Manaslu – Der Berg der Seelen

Als Bergsteiger hat er die höchsten Gipfel bestiegen, als Mensch in furchtbare Abgründe geblickt. Die Erfolge und Tragödien des Everest Rekord Bezwingers Hans Kammerlander schildert Bergfilm-Profi Gerald Salmina („Streif“) in einer eindrucksvollen Dokumentation, die Archivbilder und nachgestellte Spielszenen raffiniert verbindet. Neben dem 61jährgien Extrem-Kletterer aus Südtirol kommen Familie und Weggefährten wie Reinhold Messner zu Wort. Ausgesprochen bewegend fällt ein sehr persönliches Gespräch mit dem alten Freund Werner Herzog aus. Das hätte gerne länger ausfallen können: Ein Herzog adelt schließlich jeden Film!

Webseite: www.manaslu-film.com

Österreich 2018
Regie: Gerald Salmina
Darsteller: Hans Kammerlander, Werner Herzog, Stephan Keck, Simon Gietl, Markus Schwärzer
Filmlänge: 123 Minuten
Verleih: Thimfilm/Panda Lichtspiele Filmverleih
Kinostart: 3.1.2019

FILMKRITIK:

„Der Tod ist das leichteste von allen Übeln, die man erlebt“, sagt Hans Kammerlander gleich zu Beginn. Der Extrem-Bergsteiger weiß, wovon er redet. Am Manaslu in Nepal, einem der vierzehn Achttausender, verliert Kammerlander 1991 zwei seiner besten Freunde. Der eine stürzt aus unerklärlichen Gründen ab. Den anderen trifft ein Blitzschlag tödlich. Grund für das ungewöhnliche Gewitter sind jene brennenden Ölfelder im Golfkrieg, deren Partikel in der Atmosphäre bis zum Himalaja gelangen und zu elektrisch aufgeladenen Hochspannungsfeldern führt. Gut ein Vierteljahrhundert nach der tödlichen Tragödie kehrt Kammerlander an seinen Schicksalsberg zurück. Gemeinsam mit Alpinist Stephan Keck will er den 8163 Meter hohen Gipfel endlich besteigen, um die traumatischen Erlebnisse von einst endlich zu verarbeiten.
 
„Ziele sind wichtiger als Erinnerungen“, beschreibt der 61jährige Südtiroler sein Lebensmotto. Bei einem Biopic gilt das naturgemäß nicht. Bergfilm-Profi Gerald Salmina („Streif“) setzt bei seinem Porträt auf eine gelungene Mischung aus Talking Heads, Archivbildern sowie nachgestellten Spielsequenzen. Damit werden zum einen, etwas zu üppig, die Kindheitstage des Bauernjungen und seine frühe Begeisterung für die Berge illustriert, zum anderen, weitaus spektakulärer, jene dramatischen Szenen im Gebirge nachgestellt. Als reizvoller Kontrast und echte Filmperlen erweisen sich Archivbilder, insbesondere aus Werner Herzogs TV-Dokumentation „Gasherbrum – Der leuchtende Berg“ von 1984, in der Hans Kammerlander und Reinhold Messner bei ihrer Doppelüberschreitung von zwei Achttausendern mit der Kamera bis zum Basislager begleitet werden. Entspannt in einem Pool planschend, schwärmt zuvor ein junger Messner von den Fähigkeiten seines neuen Kletter-Kameraden. Tatsächlich hat er dem Newcomer zum Durchbruch und Karriere-Kick verholfen. Eine gute Wahl, schließlich wird Kammerlander seinen Mentor auf die letzten 7 von 14 Achttausendern begleiten.
 
Die Höhenflüge des neuen Bergsteiger-Stars haben durchaus ihre Schattenseiten. „Ein Mensch mit zwei Gesichtern“, attestierte ein Freund und Arzt. Der Ruhm habe ihn verändert, verrät eine Weggefährtin. Dass solche kritischen Töne nicht ausgeblendet werden, macht den Mehrwert eines Biopics erst aus. Ein überaus tragischer Einschnitt kommt gleichfalls zur Sprache, die Schuld an einem tödlichen Verkehrsunfall 2013. „Es tut mir leid, dass das passiert ist!“, berichtet Kammerlander. Seinem Gesprächspartner Werner Herzog, der ihn nach 26 Jahren erstmals wieder trifft, genügt das nicht: „Dass es passiert ist, klingt so wie ein Gewitter. Es ist nicht einfach passiert. Sondern du bist mit zu viel Alkohol im Blut Auto gefahren und dabei ist ein junger Mann zu Tode gekommen.“ Dem Nachhaken folgt die Klarheit: „Es ist der größte Fehler meines Lebens gewesen, der mich für den Rest des Lebens belasten wird. Das Schuldgefühl kann ich nicht abschütteln“, hört man mit bewegten Worten. Fragen der Schuld gibt es zugleich an den höchsten Orten der Erde: Ein japanisches Bergsteiger-Team ist so gierig auf Gipfel und Ruhm, dass es drei verletzte Inder lieber liegen und sterben lässt. „Über 8000 Metern gibt es keine Moral!“, gibt einer der Japaner später lakonisch zu Protokoll.
 
„Ein einfühlsames, wertungsfreies und authentisches Lebensportrait von Hans Kammerlander zu zeichnen“, beschreibt Regisseur Gerald Salmina seine Absichten. Die Gratwanderung ist ihm bestens gelungen mit einer spannenden Doku über einen extremen Menschen, der wahnwitzig bis an seine Grenzen geht und darüber hinaus – wer könnte Wahnwitz besser adeln als ein Werner Herzog!
 
Dieter Oßwald