Martha Marcy May Marlene

In seinem formal und schauspielerisch beeindruckenden Debütfilm „Martha Marcy May Marlene“ beschreibt Sean Durkin, wie ein junges Mädchen aus einer Sekte flüchtet, und die Schwierigkeiten, die sie bei der Wiedereingliederung in die Gesellschaft hat. Auf höchst subtile Weise schildert der Film die repressiven Strukturen die innerhalb der Sekte, aber auch der Gesellschaft herrschen.

Webseite: www.martha-marcy-may-marlene.de

USA 2011
Regie, Buch: Sean Durkin
Darsteller: Elisabeth Olsen, Christopher Abbott, Brady Corbet, Hugh Dancy, Maria Dizzia, Julia Garner
Länge: 104 Minuten
Verleih: Fox
Kinostart: 8. März 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Martha ist ihr Taufname, Marcy May wird sie in der sektenartigen Kommune genannt, in der sie anfangs noch lebt. Eine unheimliche, unterschwellige Bedrohung herrscht in den engen Räumen des Farmhauses, in dem der Sektenführer Patrick seine Untergebenen, darunter viele junge Frauen versammelt hat. Gut zwei Jahre hat Martha schon in dieser Gemeinschaft verbracht, nun hat sie genug und flieht. Ihre ältere Schwester Sarah und deren Mann Ted nehmen sie in ihrem schmucken Designerhaus auf. Das Leben dieser beiden Vertreter der Bourgeoisie könnte nicht unterschiedlicher von dem kargen Leben in der Sekte sein, die sich ein Leben abseits der kapitalistischen Strukturen zum Programm gemacht hat. Eine Form der Gemeinschaft, die allerdings nach streng hierarchischen Regeln funktioniert, in denen die Männer den Frauen überlegen gelten, in der es zu sexuellem Missbrauch und Unterdrückung kommt.

Parallel zu Marthas Versuch, sich in einer gewöhnlichen Familie einzuleben, schneidet der Film immer wieder zurück in Marthas Sektenleben: Wie sie, zusammen mit einer Freundin, Aufnahme in die attraktiv wirkende Gemeinschaft fand, langsam an die Regeln und zu verrichtenden Tätigkeiten herangeführt wurde, mit Drogen gefügig gemacht wurde, schließlich ihre Aversion wuchs. Warum sie vorher ein unstetes Leben geführt hatte, was sie von dem allgemein als normal empfundenen Lebensweg einer jungen Frau abweichen ließ, man erfährt es nicht.

Elizabeth Olsen spielt diese Martha mit großer Subtilität. Ihre Blicke und Gesten bleiben dabei ebenso offen für verschiedenste Interpretationen, wie der ideologische Unterbau von Sean Durkins Film. Bewusst vermeidet er offensichtliche visuelle Unterscheidungen zwischen den beiden Ebenen aufzubauen, betont im Gegenteil sogar oft die Ähnlichkeiten. Immer wieder herrscht dadurch für einige Momente Unklarheit, ob man sich gerade in Haus und Garten der Sekte oder doch im Haus der Oberschicht befindet.
Die Parallelen jedoch, die durch diese Erzählweise impliziert werden, verführen nicht dazu, die Sekte mit all ihren Missständen dem gesicherten Luxusleben vorzuführen. In seiner ambivalenten Haltung, die durch die ruhigen, langen Kameraeinstellungen und die bedrohlich im Hintergrund schwebende Musik noch verstärkt wird, zeigt „Martha Marcy May Marlene“ eine junge Frau, die ohne Halt ist und nach einem für sie funktionierenden Weg zu leben sucht. Die bewusst vom „normalen“ Weg der Gesellschaft abgewichen ist und dadurch mit Sphären der Gesellschaft in Berührung kommt, die zwar andere Antworten versprechen, aber letztlich zu den ähnlichen Problemen führen. Nicht zuletzt dank seiner großen Endeckung Elizabeth Olsen ist Regisseur Sean Durkin mit diesem formal bemerkenswert präzisen Film ein erstaunliches Debüt gelungen.

Michael Meyns

Martha ist Mitte 20, so zwischen Jugend und Erwachsensein. Von den Eltern ist weit und breit nichts mehr zu sehen. Vielleicht ist sie deshalb in eine Art Sekte geraten, bei der der Anführer Patrick zwar Pseudophilosophie verkündet und unbedingtes, tabuloses Einbringen in die Gemeinschaft fordert, sich jedoch in Wirklichkeit in erster Linie die weiblichen Angehörigen dienstbar machen will. Zwei Jahre spielt Martha mit, dann hält sie es nicht mehr aus und flieht.

Sie hat nur noch ihre verheiratete Schwester Lucy, die völlig überrascht ist, als Martha verwirrt, heulend und mittellos bei ihr auftaucht. Selbstverständlich wird sie bei dem Ehepaar liebend aufgenommen.

Nun gilt es, das Leben wieder in den Griff zu bekommen, unter normalen Umständen zu meistern. Dazu braucht es Zeit, denn immer wieder kehren die Gespenster der Vergangenheit zurück.

Die schlimmen Erfahrungen aus der Zeit der „Sekte“ tauchen in den nächtlichen Träumen, in Panikattacken, im Zustand der Geistesabwesenheit auf.

Lange hat Lucy Geduld, doch langsam setzt sich bei ihr und vor allem bei ihrem Ehemann die Überzeugung durch, dass Martha unbedingt professioneller Hilfe bedarf. Wie es mit ihr weitergeht, sagt der Film aber nicht. Das muss auf jeden Fall als Drehbuchmangel gelten.

Ein psychologisch durchaus nachvollziehbares Psychostück – mit dem intensiven aber doch dezenten Rhythmus und dem völlig unaufgeregten Bildstil dem schwierigen Thema durchgehend angeglichen. Dazu kommt, dass die Hauptdarstellerin Elisabeth Olsen ihre Apathie, ihr Leid, ihre Orientierungslosigkeit, ihr Identitätsdefizit, ihre Paranoia absolut überzeugend spielt. Eine vielversprechende Leistung. Die übrigen Akteure, Sarah Paulson als Lucy und Hugh Dancy als deren Ehemann, halten aber gut mit.

In Sundance wurde der Film begeistert aufgenommen.

Thomas Engel