Mary Shelley

Welch verlockende Versuchsanordnung: Die einzige Regisseurin aus Saudi-Arabien inszeniert ein Biopic über eine britische Ikone der Literatur: Haifaa Al-Mansour („Das Mädchen Wadjda“) erzählt die Geschichte von Mary Godwin, der geistigen Mutter von „Frankenstein“. Als rebellischer Teenager verliebt sich die Heldin heftig in den aufstrebenden Dichter Percy Shelley. Ihr hübsches Objekt der Begierde erweist sich freilich als Mängelexemplar. Aber Liebe macht bekanntlich blind. Der Kostüm-Schinken bietet alles, was das Genre braucht: Herz. Schmerz. Intrigen. Eifersucht und natürlich Happy End. Das famose Monster, von Mary geschaffen, wird gefeiert. Die Anerkennung muss sich die Frau allerdings in der Männergesellschaft erst erkämpfen. Ein bisschen steif und unbeholfen mag die Inszenierung bisweilen ausfallen – gleichwohl wird der jungen Pionierin romantischer Literatur ein längst fälliges Denkmal gesetzt.

Webseite: www.mary-shelley.de

GB 2017
Regie: Haifaa Al-Mansour
Darsteller: Elle Fanning, Douglas Booth, Bel Powley, Tom Sturridge, Stephen Dillane, Maisie Williams, Joanne Froggatt, Ben Hardy
Filmlänge: 120 Minuten
Verleih: Prokino
Kinostart: 27. Dezember 2018

FILMKRITIK:

„Es geht etwas in meiner Seele vor, was ich nicht verstehe.“ – mit diesem Zitat aus Mary Shelleys „Frankenstein“ beginnt das Biopic über die Autorin. Die Aussage beschreibt auch ganz gut die Gefühlswelten der sechzehnjährigen Rebellin, als sie sich Hals über Kopf in den gutaussehenden Poeten Percy Shelley verliebt. 
 
Als aufmüpfiger Teenager vertreibt sich Mary Wollstonecraft Godwin (Elle Fanning) am liebsten die Zeit im gemütlichen Buchladen ihres Vaters, einem finanzklammen Philosophen. Noch immer trauert die junge Frau ihrer längst verstorbenen Mutter nach, die einst ein brisantes feministisches Manifest verfasste. So herzlich das Verhältnis zur fast gleichaltrigen Halbschwester Claire (Bel Powley) ausfällt, so frostig gerät die Beziehung zur ungeliebten Stiefmutter. Nach einem heftigen Streit wird die Rebellin samt Schwester zu Verwandten nach Schottland geschickt. Die Landluft soll beruhigen. Die Begegnung mit dem attraktiven Poeten Percy Shelley (Douglas Booth) sorgt indes für Aufregung. Die Sechzehnjährige ist von dem fünf Jahre älteren Dichter begeistert – und umgekehrt! Man schreibt sich romantische Briefe. Um seinem Schwarm näher zu sein, engagiert der vermögenden Shelly den schuldengeplagten Vater von Mary als seinen Mentor. Die Idylle gerät in heftige Turbulenzen als plötzlich die bislang unbekannte Ehefrau des Poeten samt dessen Kind auftaucht.
 
Die erste Entrüstung von Mary hält nicht lange an. Trotz der massiven Drohungen des Vaters zieht das Paar zusammen. Bei einem gemeinsamen Besuch des schillernden Lord Byron (Tom Sturridge) in dessen Villa am Genfer See, macht der Dandy einen folgenschweren Vorschlag: Alle Gäste sollen am Abend, bei reichlich Wein, spontan eine Gruselgeschichte zum Besten geben. In dieser Nacht wird für Mary die Idee zur melancholischen Monster-Saga des „Frankenstein“ geboren.
 
Percy ist von dem Manuskript sofort höchst begeistert. Die Verleger reagieren derweil abweisend. Sie mögen das Buch zwar ebenfalls, doch von einer Frau wollen sie nichts veröffentlichen. So erscheint der Roman zunächst anonym. Erst später wird das Werk unter dem Namen der mittlerweile verheirateten Autorin erscheinen: Mary Shelley!
 
Die aus Saudi-Arabien stammende Regisseurin Haifaa Al-Mansour wurde vor sechs Jahren mit der deutsch-saudischen Koproduktion „Das Mädchen Wadjda“ beim Filmfestival Venedig gefeiert und gewann für ihr Emanzipationsdrama unter anderem den CICAE-Preis, den Gilde-Filmpreis sowie den Friedenspreis des Deutschen Films – immerhin handelt es sich um den ersten Spielfilm aus ihrer Heimat. Für die feministisches Vorkämpferin aus dem Orient lag es nahe, ihrer künstlerischen Pionier-Schwester aus England ein Biopic zu widmen.  
 
Ein bisschen steif und unbeholfen mag die Inszenierung bisweilen ausfallen – gerade so wie die Monster Motorik des Boris Karloff und seiner zahlreichen Nachfolger. Die didaktische Bemühtheit wirkt manchmal doch recht botschaftstriefend: Etwas weniger Sinn, dafür mehr Sinnlichkeit, hätten der Lovestory sicher gutgetan. Die vermeintlichen Orgien in der Villa des bisexuellen Lord Byron etwa fallen fast schon grotesk prüde aus. Gleichwohl bietet der Kostüm-Schinken ausreichend, was das Genre braucht: Herz. Schmerz. Intrigen. Eifersucht und natürlich Happy End.
 
Während das „Burberry“-Model Douglas Booth die passende Besetzung für den blasierten Schönling Percy darstellt, hat Elle Fanning („Super 8“) einiges mehr zu bieten. Mit über 40 Filmen auf dem Buckel, verkörpert die 20-Jährige mit erstaunlicher Leichtigkeit die Höhenflüge und Tiefschläge ihrer Figur und hält souverän die Balance zwischen trotzigem Rebellentum und sensibler Verletzlichkeit.
 
Hätte eine Mary Shelley nicht ein radikaleres Porträt verdient? Über 50 Prozent der Filmstudierenden hierzulande sind weiblich. Fast alle Chefposten der föderalen Filmförderung sind in Frauenhand. Und dann bedarf es einer resoluten Regisseurin aus Saudi-Arabien, um ein Biopic über eine feministische Avantgardistin zu realisieren? Das hätte der Mutter aller Monster wohl ganz gut gefallen können!
 
Dieter Oßwald

Ein idealer Spiegel der Gegenwart ist die Lebensgeschichte der Autorin Mary Shelley, die durch ihren ersten – im Alter von nur 18 Jahren verfassten – Roman „Frankenstein“ weltberühmt wurde. Die aus Saudi-Arabien stammende Haifaa Al-Mansour interpretiert in ihrem romantischen Biopic „Mary Shelley“ das Leben der Autorin dezidiert feministisch, was thematisch mehr überzeugt als filmisch.
 
Ihre Mutter starb wenige Tage nach ihrer Geburt und so wuchs Mary Wollstonecraft Godwin (Elle Fanning) allein mit ihrem Vater auf, der in seiner Zeit für seine liberalen, bisweilen auch anarchistischen Pamphlete bekannt war. Zu dessen zweiter Frau hat Mary ein gespanntes Verhältnis, ihre Zeit verbringt sie in erster Linie mit Lesen und ersten eigenen Schreibversuchen.
 
All das ändert sich, als sie mit 17 Percey Shelley (Douglas Booth) kennenlernt, Autor und Lebemann mit dem sie 1816 den Sommer bei Lord Byron (Tom Sturridge), in dessen Haus am Genfer See verbringt. Es muss ein legendär verregneter Sommer gewesen sein, die Gruppe – vervollständigt durch Marys Halbschwester Claire Clairmont (Bel Powley) und dem Arzt und Autor John William Polidori (Ben Hardy) – verbringt die Zeit mit Alkohol und anderen Rauschmitteln, doch auch das wird bald langweilig. Stattdessen schlägt Lord Byron ein Schreibduell vor, dass derjenige gewinnt, der die beste Schauergeschichte verfasst. Marys Beitrag ist der bald weltberühmte Ursprung der fantastischen Literatur: „Frankenstein oder der moderne Prometheus“.
 
Auf den ersten Blick mag es überraschen, dass sich ausgerechnet die aus Saudi-Arabien stammende Haifaa Al-Mansour diesem Thema annimmt, doch die Ähnlichkeiten zwischen der Titelfigur ihres Debüts „Das Mädchen Wadjda“ und Mary Shelley sind bemerkenswert. Hier wie da geht es um junge Frauen, die in repressiven, patriarchalischen Gesellschaften leben und nach Unabhängigkeit und Selbstbestimmung streben. Ein modernes westliches Publikum dürfte sich der Person Mary Shelleys noch näher fühlen, zumal Al-Mansour sie als prototypische Feministin zeigt, die nicht immer erfolgreich ihren Platz in einer von Männern dominierten Welt sucht. Was wie eine moderne Projektion wirken könnte, ein Versuch, einer historischen Figur moderne Werte und Verhaltensweise zuzuschreiben, ist tatsächlich ein erstaunlich genaues Bild einer Frau, die weit moderner war als ihre Zeit.
 
Und auch das Shelley in ihrem mit gerade einmal 18 Jahren verfassten Roman „Frankenstein“ kaum verhohlen ihre oft unglückliche Beziehung zum selbsternannten Lebemann und Freigeist Percey Shelley spiegelte, die Einsamkeit des Monsters, dessen Suche nach Liebe und Zuneigung Marys eigene Gefühle andeutet, ist inzwischen in der Frankenstein-Forschung allgemein anerkannte Theorie.
 
Dennoch mutet es seltsam akademisch und ein wenig leblos an, wie Al-Mansour das Leben von Mary Shelley zeigt. Wie ausgestellt wirken die historischen Kostüme, wie allzu durchschaubare Versuche, eine romantische, impressionistische Stimmung zu evozieren, die häufigen Schnitte in die Natur, zu rauschenden Blättern, tobenden Flüssen, gleißenden Sonnenuntergängen. Als Film über eine historische Person, die auf bemerkenswerte Weise moderne Werte vorwegnahm, überzeugt „Mary Shelley“, als lebendiges Abbild einer historischen Zeit dagegen weniger.
 
Michael Meyns