Mama

Horror à la Hollywood funktioniert auch ohne die handelsübliche Schlachtplatte aus Blut und Gemetzel. Dieses grandios getaktete Gruselstück um zwei Waisenkinder und ihre aufdringliche Geister-Mutti, den verzweifelten Onkel sowie dessen ratlose Freundin bietet exzellente Spannung mit erheblichem Gänsehautfaktor. Mit Jessica Chastain spielt der aktuell wohl angesagteste Star der Traumfabrik die Hauptrolle. Die Produzenten-Fäden halt der mexikanische Grusel-Guru Guillermo „Hellboy“ del Toro in der Hand – und der sorgt dafür, dass in diesem suspense starken Genre-Vergnügen selbst das vermeintliche Happy End noch ungeahnten Nervenkitzel bereit hält.

Webseite: www.mama-derfilm.de

USA 2013
Regie: Andrés Muschietti
Darsteller: Jessica Chastain, Megan Charpentier, Daniel Kash, Isabelle Nelisse
Verleih: UPI
Länge: 100 Min. FSK: ab 16 J.
Kinostart: 18.4.2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Welch perfekt perfider Titel für einen Horrorfilm! Die Idee dazu ist zwar ebenso geklaut wie die Story selbst. Von sich selbst darf man freilich allemal unbehelligt abkupfern. Anno 2008 präsentierte der Spanier Andrés Muschietti im Netz eine dreiminütige Version seiner „Mama“. Von diesem sofortigen „YouTube“-Hit war der mexikanische Horror-Prinz Guillermo del Toro („Pans Labyrinth“) derart begeistert, dass er als Produzent seinen Newcomer-Kollegen mit einer Kinoversion beauftragte. Als luxuriöse Dreingabe spendierte er ihm Jessica Chastain für die Hauptrolle, Hollywoods Überfliegerin schlechthin.

Bereits der Auftakt fällt ungemein unheimlich und vielversprechend unheilschwanger aus: In Panik flüchtet ein Familienvater mit seinen zwei Töchtern aus dem trauten Heim. Auf der eisglatten Straße im Gebirge gerät sein silberner Daimler gefährlich ins Schlingern. Den Absturz in die Schlucht überleben die Insassen relativ unverletzt und suchen Schutz in einer einsamen Hütte. Dort wird das Mysterium allerdings erst richtig beginnen. Fieberhaft wird der Papa von der Polizei als mutmaßlicher Kidnapper seiner Kinder gesucht. Doch aller Aufwand bleibt vergeblich, das Trio ist verschollen, die Akte wird geschlossen. Erst fünf lange Jahre später werden Victoria und Lilly überraschend in jener Hütte gefunden. Mysteriöserweise überlebten die beiden Mädchen auf sich gestellt in ihrem abgelegenen Versteck – aber waren sie dort tatsächlich mutterseelenallein? Oder warum ruft die verängstigte Victoria immer wieder sehnsüchtig nach der titelgebenden Mama? Ein eifriger Psychologe nimmt die Waisen unter seine wissenschaftlichen Fittiche, derweil ihr Onkel Lucas den beiden ein familiäres Heim bieten will, was dessen Freundin Annabel zunächst nur widerwillig akzeptiert bis auch sie allmählich Muttergefühle entwickelt.

Wie eine Zwiebel legt Jungfilmer Muschietti seine Gruselgeschichte Schicht um Schicht frei. Mal weiß der Zuschauer mehr als die geplagten Akteure, dann hechelt er ihnen wieder bangend hinterher. Weshalb landet der brave Onkel Lucas plötzlich im Krankenhaus? Was hat es mit dem schemenhaften Wesen auf sich, das überall auftaucht? Wie viel weiß der merkwürdige Psychologe Dreyfuss tatsächlich, der die Mädchen untersucht? Auf die üblichen Gemetzel und Schockeffekte kann dieses raffinierte Puzzle getrost verzichten, stattdessen sorgt eine Atmosphäre der penetranten Bedrohung sowie die lässig servierte Dosis von smarten Suspense-Einlagen für die nötige Gänsehaut. Zusätzliches Prickeln entsteht dadurch, dass die resolute Heldin ihre plötzliche Mutterrolle zunächst nur widerwillig und auf Drängen ihres Freundes übernimmt. Noch störrischer rebelliert die kleine Viktoria gegen das neue Familienglück – mit welch überzeugender Eindringlichkeit die junge Megan Charpentier diese wahnwitzige Rolle verkörpert, ist ein Phänomen der Extraklasse. Dieser Knirps stiehlt selbst dem neuen, oscarnominierten Traumfabrik-Darling Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) schier die Show. Die Spezialeffekte der Geister-Mutti mögen etwas holprig sein, ihre Wirkung schmälert das jedoch keineswegs, ganz im Gegenteil.

Als Krönung des souverän spannenden Schauerstücks gibt es ein höchst überraschendes Finale, das die üblichen Genre-Konventionen gekonnt in den Schatten stellt. Wegen „Mamas“ furiosem Kassencoup in den US-Kino ist eine Fortsetzung bereits in Planung – besser kann ein zweiter Streich freilich kaum noch werden.

Dieter Oßwald

Die Mutter ist durch Mord unter tragischen Umständen gestorben, der Vater, der Übeltäter, ist mit seinen beiden kleinen Töchtern Victoria und Lilly mit dem Auto unterwegs. Er ist überaus irritiert, fährt im Schneesturm viel zu schnell. Der Unfall ist fast unvermeidlich. Das Auto samt den dreien stürzt einen steilen Abhang hinunter – mitten im tiefsten Wald.

Sie finden eine verlassene Hütte, in der sie sich fürs erste notdürftig, sehr notdürftig einrichten können. Der Vater lässt die beiden allein, will wahrscheinlich Hilfe holen. Plötzlich taucht ein Unwesen, ein Geist auf. Ist dieser Geist, diese „Mama“, die Mutter der Kinder? Entführt sie den Mann? Er verschwindet jedenfalls auf Nimmerwiedersehn.

Victoria und Lilly bleiben allein zurück. Einige Jahre vergehen. Die beiden überleben, werden vom Geist aufgezogen, sind aber jetzt ein wenig wie wilde Tiere. Endlich werden sie gefunden. Das Jugendamt will sie Lucas, dem Bruder des Vaters der Kleinen, und seiner Freundin Annabel nicht überlassen, gibt jedoch schließlich nach unter der Voraussetzung, dass sie in ein ganz bestimmtes Haus ziehen.

Das Vertrauen der Kinder zu gewinnen ist für die Tante unendlich schwer, zumal Annabel sich zuerst sehr ablehnend verhielt. Victoria ist noch eher zugänglich, Lilly aber ganz und gar nicht. So geht das lange Zeit. Annabel fühlt sich überfordert, will aufgeben, ihr Freund hält sie bei der Stange – seinem Bruder zuliebe.

Die Mutter von Victoria und Lilly ist also zum Geist geworden. Der Geist bleibt so lange, bis das Böse wieder gut gemacht ist, heißt es einmal sinngemäß. Entsprechend spukt es, lärmt es, geistert es, wird es geheimnisvoll, unheimlich, sogar gefährlich.

Am gefährlichsten aber wird es für Lily.

Ein als „übernatürlich“ ausgegebener Horrorfilm. Das Sujet und seine thematische Abhandlung sind eher undurchsichtig und wirklich sehr gewöhnungsbedürftig. Dramatisiert ist der Stoff allerdings besser. Das gilt für die Bildregie, für die Spannung, für die Musik, für die Special Effects, und das gilt auch für das Spiel der vier Hauptdarsteller.

Jessica Chastain als Annabel hat eine mehr oder minder undankbare Rolle, die sie aber gut verkörpert. Besser getroffen hat es in dieser Beziehung Nikolai Coster-Waldau als Lucas. Es ist immer wieder erstaunlich, wie gut Kinder schauspielern können. So auch im Falle von Victoria (Megan Charpentier) und Lilly (Isabelle Nélisse).

Für Liebhaber des Horrorfilms.

Thomas Engel