Manifesto

Auf den ersten Blick wirkt „Manifesto“ wie ein Fest für Fans von Cate Blanchett, denn die australische Actrice ist in einem dutzend unterschiedlicher Rollen zu sehen. Doch der Film des deutschen Künstlers Julian Rosefeldt ist kein gewöhnlicher Kinofilm, sondern ein ursprünglich für Kunstgalerien entstandenes Projekt, das visuell eindrucksvoll ist, inhaltlich aber überaus enigmatisch.

Webseite: dcmworld.com

Deutschland 2015
Regie & Buch: Julian Rosefeldt
Darsteller: Cate Blanchett
Länge: 95 Minuten
Verleih: DCM
Kinostart: 23. November 2017

FILMKRITIK:

Die Grenzen zwischen Kino und Galerie sind in den letzten Jahren immer fließender geworden: Auf Kunstausstellungen wie der documenta oder der Biennale dominieren längst Videoinstallationen über klassischen Gemälden oder Zeichnungen, Künstler wie Matthew Barney oder Steve McQueen feiern im Kino mit Filmen wie „Drawing Restrain 9“ oder „12 Years a Slave“ kleine bzw. große Erfolge, ein Weg, den man sich auch bei Julian Rosefeldt sehr gut vorstellen kann.
 
Denn im Gegensatz zu vielen Künstlern, deren Videoinstallationen stilistisch oft sehr krude, ja geradezu amateurhaft wirken ist Rosefeldt ein großer Stilist. Was sein Projekt „Manifesto“ zunächst einmal zu einem Fest für die Augen macht, erst recht in der nun zu sehenden Version für die große Leinwand.
 
Ursprünglich war „Manifesto“ in Galerien oder Museen zu sehen, in New York oder dem Berliner Museum Hamburger Bahnhof, wo in einem riesigen Saal auf 13 Leinwänden kurze Filme projiziert wurden, die in unterschiedlichen Settings vor allem eins zeigten: Cate Blanchett. Die australische Oscarpreisträgerin schlüpfte in die unterschiedlichsten Rollen, von einer Nachrichtensprecherin, über einen Landstreicher, eine Börsenmaklerin, eine Rednerin auf einer Beerdigung, bis zu einer Lehrerin.
 
Ihr Schauspiel ist dabei nie so subtil wie in den Spielfilmen für die sie bekannt ist, „Elizabeth“ etwa oder „Blue Jasmine“, sondern exaltiert, geradezu plakativ. Weniger ausgeformte Rolle spielt Blanchett als Typen, leicht zu erkennende Charaktere, eine betrunkene Sängerin etwa, die durch eine Bar torkelt oder eben die Lehrerin, die ihre jungen Schüler nach Manifesten abfragt. Denn das ist der Clou des ganzen Projektes: Jeder gesprochene Satz stammt aus einem mehr oder weniger bekannten Manifest aus der Geschichte. Von Marx über Gramsci, das Manifest der Dadaisten oder der Dogma 95 Gruppe reichen dabei die Texte, die oft nur in kurzen Auszügen zitiert werden.
 
Eine intellektuelle Textkollage ist das, deren Inhalt eher enigmatisch bleibt und vor allem durch den Kontrast zu den Bildern funktioniert. Auf eine Beerdigung spricht Blanchett etwa vom Tod der Kunst, die Kinder in der Schule zitieren die Regeln des Dogma-Manifests, in  anderen Situationen unterhält sich Blanchet gar quasi mit sich selbst. So pointiert und ironisch die Verwendung der vielfältigen Texte oft auch ist, am Ende lebt und beeindruckt „Manifesto“ vor allem durch die Bilder.
 
Mit winzigem Budget hat Rosefeldt in und um Berlin – der verfallenen Abhörstation auf dem Teufelsberg etwa, Fabrikanlagen oder moderner Architektur – beeindruckende Sequenzen inszeniert, die großes visuelles Gespür aufweisen. Das er mit Cate Blanchett eine der berühmtesten und auch besten Schauspielerinnen der Gegenwart für sein Kunstprojekt gewinnen konnte, hat zum Erfolg fraglos beigetragen. In Berlin standen die Menschen lange an, um eine im Kern doch enigmatische Installation sehen zu können, die mit einer unbekannten Schauspielerin sicherlich nicht so ein Publikumsmagnet geworden wäre. Als 90minütger Kinofilm ist „Manifesto“ nun noch dichter, ist man den Bildern und Texten quasi noch unmittelbarer ausgeliefert, als im Museum, wo man frei zwischen den vielen Leinwänden wählen konnte. In jeden Fall ein ungewöhnliches Erlebnis ist dieser Film, dieses Experiment, das vor allem dann beeindruckt, wenn man Lust hat, die Wandelbarkeit von Cate Blanchett 90 Minuten vorgeführt zu bekommen.
 
Michel Meyns