Mama Africa – Miriam Makeba

In bereits drei Dokumentarfilmen hat Mika Kaurismäki sich mit der positiven Ausstrahlung von Musik auf Menschen und ihr soziales Umfeld befasst. Sein jüngster Streich widmet sich nun der 2008 verstorbenen afrikanischen Sängerin Miriam Makeba. Mit seltenen Archivaufnahmen und den Erinnerungen ehemaliger Begleiter und Freunde skizziert er den interessanten und bewegenden Lebensweg der lange aus ihrer südafrikanischen Heimat verbannten „Mama Africa“ und ihres dauerhaften Kampfes für die Rassengleichstellung.

Webseite: www.mamaafrica-film.de

Finnland/Deutschland/Südafrika 2011
Regie: Mika Kaurismäki
Dokumentarfilm über Miriam Makeba, mit Zenzile Monique und Nelson Lumumba Lee (Enkel), Angélique Kidjo, Hugh Ramopolo Masekela, Abigail Kubeka, Dorothy Masuku, Joe Mogotsi, Leopoldo Fleming, Bill Slater, Lorraine Gordon, Kathleen Neal Cleaver,
90 Minuten
Verleih: Alpenrepublik / Barnsteiner Film
Start am 10.11.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

„Ich besinge keine Politik. Ich singe lediglich die Wahrheit.“ Der 1932 im Township Prospect bei Johannesburg geborenen Sängerin Miriam Makeba hat diese Auffassung künstlerischen Ausdrucks eine ganze Menge an Zuspruch gebracht. In den Augen der ein oder anderen Regierung jedoch wurde sie dadurch untragbar. Nachdem sie sich 1959 im französischen Film „Come back Africa“ von Lionel Rogosin kritisch über die Lebensbedingungen der schwarzen Bevölkerung in Südafrika geäußert hatte, empfahl es sich für sie – trotz ihres künstlerischen Erfolges mit den „Manhattan Brothers“ oder der Frauenband „Skylarks“ – ins Exil zu gehen. Nach einer Rede vor den Vereinten Nationen wurde ihr 1963, als erster schwarzen Musikerin, gar die südafrikanische Staatsbürgerschaft entzogen.

Doch auch in den USA, wo Miriam Makeba bald schon im bekannten Village Vanguard auftrat und 1967 mit „Pata Pata“ ihren weltweit größten Hit landete (der gelangte damals als erster Song einer farbigen Musikerin in die Top-Ten, Makeba mochte ihn seiner inhaltlichen Belanglosigkeit wegen später nicht mehr), wurde sie Ende der 60er Jahre nach ihrer Heirat mit dem afroamerikanischen Black-Panther-Aktivisten Stokely Carmichael zur unerwünschten Person erklärt. Bis zur Scheidung zehn Jahre später lebte sie mit ihm in Guinea, tourte viel durch Europa, Südamerika und Afrika. Private und persönliche Schicksalsschläge machten ihr in den Folgejahren dann aber das Leben zunehmend schwerer.

Gleichwohl setzte sie sich weiterhin für Menschenrechte ein, trat mit Paul Simon auf dessen „Graceland“-Tournee auf und kehrte nach Nelson Mandelas Freilassung 1990 nach 27 Jahren im Exil wieder in ihre Heimat Südafrika zurück. Vom Musikgeschäft verabschiedete sich „Mama Africa“, wie sie liebevoll in ihrer Heimat und von ihren Anhängern genannt wurde, dann im Jahr 2005 und absolvierte lediglich noch kleinere Auftritte. Ein Benefizkonzert zugunsten des von der Camorra bedrohten Schriftstellers und Journalisten Robert Saviano am 9. November 2008 im italienischen Castel Volturno sollte ihr letzter sein. Nach einem Herzinfarkt auf der Bühne starb sie im Alter von 76 Jahren.

Mika Kaurismäki, älterer Bruder des finnischen Kultregisseurs Aki Kaurismäki, sieht „Mama Africa“ als natürliche Fortsetzung seiner drei vorangegangenen Musikdokumentation „Moro do Brasil“ (2002), „Brasileirinho“ (2005) und „Sonic Mirror“ (2007). „Miriam Makeba und ihr Leben sind vermutlich eines der stärksten Beispiele dafür, wie sich Kunst in den Dienst von sozialen und politischen Zielen stellen kann – und umgekehrt“, sagt Kaurismäki über jene Frau, die einst den Afrolook in der westlichen Welt populär gemacht hat.

Sein bewegendes filmisches Porträt geht dabei weitestgehend chronologisch vor. Beginnend mit Straßenkämpfen in den südafrikanischen Townships zeichnet der Finne den vielschichtigen Lebensweg der 1986 mit dem Friedenspreis der Diplomatic Academy for Peace ausgezeichneten Sängerin nach und beleuchtet dabei ihre verschiedenen Rollen als Musikerin und Künstlerin, als politisch engagierte Aktivistin und nicht zuletzt als Familienmensch. Insbesondere ihre beiden Enkel Zenzile Monique und Nelson Lumumba Lee (Kinder von Makebas einziger Tochter Bongi Makeba Lee, die selbst auch viele Texte für Miriam Makeba schrieb) kommen immer wieder zu Wort, ebenso einige ihrer langjährigen Begleitmusiker und Musikerkollegen wie Abigail Kubeka („Skylarks“), Joe Mogotsi („The Manhattan Brothers”). Als Vertreterin der von Miriam Makeba maßgeblich beeinflussten farbigen Sängerinnen kommt Angélique Kidjo zu Wort.

Dass Makeba während des Filmprojektes unerwartet verstarb, sollte letztendlich kein Hindernis sein, sondern bestärkte Kaurismäki noch mehr in seiner mit reichlich Archivmaterial gespickten Arbeit. Für ihn war Makeba nicht nur im künstlerischen Sinne die Stimme Südafrikas, sondern auch im Sinne einer Fürsprecherin, die mit ihrem großen Herz vielen Menschen Mut und Hoffnung gab und sie motivierte, weiter gegen Ungerechtigkeiten anzukämpfen. Parallel zum Lebensweg der Sängerin kommt er daher immer wieder auch auf die politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen Südafrikas zurück. Zu behaupten, der in Brasilien lebende Mika Kaurismäki habe Miriam Makeba ein filmisches Denkmal gesetzt, ist also durchaus legitim. Jene, die sie bislang eher als Interpretin kannten, werden überrascht sein. Gut unterhalten wird man mit den zahlreichen in diesem bewegenden Porträtfilm angespielten Musiktiteln und Konzertausschnitten allemal.

Thomas Volkmann

Es ist selten, dass man eine weibliche Stimme hört, die derart zu modulieren imstande ist, die die Oktaven spielend nimmt, die leise musikalische Töne von sich geben kann, die jedoch im nächsten Augenblick kraftvoll tönt. In diesem Dokumentarfilm ist es die Stimme von Miriam Makeba (1932 – 2008).

Irgendwo in Soweto (Südafrika) ist sie geboren. Ihr Talent wurde sehr früh erkannt – deshalb Songs mit ihr in den ersten Bands.

Dann New York. Bars, Music-Halls, Theater bis hin zur obersten Klasse. Miriam Makeba wird schnell ein Star.

Sie sagte von sich, sie habe nicht Politik gemacht, sondern nur die Wahrheit gesagt bzw. gesungen. Und das trifft zu. Wie hätte sie nicht gegen die Unterdrückung der Schwarzen in Afrika sein können! Wie hätte sie nicht die Apartheid verurteilen können! Wie hätte sie nicht für die Freiheit ihrer Landsleute kämpfen können! Wie hätte sie nicht gegen die unmenschliche Misshandlung der südafrikanischen Schwarzen auftreten können!

Das Ergebnis: Sie durfte nicht in ihr Land zurückkehren. Sie war berühmt, sie traf die Präsidenten und andere hohe Politiker vieler Länder, sie sprach mehrere Male vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen. Aber in ihre Heimat durfte sie lange Jahre nicht. Sie musste mit Heimweh in Guinea leben.

Erst als Nelson Mandela frei kam, holte er sie. Doch die Jugend war fort, die Kraft bald zu Ende.

Ein wichtiger Dokumentarfilm: musikalisch, menschlich und politisch. Viele Auftritte, viele Songs, viele Archivaufnahmen, viele Zeugnisse ihrer selbst und Gespräche mit ihren Enkeln (Miriam Makeba war zweimal verheiratet, ihre Tochter hatte sie unglücklicherweise verloren).

Der Film nimmt den Betrachter lange gefangen. Der Wunsch, sich Tonträger von ihr zu verschaffen, kommt fast automatisch auf.

Thomas Engel