MansFeld

In einer Gegend im südlichen Sachsen-Anhalt werfen sich erwachsene Männer zu Pfingsten in Schlammlöcher, während die Jungen der Dörfer mit bis zu vier Meter langen Peitschen knallen. Mario Schneider, der selbst in dieser Gegend geboren wurde, beobachtet ein über tausend Jahre altes Ritual, das nach wie vor lebendig ist. Dabei geht sein Blick aber tiefer, die Pfingstfeier bietet Schneider die Vorlage für eine faszinierende Reise in die Kindheit. „MansFeld“ wurde 2012 beim DOK-Festival in Leipzig mit dem DEFA-Förderpreis ausgezeichnet.

Webseite: www.mansfeld-derfilm.de

Deutschland 2012
Regie und Buch: Mario Schneider
Produktion: 42film
Länge: 98 Minuten
Verleih: 42film-Verleih
Kinostart: 16. Mai 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Tom (8), Sebastian (9) und Paul (9) üben täglich. Sie lassen lange Taue an hölzernen Griffen über ihren Köpfen kreisen und versuchen, sie durch einen plötzlichen, kräftigen Zug in die Gegenrichtung zum Knallen zu bringen. Nicht leicht ist das, und die Anstrengung ist ihnen anzusehen. Die drei nehmen am Pfingstritual teil, sie sollen symbolisch den Winter vertreiben, der von den Jugendlichen und Männern der umliegenden Dörfer verkörpert wird. Noch aber liegt Schnee. Wir begleiten die Jungen in ihrem Alltag. Tom ist ein nachdenklicher Junge, der von seiner Mutter und deren Lebensgefährtin großgezogen wird. Sebastian ist der Schwarm der Mädchen seiner Klasse, er wächst mit seinem Bruder in einer heilen Familie auf. Paul hat Probleme, in der Schule mitzukommen; sein kranker Vater droht, seine Arbeit zu verlieren.

Schon mit seiner Dokumentation „Heinz & Fred“ von 2007 war Mario Schneider einer mysthischen, geheimnisvollen Welt inmitten unseres hektischen, betriebsamen Landes auf der Spur. Auch dort beobachtete er enge Familienbande. In „MansFeld“ treibt er diese Art Feldforschung weiter voran. Als Kind beobachtete er selbst das merkwürdige Pfingstritual, das sich in den so genannten Grunddörfern des Mansfelder Landes vollzieht. Wie ein archaischer Ritus schiebt es sich in unsere aufgeklärte Zeit. Im Zentrum des Filmes aber stehen drei Familien – und vor allem drei Jungen.

Schneider beobachtet seine Protagonisten, ohne ihre Welt zu erklären. Es gibt keinen Kommentar, keine absichtsvolle Dramaturgie verleiht der Geschichte Gestalt. Die Jungs besuchen die Schule, erledigen mit ihren Eltern die Hausaufgaben; Tom liest mit Vorliebe aus der Zeitung vor; Sebastian tobt mit seinem Bruder; der übergewichtige Paul verlangt ein zweites Schnitzel. Aber der Alltag, die Normalität erscheint in Schneiders Kadragen als schwer zu durchschauendes Geflecht. Er betont den überzeitlichen Charakter der Natur im Wechsel der Jahreszeiten. Über dem Dorf thront ein bedrohlich erscheinender schwarzer Berg, Überbleibsel des Bergbaus der Region. Hin und wieder wird ein Schwein oder ein Hase geschlachtet. Die Moderne und das Archaische prallen in „MansFeld“ immer wieder aufeinander.

„Sebastian, Tom und Paul sind sehr unterschiedliche Jungen. Ich wollte wissen, wie jeder von ihnen mit den Geheimnissen dieser Welt und der auf sie zukommenden Verantwortung umgeht“, sagt Mario Schneider über seinen Film. Mit seiner assoziativen Erzählweise kommt er dem Kinderblick erstaunlich nahe. Ihm gelingen intime Einblicke in eine Welt, die Erwachsenen im Laufe ihres Lebens immer mehr zu entgleiten droht. Vielleicht überfordert Schneider seine Geschichte und die Protagonisten stellenweise etwas, vielleicht forciert er den philosophischen Charakter seines Film zu stark. Aber wer Geduld hat, kann in „MansFeld“ den Zauber und die unbestimmten Ängste der Kindheit entdecken.

Oliver Kaever

Die Dörfer des Mansfelder Landes. Es gibt dort einen angeblich bereits 800 Jahre alten Brauch, nämlich an Pfingsten die endgültige Vertreibung des Winters durch Peitschenknallen. Die Buben tun sich dabei besonders hervor.

Das junge Leben von Sebastian, Paul und Tom wird in diesem Dokumentarfilm besonders hervorgehoben. Es wird gezeigt, in welchen Familien sie leben, was sie so treiben, wie sie in der Schule lernen, wie sie spielen, wie sie sich alljährlich auf das Pfingstfest, das Peitschenknallen und die damit verbundene Gaudi vorbereiten.

Tom ist acht Jahre alt und hat zwei Mütter, das heißt eine Mutter und deren Lebensgefährtin. Er erscheint besonders klug.

Sebastian, neun Jahre, wächst in einer intakten Familie auf. Sein bester Kumpel dürfte sein kleiner Bruder sein.

Paul ist ebenfalls neun. Er knallt lieber mit der Peitsche als dass er lernt. Die Familie ist größer, eine gute Sache, aber dem Vater droht aufgrund eines Unfalls die Arbeitslosigkeit. Im Peitschenknallen ist Paul unschlagbar.

Viel Außergewöhnliches passiert nicht im normalen Jahresablauf. Höchstens ab und zu, etwa wenn geschlachtet wird. Oder auch, wenn die Gespräche etwas tiefer gehen: wenn Tom gefragt wird, was er von Gott hält; wenn Pauls Eltern über die Existenz eines Gottes diametral entgegen gesetzter Meinung sind.

Allmählich geht in der von der Natur nicht gerade besonders gesegneten Landschaft der Winter zu Ende. Pfingsten steht vor der Tür. Jetzt strömen sie mit Musik aus den verschiedenen Dörfern herbei, tragen ihre Rosenhüte und farbigen Gewänder und führen natürlich die Peitschen mit.

Die Männer sind es, die sich im Schlamm suhlen und dadurch den Winter darstellen. Die Buben knallen mit den Peitschen, was das Zeug hält. Sie jagen so den Winter zum Teufel. Der Frühling triumphiert. Auf alle wirkt das befreiend. Und sie scheinen mächtig Spaß zu haben.

Der Regisseur ist ruhig und subtil vorgegangen. Auf einen Kommentar hat er verzichtet. Dafür geben die in den Familien geführten Gespräche und die formal einfachen, zum Teil mit sehr schöner Musik unterlegten, durch einige historische Aufnahmen ergänzten Bilder die Wirklichkeit, den Jahresverlauf, die Kindheit, die unterschiedliche Sozialisation der drei Buben – und die „gebeutelte Gegend“ – gut wieder. Das Prädikat „besonders wertvoll“ ist die Belohnung dafür.

Thomas Engel