Married Life

Wie lustig es doch sei, was wir aus Liebe tun, sagt der Erzähler am Schluss, die Ereignisse zusammenfassend. Das ist eine sanfte Lüge, von denen es viele gibt in Ira Sachs „Married Life“. In den fünfziger Jahren, als das Eheleben rigideren Regeln unterworfen war als heute, musste klug getäuscht und getarnt werden. Sachs’ Hommage an das Kino-Melodram der fünfziger Jahre ist vielleicht manchmal zu verspielt-harmlos, aber ein optischer Genuss. Die Bildsequenzen sind so gediegen wie das homogene Spiel der vier Hauptdarsteller, die sich mit eherner Moral und tiefen Sehnsüchten herumplagen.

Webseite: www.centralfilm.de

USA 2008
Regie: Ira Sachs
Buch: Ira Sachs, Oren Moverman
Darsteller: Chris Cooper, Pierce Brosnan, Patricia Clarkson, Rachel McAdams
Länge: 90 Minuten
Verleih: Central Film
Kinostart: NEU 10.7.2008
www.sonyclassics.com/marriedlife/

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Man schreibt das Jahr 1949. In den besseren Kreisen der USA ist nach dem Krieg wieder Ruhe eingekehrt. Der relative Wohlstand wird bei ausgedehnten Mittagessen und kräftigen Drinks genossen. Doch das reicht Harry (Chris Cooper) nicht. Der Geschäftsmann will endlich glücklich sein und das geruhsame Leben an der Seite seiner Ehefrau Pat (Patricia Clarkson) gegen das Abenteuer mit der aufregenden Kay (Rachel McAdams) tauschen, einer attraktiven Kriegerwitwe. Blöd nur, dass er sich Pat tief verbunden fühlt. So kommt er auf die Idee, seine Frau umzubringen – aus Zuneigung. Er will sie nicht verletzen, was beim Eingeständnis seiner Untreue, wie er glaubt, zweifellos der Fall wäre. Richard (Pierce Brosnan) rät seinem alten Freund Harry, pragmatisch wie er ist,  zu einem Doppelleben mit Ehefrau und Geliebter. Doch insgeheim will er nur Zeit schinden, um Kay für sich selbst zu gewinnen – wobei ihm die Entdeckung von Pats kleinem Liebesgeheimnis sehr zupass kommt.

„Married Life“ ist eine amüsante Angelegenheit von Anfang an. Der Vorspann im Look der Fünfziger-Jahre-Werbezeichnungen ist allein schon den Gang ins Kino wert. So leichtfüßig ist der Film dann aber doch nicht. Immerhin wird die Frage verhandelt, worin denn nun das Liebesglück besteht – und ob man das eigene Glück auf dem Unglück eines anderen erbauen kann, wie die Beteiligten fragen, voller Skrupel, aber auch auf den eigenen Vorteil schielend. Das ist nicht nur eine Gewissensfrage. Spürbar wird allenthalben die Macht der Moral, die die Beziehungen zwischen den Geschlechtern in den fünfziger Jahren reglementierte. Eine Scheidung war damals bekanntlich eine gravierende Angelegenheit und ein gesellschaftlicher Makel, vor allem für die Frauen. Harrys Plan, seine Frau sanft in den Tod zu befördern, ist insofern ein  Akt der Gnade – und ein ironischer Kommentar zu den damaligen Moralmaßstäben, die solche Gedanken aufkommen ließen. Jenseits dieses historischen Kontextes werden zeitlose Fragen aufgeworfen. Was soll, was kann ein Ehepaar tun, dessen Liebesleben zur Routine erstarrt? Harry ist entschlossen, einen Schnitt zu machen und stellt irgendwann fest, dass er im Begriff ist, alles zu verlieren, was ihm lieb und teuer ist. Auch die anderen Beteiligten in diesem Bäumchen-wechsele-dich-Spiel kriegen gerade noch die Kurve, bevor alles außer Kontrolle gerät. Ob das nun gut oder schlecht ist, lässt der Film wohlweißlich offen.

„Married Life“ ist vorzüglich besetzt. Chris Cooper, immer gut in Rollen, die innere Zerrissenheit beinhalten, spielt Harry, der vom Strippenzieher zur Marionette seiner eigenen Pläne wird. Seine Traumfrau verkörpert Rachel McAdams in ihrer ersten Rolle von Format. Sie meistert den schwierigen Spagat zwischen wasserstoffblonder Männerfantasie (die Diven der fünfziger Jahre lassen grüßen) und sehr irdischer Frau, die Trost und Liebe sucht. Pierce Brosnan überrascht als Charakterdarsteller, der Cary Grant gut studiert hat und als väterlicher Charmeur sein Glück versucht. Patricia Clarkson versteht es wie gewohnt, brodelnde Sehnsucht hinter einer harmlosen Fassade sichtbar zu machen. Clarkson ist der Link zu Todd Haynes’ „Dem Himmel so fern“, in dem sie eine Nebenrolle spielte. Ein Film, den man im Zusammenhang mit „Married Life“ nennen muss. Haynes und Sachs ist gleichermaßen daran gelegen, das Heimelige der fünfziger Jahre bloßzustellen. Sie sind sich darin ebenbürtig, das Dekor jener Zeit so in Szene zu setzen, das es wie ein Käfig wirkt, der die Menschen einsperrt. Haynes ging jedoch ans Eingemachte. Bei den Themen Homosexualität und Rassenmischung reagierte die damalige Gesellschaft hoch aggressiv. Dagegen waren außereheliche Aktivitäten, wie „Married Life“ sie zeigt, eine vergleichsweise harmlose Verfehlung.  

Volker Mazasssek

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Harry und Pat sind ein mittelalterliches Ehepaar. Ihre Ehe dauert schon lange – zu lange. Ob die beiden sich lieben, ob Sex eine Rolle spielt, ob sie sich in all den Jahren lediglich aneinander gewöhnt haben, ob sie sich brauchen, ob sie aufeinander angewiesen sind, das alles hat sich im Laufe der Zeit zu sehr verwischt, es ist nicht mehr genau auszumachen. Pat und Harry wissen es selber nicht.

Nur eines ist gewiss: Harry hat eine Liebste, eine junge und aparte noch dazu. Sie heißt Kay. Regelmäßig ist Harry bei Kay zu Besuch, und eines Tages stellt er sie seinem besten Freund Richard vor. Das hätte er besser nicht getan.

Richard ist beim Anblick von Kay wie vom Blitz gerührt. Keine Frage, die junge Frau muss die seine werden.

Unterdessen versucht Harry aus dem Dilemma seiner Ehe und seiner gleichzeitigen Liebe zu Kay herauszukommen. Er fasst den Plan, Pat zu töten, denn, so argumentiert er, sie solle lieber tot, „befreit“, „erlöst“ sein als unter der Trennung leiden zu müssen.

Dass töten wollen und töten können zwei Paar Stiefel sind, muss Harry nun erfahren. Was er nicht erfährt ist, dass Pat einen Liebhaber hat. Und was er zu spät erfährt ist, dass Richard und Kay längst ein Paar sind.

Bei diesen gescheiterten Tötungsversuchen, bei anderen widrigen Umständen, bei diesem Durcheinander, bei dieser Enttäuschung ist die Ehe zu ertragen vielleicht doch noch das Beste.

Ein subtiles, gepflegtes, klassisches Kammerspiel. Es setzt sich ein wenig ironisch, ein wenig weise und ein wenig der Unlösbarkeit der Sache sowie der damit verbunden Probleme bewusst mit der Alltäglichkeit, der Schönheit, der Geborgenheit, der gelegentlichen Unerträglichkeit, dem ausgefahrenen Geleise der Ehe auseinander.

Ziemlich gelungen sind die Dialoge, die Verschachtelung der Verbindungen zwischen den Figuren, die Darstellung und Ausstattung der Epoche, in der der Film spielt – nämlich der 40er Jahre des vergangenen Jahrhunderts -, die unauffällige, aber sichere Regiearbeit und das gekonnte Spiel der vier Hauptdarsteller Chris Cooper (Harry), Pierce Brosnan (Richard), Patricia Clarkson (Pat) und Rachel McAdams (Kay).

Stilistisch und darstellerisch geglücktes Kammerspielvergnügen mit einigem Tiefgang.

Thomas Engel