Maternal

Die italienische Regisseurin Maura Delpero hat bislang Dokumentationen inszeniert, mit „Maternal“ präsentiert sie nun ihren ersten Spielfilm, in dem es um junge Mütter in einem Wohnheim geht, das von Nonnen geleitet wird. Delpero hat sehr genau beobachtet und erzählt eine stille, aber kraftvolle Geschichte über Freund- und Mutterschaft, wobei sie auf einen Mix aus gestandenen Schauspielern und Laien setzte.

Website: www.missingfilms.de

Argentinien/Italien 2019
Regie: Maura Delpero
Buch: Maura Delpero
Darsteller: Lidiya Liberman, Denise Carrizo, Agustina Malale, Isabella Cilia, Alan Rivas, Livia Fernán, Marta Lubos, Renata Palminiello
Länge: 91 Minuten
Verleih: missingFILMS
Kinostart: 10. Dezember 2020

FILMKRITIK:

Luciana und Fati sind seit Kindheitstagen miteinander befreundet. Sie beide haben Zuflucht in einem Wohnheim für jugendliche Mütter gesucht, das von Nonnen geführt wird. Luciana ist mehr an ihrem Freund, als an ihrer Tochter interessiert. Fati ist wieder schwanger. Während Fati sich den Regeln anpasst, hadert Luciana mit ihnen. Als die jungen Nonne Paola nach Buenos Aires kommt, um in dem Wohnheim ihr Noviziat zu beenden, kümmert sie sich vor allem um Lucianas Tochter. Sie entwickelt eine Bindung zu dem Mädchen, die nur noch gestärkt wird, als Luciana eines Tages verschwindet.

Vier Jahre hinweg lebte Maura Delporo selbst in einem solchen Wohnheim und hat dort auch gearbeitet. Sie lernte den Alltag der Mädchen kennen und besetzte eines davon später sogar in ihrem Film. Denn bei „Maternal“ lag es Delporo auch sehr am Herzen, so wahrhaftig, authentisch und realistisch wie möglich zu sein. Das hat sie einerseits erreicht, weil sie den Ablauf in einem solchen Wohnheim genau beobachtet hat und ihn nun schildert, andererseits, weil sie nicht nur auf Schauspielerinnen, sondern auch auf Laien setzte, so dass sich eine rohe Unmittelbarkeit einstellt.

Sie beschreibt dieses Leben sehr genau – und wohl auch anders, als man es erwartet hätte. Die jungen Mütter sind das, was man klassischerweise als gefallene Mädchen bezeichnen würde. Zumindest, wenn man religiösen Kontext heranzieht. Aber die Nonnen wiederum handeln, ohne zu urteilen. Sie bieten den jungen Müttern ein Korsett, ein Umfeld mit strengen Regeln, aber ohne mit dem erhobenen Zeigefinger zu fuchteln. Diese Frauen zeichnet eine enorme Menschlichkeit aus. Zudem ist die Wechselwirkung interessant zu beobachten. Hier die gefassten, in sich ruhenden Nonnen, dort die jungen Frauen, die über die Stränge schlagen und aufbegehren. Dazwischen befinden sich drei Figuren: die beiden Freundinnen und die junge Nonne, die durch ihre Erlebnisse gezwungen ist, ihren Lebensweg noch einmal zu prüfen.

„Maternal“ ist ein roher, lebendiger, unverfälschter Film, der eine Welt zeigt, die frei von Männern ist. Und dennoch spürt man gerade auch hier den Druck des Patriarchats, dem sich weder die Nonnen, noch die jungen Mütter entziehen können. Aber dafür zeichnet der Film das Bild bedingungsloser Solidarität, die sich zeigt, wenn die Frauen für einander da sind. Es ist ein leiser, bemerkenswerter Film, den Maura Delporo hier abgeliefert hat. Ein Stück echtes Leben, das deshalb auch so gut funktioniert, weil man wirklich glauben kann, Figuren wie diesen im eigenen Leben zu begegnen.

Peter Osteried