Marry me!

Liebe und indischer Hochzeitstrubel im Kreuzberger Multi-Kulti-Milieu. In ihrem Regiedebüt mischt die deutsch-indische Berliner Regisseurin Neelesha Barthel ihren schwungvollen Culture-Clash-Streifen mit Bollywood-Elementen. Dabei entzündet ihre erfrischende Kiez-Komödie um eine überzeugte Single-Frau, die gegen ihren Willen verheiratet werden soll, ein Feuerwerk an pointiertem Witz samt charmantem Lokalkolorit. Unterhaltsam prallen alte und neue Werte zwischen Tradition und Moderne aufeinander in einem von Gentrifizierung bedrohtem Stadtviertel.

Webseite: www.marryme-derfilm.de

Deutschland 2014
Regie: Neelesha Barthel
Buch: Nina Pourlak, Daniela Baumgärtl, Neelesha Barthel, Sintje Rosema
Kamera: Florian Foest
Darsteller: Steffen Groth, Maryam Zaree, Fahri Yardim, Bharati Jaffrey, Mira Kandathil, Rebecca Rudolph, Wolfgang Stumph, Renate Krößner, Idil Baydar, Stephan Grossmann, Lila Marschall, Daniel Steiner, Knut Berger
Länge: 94 Minuten
Verleih: NFP, Vertrieb: Tobis
Kinostart:  2. Juli 2015
 

FILMKRITIK:

Für die junge Deutsch-Inderin Kissy (Maryam Zaree) ist die Welt in Ordnung. Die überzeugte Singlefrau lebt mit ihrer kleinen Tochter Meena zufrieden im Berliner Multi-Kulti-Bezirk Kreuzberg. Dort verwaltet die 31jährige einen Szene-Altbau, in dem sie auch das von ihrer verstorbenen Mutter übernommene alternative „Cafe Devi“ betreibt. Zur Hausgemeinschaft gehören nicht nur ihre jüngere Schwester Sonal (Mira Kandathil).  Auch ihr Ex Robert (Steffen Groth) und Vater ihrer Tochter sowie seine neue Yoga-Freundin finden unter ihrem Dach eine günstige Bleibe.
 
Die Situation ändert sich schlagartig, als ihre indische Großmutter Sujata (Bharti Jaffrey) plötzlich auftaucht. Die traditionsbewusste, resolute Seniorin ist entsetzt über den Lebenswandel ihrer Enkelin. Kishori, so lautet Kissys richtiger Name, soll den Vater ihres Kindes sofort heiraten. Und zwar in Form einer traditionellen indischen Hochzeit mit einer Riesenschar von Gästen. Andernfalls, so droht sie, wird sie das Haus samt Cafe verkaufen. In ihrer Not weiß sich die junge Frau keinen anderen Ausweg als auf den Vorschlag einzugehen. Wortreich überredet sie Robert, die Scheinehe mit ihr durchzuziehen. Aber auch ihre Großmutter spielt längst nicht mit offenen Karten.
 
Das turbulente Regiedebüt der ehemaligen Dokumentarfilmerin Neelesha Barthel trägt Züge ihres eigenen Lebens. Die 37jährigeTochter einer Inderin und eines deutschen Vaters wuchs in West-Berlin auf. Schon frühzeitig mit beiden Kulturen konfrontiert, besitzt ihre moderne Beziehungskomödie nicht zuletzt deshalb ihren speziellen Charme und authentisches Lokalkolorit. In ihrer bunten, burlesken Geschichte aus Kreuzberg wird gelacht geweint, und wie es sich für Bollywood gehört, auch getanzt. Dabei wirken die Tanzeinlagen eher satirisch. Denn sie verfolgen Kissy in Form von Angstträumen vor ihrer „Schein-Traumhochzeit“. Trotz aller absurden Komik überspannt die Regisseurin den Bogen nicht.
 
An genretypischen Klischees fehlt es der sensiblen Culture-Clash-Komödie freilich nicht, angefangen von rasanten Verbalattacken bis hin zu alkoholbedingten Verwicklungen. Spielerisch und voller Ironie gehen die Schauspieler damit um und überbrücken damit auch kleine dramaturgische Durchhänger. Dabei überzeugt besonders die impulsive Ausdruckskraft der Hauptdarstellerin Maryam Zaree als emanzipierte Ich-Erzählerin Kissy. Für den nötigen Schuss Romantik sorgt vor allem Fahri Yardim. In seiner Rolle als neuer Koch, der heimlich von Großmutter angeheuert wurde, stellt er die Single-Frau auf die Probe. In Deutschland gibt es wenige Schauspieler, die in so kurzer Zeit eine derartige Entwicklung vollzogen haben wie der gebürtige Hamburger. Spielte der 33jährige Deutschtürke, der seine Attraktivität gern mit Understatement und Witz paart, anfangs noch regelmäßig in Ethno-Komödien wie „Kebab Connection“ oder „Almanya – Willkommen in Deutschland“, hieß er im Kinofilm „Irre sind männlich“ immerhin schon Daniel und synchronisierte in der amerikanischen Comic-Verfilmung „Guardians of the Galaxy“. Mit seiner Spielfreude ist der selbstironische, lässige, kiezerfahrene Kumpeltyp hier erneut ein Highlight.
 
Aber auch alle anderen Rollen in dieser amüsanten Geschichte um Liebe und schräger Schein-Hochzeit sind typgerecht besetzt und in ihrem Spiel überzeugend. In dem leichthändig geknüpften Netz von Lug und Trug zwischen Tradition und Moderne kämpfen die liebevoll charakterisierten Figuren um ihre Identität. Ein besonderes Lob gilt dem Set-Design und seiner gelungene Ausstattung mit stimmigen Details sowie der  musikalischen Begleitung dieser handwerklich soliden Erstlingsregie. Ein rundum erfrischender Blick auf eine Generation zwischen Familie, Tradition und neuer Freiheit.
 
Luitgard Koch