinostart: 29. September 2016
 

FILMKRITIK:

Malis Hauptstadt Bamako: Rote Lehmbauten, staubige Straßen, hunderte von Motorrädern knattern durch die dunkle afrikanische Nacht voller Geräusche. In der Morgendämmerung am Niger spielt der Tuareg Ahmed Ag Kaedi auf seiner Gitarre. Der Wüstenrocker traut sich nicht mehr in seine Heimat Kidal im Nordosten Malis zurück seit die Dschihadisten drohten seine Finger zu zerschmettern. Im Exil in Bamako singt der Leader der Tuareg Band Amanar in einer Mischung aus Trauer und Freude von der Schönheit der Sahara, von Krieg und Freiheit.
 
Abends in einer kleinen Bar jubelt das Publikum dem politisch engagierten Rapper Master Soumy zu. Der Hip-Hop Musiker versteht sich als „Advokat der Straße“ und rappt gegen islamischen Fanatismus und staatliche Korruption. Beseelt von der Idee eines friedlichen und offenen Islams prangert der studierte Jurist mutig Fundamentalisten an. Als gläubiger Moslem besucht er ganz selbstverständlich die Moschee in Bamako zum Freitagsgebet. Der Ngoni-Virtuose und traditionelle Griotsänger Bassekou Kouyoaté schildert im Hof seines Hauses den Ursprung seiner Musik. „Wir Musiker haben Stimme, die stärker sind als Waffen“, erklärt er überzeugt.  
 
„Als ich hörte, dass in Mali Musik verboten ist, blieb für mich die Welt stehen“, schüttelt der globale Popstar Fatoumata Diawara ihre mit Muscheln besetzten Zöpfe. Die malische Sängerin ist eine der meistbeachteten Stimmen ihrer Generation. Unerschrocken, unnachgiebig, energiegeladen, verkörpert sie die jungen afrikanischen Frauen, die etwas verändern wollen. Rhythmen aus Folk und Funk tragen ihre Botschaften in die Welt: Frieden für Mali, Schluss mit Zwangsheirat und Genitalverstümmelung. In ihre perlenden Gitarrenklänge mischt sie jede Menge Soul – und beißende Gesellschaftskritik.
 
Ihr Song „Bissa“ handelt in ironischer Weise vom Grundrecht einer jeden Frau, sich ihren Ehepartner selbst auszusuchen, „Boloko“ spricht das Tabu weiblicher Genitalverstümmelung an. Einst floh Fatoumata Diawara vor einer arrangierten Heirat nach Paris und reiste jahrelang mit einem französischen Straßentheater umher, das sie bis nach Mexiko und Vietnam brachte. Zum ersten Mal kehrt sie jetzt nach ihrem europäischen Exil in ihr Heimatdorf zurück. Die Frauen dort empfangen sie enthusiastisch. Im Schatten einer Akazie singt sie für sie. Im vergangenen Jahr stand die 33jährige auf dem roten Teppich der Filmfestspiele in Cannes, zusammen mit Regisseur Abderrahmane Sissako. In dessen Film „Timbuktu“ spielt sie bereits eine unbeugsame Musikerin. Heute agiert sie als solche. Das franzöische Kulturministerium zeichnete sie mit dem Ordre des Arts et des Lettres aus.
 
Regisseur Lutz Gregor setzt in seinem musikalisch mitreißenden Roadmovie einer meist negativen Berichterstattung über Afrika als Armutskontinent und Krisenherd positive Bilder von leidenschaftlichen Künstlerinnen und Künstlern entgegen. Gleichzeitig avanciert seine Dokumentation zum eindringlich Statement für Frieden und Toleranz und warnt vor einem undifferenziertem Feindbild „Islam“. Und schließlich erinnert er daran, dass Malis Musik zum musikalischen Welterbe zählt. Hier liegen die Wurzeln des Blues und des Jazz, den die westafrikanischen Sklaven auf die Baumwollfelder Nordamerikas mitgebracht haben.
 
Schon Bluesfan und Kultregisseur Martin Scorcese  beschreibt in „Feel like going home“, seiner intensiven Doku über die Geschichte der Blues-Musik, diesen Ursprung. Nicht umsonst nahm der vielseitige Gitarrist Ry Cooder, der mit dem Buena Vista Social Club die kubanische Musik wieder auf die Weltbühne brachte, zusammen mit Ali Farka Touré hier das das legendäre, Grammy-ausgezeichnete Blues-Album „Talking Timbuktu“ auf. Aus Mali kommen Superstars der Weltmusik und Global Pop Szene wie Salif Keitá, die Königin der Wassoulou-Musik Oumou Sangaré, Rokia Traoré, und Toumani Diabaté.

Luitgard Koch