Match Me

Eigentlich könnte die Liebe ganz einfach sein: Zwei treffen und verlieben sich. Aber hier und da muss man ein bisschen nachhelfen … Lia Jaspers erzählt von drei jungen Leuten, die wenig Vertrauen in den glücklichen Zufall haben und über „Matchmaker“ passende Partner suchen. Lia Jaspers zeigt ziemlich originelle Lösungsmodelle für die Sehnsucht nach einer festen Beziehung. Der kleine Dokumentarfilm, der vermutlich eher ein Nischenpublikum ansprechen wird, bezieht seinen Charme vor allem aus den sympathischen Protagonisten und ihren ungewöhnlichen Lebensentwürfen, so dass es irgendwann keine Rolle mehr spielt, ob es für alle ein Happy End gibt.

Webseite: www.wfilm.de

Deutschland, Österreich 2014 – Dokumentarfilm
Regie: Lia Jaspers
Buch: Lia Jaspers, Sonja Kulkarni
Kamera: Tim Huhn, Sebastian Bäumler, Christoph Lemmen, Monika Lobkowicz
Länge: 94 Minuten
Verleih: W-Filme
Kinostart: 21. Januar 2016
 

FILMKRITIK:

Die Liebe in den Zeiten der großen Verwirrung scheint ziemlich unromantisch zu sein, eher intellektuell verkopft als deftig, zumindest wenn man Lia Jaspers und ihren drei Protagonisten Glauben schenkt: eine Wienerin, die als Kind in Indien lebte und für die Meditation und Yoga zum Alltag gehören, ein schweigsamer Finne, der die großen Gefühle sucht, und eine Münchner Künstlerin, die ihren Ex vergessen will.
 
Schnell stellt sich heraus, dass sie alle ihr künftiges Liebesleben in die Hände von Profis legen wollen. Sie vertrauen dabei nicht den üblichen anonymen Online-Agenturen, sondern so genannten „Matchmakern“: Sarah, die Wienerin, macht Nägeln mit Köpfen und lässt sich von ihrem Ashram gleich einen passenden Ehemann vermitteln, während der Finne Samsa bei einem künstlerischen Datingprojekt mitwirkt und Johanna, die Münchnerin, nach Irland reist, um dort am „Matchmaking Festival“ teilzunehmen. Dort findet sie zwar nicht die große Liebe, aber immerhin zurück zu sich selbst.
 
Über ein Jahr verfolgt Lia Jaspers die Wege der drei bindungshungrigen Liebesaspiranten. Sie begleitet die Künstlerin Johanna, die sich nach ihrer Rückkehr aus Irland mit Feuereifer auf die Arbeit stürzt und schließlich eher zufällig von Amors Pfeilen erwischt wird. Ganz anders dagegen Samsa, der sich mit verschiedenen Frauen durch das ganze umfangreiche Programm des Projekts arbeitet und dabei jede Menge emotionale Hochs und Tiefs erlebt. Und Lia Jaspers reist mit Sarah nach Litauen, in das Land, wo Jonas lebt, der für sie als Ehemann ausgesucht wurde – sicherlich die ungewöhnlichste der drei Geschichten: eine vermittelte Ehe mitten im modernen Europa! Sarah gibt tatsächlich ihr bisheriges Leben auf, um Jonas nach Tallinn zu folgen, aber immerhin gönnen sich die beiden ein paar Monate Bedenkzeit, bis sie sich entscheiden, ob sie wirklich heiraten wollen. Lia Jaspers verzichtet auf Kommentare und beobachtet die Menschen und ihre merkwürdigen, manchmal ziemlich komischen Umtriebe aus einem eher neutralen Blickwinkel, was den Film zeitweilig etwas spröde, aber nicht weniger sympathisch macht.

Sympathisch sind sie alle, die da quer durch Europa mit unterschiedlichen Erwartungen auf Partnersuche gehen. Doch eigentlich wünschen sie sich alle nur das Eine: Geborgenheit. Erstaunlicherweise – denn immerhin leben wir in nahezu tabulosen Verhältnissen – scheint Sex bei den bindungswütigen Singles eine eher untergeordnete Rolle zu spielen. Oder die Sehnsucht nach Sicherheit und Beständigkeit ist so groß, dass sie alles andere überlagert. Vielleicht macht sich auch hier der alltägliche Kontrollzwang bemerkbar: Mit Ende 20, Anfang 30 werden diese jungen Menschen von unbegreiflicher Torschlusspanik erfasst – wer dann noch nicht in festen Händen ist, hat womöglich in seiner Liebeskarriere versagt, die genauso organisiert werden will wie der berufliche Aufstieg. Das wäre dann auch die wichtigste Erkenntnis aus dem freundlichen kleinen Film: Die Liebe wird es immer geben, aber für junge Leute scheint es schwieriger zu werden, zueinanderzufinden. Und wenn sie es schaffen, dann vermutlich auch, weil sie es aufgegeben haben, die große Liebe zu planen.
 
Gaby Sikorski