Mario

Während die Homo-Ehe in zivilisierten Gesellschaften längst zum akzeptierten Standard gehört, sind Schwule im (Profi-)Fußball noch immer ins rückständige Abseits verdammt. Kein Kicker wagt das Coming-Out. Homophobe Fans, so heißt es, würden das Ende der Karriere bedeuten. Spielerfrauen bieten bewährte Alibis in der Gerüchteküche. Von diesen Themen handelt diese charmant inszenierte, überzeugend gespielte Schweizer Lovestory, die von zwei jungen Fußballern erzählt, die zögerlich ihre Liebe zueinander entdecken. Coming of Age trifft auf Coming Out – eigentlich ein alter Hut. Im Fußball freilich ein Tabu. Den Ball flach halten? Oder im aufrechten Gang aufs Spielfeld laufen? Keine leichte Entscheidung für die verliebten Jungs. Ob DFB-Funktionär Oliver Bierhoff wohl wieder Schnappatmung à la Tatort” bekommt?

Webseite: www.pro-fun.de

Schweiz 2018
Regie: Marcel Gisler
Darsteller: Max Hubacher, Aaron Altaras, Jessy Moravec, Jürg Plss, Doro Müggler, Andreas Matti
Filmlänge: 119 Minuten
Verleih: PRO-FUN MEDIA Filmverleih
Kinostart: 18.10.2018

FILMKRITIK:

„Das ist nicht meine Freundin. Nur die beste Freundin“, eiert Mario herum als es um seinen Beziehungsstatus geht. Das gut aussehende Fußball-Talent, dem der Aufstieg von der U21 in die erste Liga bevorsteht, wird demnächst noch einige Male in Erklärungsnöte geraten. Vom erfolgsbesessenen Vater wird der junge Kicker schon immer unter Druck gesetzt. Durch die Ankunft des neuen Spielers Leon aus Deutschland verschärft sich die Konkurrenz um die Profi-Karriere. Das weiß auch der Verein, der die beiden Rivalen prompt zusammen in einer Spieler-WG unterbringt. Die Funktionäre konnte ja nicht ahnen, dass es zwischen den beiden Fußballern ganz anders funken wird als geplant: Nach ein paar Bier kommen sich Mario und Leon näher. Dem ersten Schrecken am Morgen danach folgt die große Leidenschaft. Beim nächsten Auswärtsspiel nehmen die beiden lieber Einzelzimmer. Die Affäre des Stürmer-Duos bleibt den anderen Spielern jedoch nicht lange verborgen.
 
„Wovor hast du so eine Angst?“ will Leon wissen und das Versteckspiel von Mario beenden. Der Manager hat eine schichte Antwort: „Euer Marktwert ist im Keller, wenn das herauskommt!“. Die einzige Lösung des Funktionärs: Sein Schützling braucht schleunigst eine Spielerfrau als Alibi. Prompt klappt es mit dem lukrativen Vertrag in Hamburg. In der schicken Penthouse-Wohnung an der Elbe lassen sich bestens hübsche Homestorys vom vorgespielten Liebesglück des Spieler-Pärchens inszenieren. Die Fake-Fassade bekommt indes schneller Risse als gedacht…
 
Der preisgekrönte Regisseur Marcel Gisler, dem mit „Tagediebe“ einst ein eindrucksvolles Debüt gelang, inszeniert seine Kicker-Lovestory mit großer Empathie und angenehmer Unaufgeregtheit. Bisweilen gerät die schweizerische Bedächtigkeit ein wenig zu betulich, da wären 90 Minuten Spielzeit packender ausgefallen als die Verlängerung auf zwei Stunden Filmlänge. Insbesondere die Sequenzen auf dem Rasen erweisen sich, wie bei fast jedem Fußball-Film, ohne überzeugenden dramaturgischen Mehrwert. Auf der Haben-Seite überzeugt die psychologische Entwicklung der Figuren sowie die ebenso glaubwürdige wie lässige Darstellung der Schauspieler: Max Hubacher und Jessy Moravec wurden für ihre Leistung mit dem Schweizer Filmpreis belohnt.
 
Vor sieben Jahren sorgte der „Tatort: Mord in der ersten Liga” mit einem ähnlichen Thema für viel Furore. DFB-Manager Oliver Bierhoff sah sich gar verpflichtet, Gerüchte über schwule Spieler der Nationalmannschaft vehement zu dementieren. („Das sehe ich immer auch als einen Angriff auf meine Familie – die Familie der Nationalelf.“). Im Unterschied zum Eigentor des deutschen Oberfunktionärs zeigte der Schweizer Erfolgsverein BSC Young Boys mehr Format, Würde und Selbstbewusstsein: Der Berner Club unterstützte Regisseur Gisler und seine beiden Autoren ganz selbstverständlich, stellte Mannschaftslogo samt Infrastruktur zur Verfügung: Swissness der perfekten Art!
 
Dieter Oßwald