Manuscripts don’t burn

Gerade erst kam „Taxi Teheran“ ins Kino, ein Film, der ebenso wie „Manuscripts don’t burn“ unter schwierigsten Bedingungen gedreht wurde und trotz Verbot des iranischen Regimes auf internationalen Festivals lief. Die Regisseure Jafar Panahi und hier Mohammad Rasoulof wurden 2010 gemeinsam mit Berufsverbot belegt, was sie jedoch nicht davon abhielt, regimekritische Werke zu drehen, die aber auch künstlerisch überzeugen.

Webseite: www.peripherfilm.de

OT: Dast-neveshtehaa nemisoosand
Iran 2013
Regie, Buch: Mohammad Rasoulof
Länge: 125 Minuten
Verleih: peripher
Kinostart: 13. August 2015
 

FILMKRITIK:

Für unpolitische Menschen ist das Leben in einem autokratischen Regime nicht wesentlich anders als das Leben in einer westlichen Demokratie. Ist man jedoch reflektiert, politisch aktiv und regimekritisch muss man mit der ständigen Gefahr leben, vom Regime eliminiert zu werden. So erging es (möglicherweise) einer ganzen Reihe von Intellektuellen im Iran, die zwischen 1988 und 1998 ermordet wurden. Als Unfälle aller Art oder Selbstmorde getarnt fielen in diesen zehn Jahren dutzende Autoren, Übersetzer und andere Intellektuelle einer Mordserie zum Opfer, die nie wirklich aufgeklärt wurde. Lose basiert Mohammad Rasoulof Film „Manuscripts don’t burn“ auf diesen Ereignissen, nutzt sie jedoch vor allem als bedrückenden Ausgangspunkt für eine Darstellung der mal unmittelbaren oft aber auch subtilen Bedrohungen, der sich Intellektuelle, Regimekritiker und Autoren in einem restriktivem Staat wie dem Iran ausgesetzt sehen.

Auf zwei Ebenen spielt die Handlung, die sich mehr und mehr berühren und eine Art Dialektik der Unterdrückung und des Widerstands abbilden. Auf der einen Seite stehen Khosrow und Morteza, die eigentlich wie zwei durchschnittliche Männer wirken, aber einer alles andere als durchschnittlichen Arbeit nachgehen: Sie sind Schergen des Regimes, die unliebsame Elemente ermorden, bei Bedarf vorher foltern, die Verbreitung von verbotenen Materialien verhindern. Kein gewöhnlicher Job und doch zeigt Rasoulof sie als gewöhnliche Menschen. Immer wieder telefoniert Khosrow mit seiner Frau, versichert ihr, dass bald genug Geld für die Behandlung des Sohns da sein wird, dessen Gesundheit ihm alles bedeutet.

Dies verbindet ihm mit dem Schriftsteller Kasra, der allein in einem Appartement in Tehran lebt und seine Tochter, die irgendwo im Exil lebt, seit Jahren nicht gesehen hat. Um sie vor seinem durch eine Krankheit nahenden Tod noch einmal besuchen zu können, ist Kasra auch bereit, sich dem Regime anzudienen. Jahrelang hat er an einem Manuskript geschrieben, in dem die Repressionen, der sich Intellektuelle ausgesetzt sehen, schonungslos dargestellt werden. Ein Geheimdienstmann, der einst selbst ein Schriftsteller war dann aber die Seiten gewechselt hat, nimmt Kasra das Original-Manuskript ab. Doch zwei Kopien hat er bei befreundeten Autoren in scheinbare Sicherheit gebracht. Sie sind seine Lebensversicherung, sein einziges Druckmittel, um doch noch die ersehnte Ausreisegenehmigung zu erhalten. Die Methoden der Geheimdienstler sind jedoch unerbittlich.

Auf einer Ebene funktioniert „Manuscripts don’t burn“ als Thriller, als Studie der unterschwelligen Bedrohung, einer Gefahr, die stets präsent ist und sich auf brutale Weise punktuell manifestiert. Wie ein moderner (Serien)killer-Film wirkt er da, der kühle Mörder beschreibt, die ganz pragmatisch einem ziemlich ungewöhnlichen Job nachgehen. Doch was in diversen Fernsehserien und Spielfilmen beliebtes Stilmittel ist, um einer saturierten, fast gefühllosen westlichen Öffentlichkeit noch den Hauch von Emotionen zu entlocken, ist in einem Land wie dem Iran bittere Realität: Die ständige Bedrohung durch ein Regime, das durch dutzende Sicherheitsorgane jeden Bereich des Lebens überwachen kann, Verrat, Misstrauen und skrupellose Beamte, die selbst für subtile Regimekritiker eine stetige Bedrohung darstellen. Auch Regisseur Mohammad Rasoulof musste das erleben, wurde 2010 zusammen mit seinem Freund Jafar Panahi mit jahrelangem Arbeitsverbot belegt, dem er trotzte und diesen Film drehte. Auf einen Abspann, auf die Nennung von Schauspielern und technischer Crew verzichtet er aus Sicherheitsgründen, was die akute Relevanz von „Manuscripts don’t burn“ nur noch unterstreicht: Protest, egal ob in Form von Büchern oder Filmen lässt sich eben nicht unterdrücken.
 
Michael Meyns