Manchester by the Sea

Filmische Trauerarbeit der subtilsten Form ist Kenneth Lonergans dritter Spielfilm „Manchester by the Sea“, der dem Autor und Regisseur hoffentlich endlich über das Urteil Geheimtipp erhebt und einem breiteren Publikum bekannt macht. Dass das Drama um einen Mann, der nach dem plötzlichen Tod seines Bruders mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, schon jetzt als einer der Favoriten für die nächste Oscar-Verleihung gilt, dürfte dabei helfen.

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USA 2016
Regie & Buch: Kenneth Lonergan
Darsteller: Casey Affleck, Lucas Hedges, Kyle Chandler, Michelle Williams, Matthew Broderick, Gretchen Mol
Länge: 135 Minuten
Verleih: Universal
Kinostart: 19. Januar 2017

FILMKRITIK:

16 Jahre ist es inzwischen her, dass „You Can Count on Me“ in die Kinos kam, das Regiedebüt des damals schon 38jährigen Kenneth Lonergan. Anschließend dauerte es elf Jahre bis der Nachfolger „Margaret“ nach vielen Problemen veröffentlicht wurde und Lonergans Reputation als genauer, sensibler Beobachter bestätigte. Ein Geheimtipp blieb der aus New Yorker stammende Autor und Regisseur dennoch, was zwar bedauerlich ist, aber auch nicht überrascht. Denn Lonergans Filme sind in der zeitgenössischen amerikanischen Filmwelt eine Seltenheit, sind weder laute Blockbuster, noch typische Indiefilme, die ihre betont ungewöhnlichen Figuren zur Schau stellen, und auch klassische Oscar-Filme, die eine klare ideologische Botschaft vermitteln, sind sie nicht.
 
Dass „Manchester by the Sea“ seit seiner Premiere beim Sundance Filmfestival 2016 dennoch als heißer Kandidat für die nächste Oscar-Verleihung gehandelt wird, darf man dem Film nicht vorwerfen. Es deutet vielmehr an, dass Lonergan seine typische subtile Erzählweise, die bisweilen ins enigmatische abdriftete, diesmal in den Dienst einer Erzählung stellt, die von universeller Qualität ist. Und in der mit Casey Affleck ein hochtalentierter Schauspieler im Zentrum steht, der hier so gut ist wie noch nie.
 
Das verschlossene Wesen Afflecks, der stets brütend, nachdenklich, in sich gekehrt wirkt, passt ideal zu einer Figur, die eine enorme Last trägt, deren Gegenwart von Versäumnissen der Vergangenheit, von Schuldgefühlen geprägt ist. Die Geschichte, die Lonergan dabei erzählt, ist oberflächlich betrachtet ganz klassisch: Lee Chandler (Affleck) lebt in Boston ein bewusst einsames Leben, arbeitet als Hausmeister und vermeidet so weit es geht soziale Kontakte. Als er erfährt, dass sein Bruder Joe (Kyle Chandler) plötzlich verstorben ist, kehrt Lee in die gemeinsame Heimatstadt Manchester at the Sea im ländlichen Massachusetts zurück. Eigentlich will er nur Joes Angelegenheiten regeln, doch im Testament wird er als Vormund von Joes 16jährigem Sohn Patrick (Lucas Hedges) bestimmt. Notgedrungen und zunächst widerwillig bleibt Joe somit zunächst in Manchester und versucht eine Lösung zu finden, doch die Erinnerung an ein furchtbares Ereignis aus seiner Vergangenheit belastet ihn schwer.
 
So vage diese Beschreibung auch sein mag, sie ist doch schon zu pointiert. Vor allem suggeriert sie eine typische erzählerische Konstruktion, in der eine Figur von der Vergangenheit belastet wird, am Ende aber ein dramatisches Ereignis für eine Lösung, eine Katharsis oder einen Eklat sorgt. Genau auf solche typischen Erzählmuster verzichtet Lonergan jedoch bewusst, ohne dass es andererseits aufgesetzt wirkt. Lonergan zeigt die Welt und die Menschen, beobachtet sie, offenbart in beiläufig eingefügten Rückblenden und Erinnerungen die Hintergründe, verzichtet dann aber dezidiert darauf, diese zuzuspitzen.
 
In Lonergans Kino gibt es keine einfachen Lösungen, keine tränenreichen Streits, die zu dramatischen Versöhnungen führen. Was andererseits auch nicht bedeutet, dass seine Filme nihilistisch sind und suggerieren, dass das Schicksal ohnehin unausweichlich und nicht veränderbar sind. Nur sind die Veränderungen der Figuren, hier vor allem von Lee, unterschwellig und fein gezeichnet. Gerade dieser Verzicht auf Pathos, auf flache Emotionen, macht Lonergans Kino, macht „Manchester by the Sea“ so reich und befriedigend. Nicht weil er Dinge auf den Punkt bringt, sondern weil er durch genaue Beobachtung eine Landschaft menschlicher Emotionen entstehen lässt, die in ihrer Vielfalt und Komplexität zumindest in der momentanen amerikanischen Kinolandschaft fast einzigartig ist.
 
Michael Meyns